So sieht die Aktivkohle aus, die in der Anlage auf dem Areal der Gemeinschaftskläranalge für Baden-Baden und Sinzheim produziert wird. Sie ist ein weltweites Pilotprojekt.
So sieht die Aktivkohle aus, die in der Anlage auf dem Areal der Gemeinschaftskläranalge für Baden-Baden und Sinzheim produziert wird. Sie ist ein weltweites Pilotprojekt. | Foto: Bernd Kamleitner

Baden-Baden und Sinzheim

Weltweites Pilotprojekt: wertvolle Aktivkohle aus Restbiomasse

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Das Konzept hört sich genial an: Das ist es auch! Die Aktivkohle, die für die Reinigung der Abwässer der 83000 Einwohner aus der Region Baden-Baden und Sinzheim benötigt wird, wird aus in der Region anfallenden Grünabfällen in einer Anlage auf dem Areal der Gemeinschaftskläranlage produziert – statt sie aus fernen Ländern wie China zu importieren. Dort wird sie zum Teil von Kindern und unter widrigsten Arbeitsbedingungen hergestellt.

Beispiel aus Mittelbaden soll Schule machen

Diese dezentrale Lösung aus Mittelbaden soll international Schule machen. Derzeit ist die weltweite Pilotanlage auf dem Areal der Kläranlage bei Sinzheim im Testbetrieb. RE-DIRECT heißt ein von der Europäischen Union gefördertes Projekt. Ziel ist es, anfallende Biomasse – allein in Nordwesteuropa sind das rund 34 Millionen Tonnen im Jahr, die ungenutzt verrotten – effizient zu nutzen.

Aktivkohle wird zur Abwasserreinigung eingesetzt

Rund 1 000 Tonnen von Rückständen aus der Grünabfallentsorgung sollen in der Verkohlungsanlage bei Sinzheim pro Jahr verarbeitet werden. Zurück bleiben dann 200 bis 300 Tonnen Aktivkohle. „Das ist die Menge, die wir zur Abwasserreinigung jährlich brauchen“, betont Bernhard Schäfer, Technischer Geschäftsführer des Eigenbetriebs Umwelttechnik der Kurstadt.

Bernhard Schäfer (rechts), Technischer Geschäftsführer des Eigenbetriebs Umwelttechnik der Stadt Baden-Baden und Professor Michael Wachendorf von der Uni Kassel präsentieren Aktivkohle aus der Textanlage in Sinzheim.
Bernhard Schäfer (rechts), Technischer Geschäftsführer des Eigenbetriebs Umwelttechnik der Stadt Baden-Baden und Professor Michael Wachendorf von der Uni Kassel präsentieren Aktivkohle aus der Testanlage in Sinzheim. | Foto: Bernd Kamleitner

Der Testlauf soll Aufschluss über die Qualität der Substanz geben. Davon hängt die jeweilige Verwendung der Aktivkohle ab. 55 Möglichkeiten sind dafür definiert, vor allem in der Trinkwasseraufbereitung und der Abwasserbehandlung. Deshalb wird das Projekt auch wissenschaftlich begleitet, erklärt Professor Michael Wachendorf von der Uni Kassel.

Partner aus fünf Ländern sind mit im Boot

Insgesamt sind neben Deutschland noch Partner aus Belgien, Frankreich, Irland und Wales am Projekt beteiligt. Rund 80 Teilnehmer einer internationalen Konferenz befassten sich im Kurhaus Baden-Baden mit der Thematik, die als zukunftsweisend gilt. Es soll schon Interessenten für weitere Anlagen geben.

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Professor Michael Wachendorf von der Uni Kassel begleitet das Projekt zur Herstellung von Aktivkohle aus Restbiomasse wissenschaftlich. | Foto: Bernd Kamleitner

Künftig, so Wachendorf, soll es in einem weiteren Projekt darum gehen, wie das Verfahren vor Ort eingesetzt werden kann. Als Beispiel nennt er etwa die Verarbeitung von Adlerfarn, der sich im schottischen Hochland immer mehr verbreitet. „Der Farn kann nicht an Tiere verfüttert werden, weil er für sie giftig ist“, erläutert Wachendorf. Der Anlage, die aus dieser Restbiomasse Aktivkohle herstellt, mache das dagegen nichts aus.

Lösungen für unterschiedliche Ansprüche

Oder: In Irland gilt Rhododendron als invasive Art. Auch hier fallen große Mengen an Biomasse an, die mit der Verkohlung effizient genutzt werden könnten – natürlich vor Ort. Das gilt ganz allgemein auch für Grünlandschaften, die etwa wegen ihres Blütenreichtums erst spät im Jahr gemäht werden und deshalb nicht an Tiere verfüttert werden können und somit dem Tierhalter ökonomisch keinen Nutzen bringen.

Elefantengras kommt von PFC-Flächen

In der Region gibt es zudem die PFC-verunreinigten Flächen. Dort angebautes Elefantengras (Miscanthus) kann ebenfalls in der Anlage verarbeitet werden. „So schließt sich regional der Kreis“, bilanziert Schäfer.

Vor produzierte Aktivkohle ist günstiger als importierte

Noch einen anderen Vorteil hat die vor Ort produzierte Aktivkohle, sie ist günstiger als die importierte. Und die Nachfrage nach dem Produkt wird steigen, wenn für Kläranlagen – allein in Deutschland gibt es rund 10000 – eine vierte Reinigungsstufe vorgeschrieben wird. Aktivkohle kann unerwünschte Spurenstoffe wie Hormone oder Arzneimittelrückstände, die der Mensch hinterlässt, herausfiltern.

Stichwort Aktivkohle: Das schwarze Material spielt in der Wasseraufbereitung eine große Rolle. Wenn Flüssigkeit oder Gas die Aktivkohle durchströmt, werden Schadstoff-Moleküle an der Oberfläche gebunden. Weltweit bestehe ein Bedarf von rund zwei Millionen Tonnen pro Jahr, so die Pyreg GmbH, die die Pilotanlage in Baden-Baden erprobt. Dort wird Aktivkohle aus regional nachwachsenden Rohstoffen gewonnen. Bislang wird sie vor allem im außereuropäischen Ausland aus Stein- und Braunkohle oder Kokosfasern hergestellt. Zuletzt wurden rund 70 000 Tonnen pro Jahr nach Deutschland importiert. Eine Tonne kostet – je nach Marktlage – zwischen 1 500 und 2 000 Euro. Tendenz: wegen der zunehmenden Nachfrage steigend!