Wer hat alle Verkehrszeichen im Blick? Der Schilderwald gedeiht auch in Baden-Baden prächtig.
Wer hat alle Verkehrszeichen im Blick? Der Schilderwald gedeiht auch in Baden-Baden prächtig. | Foto: Bernd Kamleitner

Wildwuchs nimmt zu

Weniger ist mehr – aber nicht beim Schilderwald in Baden-Baden

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Weniger ist mehr, heißt es. Doch das Sprichwort passt (noch) nicht beim Thema Schilderwald. Der gedeiht auch in Baden-Baden prächtig – immer noch. Wie viele Verkehrszeichen in der Bäderstadt tatsächlich existieren, das weiß aber keiner. Mehrere Tausend werden es wohl sein, schätzt der städtische Pressesprecher Roland Seiter und verweist allein auf rund 360 Straßen im Stadtkreis. Der gute Wille, den Schilderwald zu entrümpeln, ist bei der Stadtverwaltung zwar da, aber in der Praxis werden es – man ahnt es – unter dem Strich zumeist doch eher mehr Verkehrszeichen.

Wenn am Donnerstag (14.November 2019)  der Bauausschuss tagt, geht es in einem mündlichen Vortrag um das Thema „Bereinigung Schilderwald in Baden-Baden“. Seiter betont, dass das ein dauerhaftes Bestreben sei. Doch Anregungen oder gar Forderungen von Bürgern oder der Polizei bringen in der Regel einen entgegengesetzten Trend: „Meist geht es dann um zusätzliche Schilder oder Straßenmarkierungen!“ Verkehrszeichen sind aber nur eine Seite der Medaille.

Ihre Meinung ist gefragt: Sind Ihnen in Ihrem Umfeld im Stadtkreis Baden-Baden Verkehrszeichen bekannt, die überflüssig oder vielleicht sogar vollkommen sinnlos erscheinen? Dann nennen Sie uns Beispiele mit dem konkreten Standort, einer kurzen Beschreibung und möglichst mit einem Foto. Einsendeschluss ist am Sonntag, 17. November. Die BNN-Lokalredaktion Baden-Baden wird ausgewählte Beiträge der Leserinnen und Leser unter die Lupe nehmen und darüber berichten. Kontakt: bkamleitner@bnn.de

Einen regelrechten Wildwuchs im Schilderwald verzeichnet die Kommune bei privaten Hinweis- und Werbeschildern. Darunter leide nicht nur das Stadtbild, sondern auch die Verkehrssicherheit. Jüngst mahnte die städtische Pressestelle bereits, dass das eigenmächtige Anbringen solcher Tafeln im öffentlichen Straßenraum nicht erlaubt ist. Gewerbebetriebe, die ein Hinweisschild wünschen, müssen demnach beim städtischen Fachbereich Ordnung und Sicherheit „eine Gestattung beantragen“, heißt es aus der städtischen Pressestelle.

Nicht amtliche Hinweisschilder an der B 500, der Stadteinfahrt in Baden-Baden
Nicht amtliche Hinweisschilder an der B 500, der Stadteinfahrt in Baden-Baden | Foto: Bernd Kamleitner

ADAC: Den Kampf führen wir seit Jahren

Der Kampf gegen ein ständiges Wachstum des Schilderwaldes scheint einem Kampf gegen Windmühlen gleichzukommen. „Den Kampf führen wir seit Jahren“, erläutert Carl-Heinz Schneider vom ADAC Südbaden die Erfahrung bei den Verkehrszeichen. Immer mehr und detailliertere Regelungen seien vielfach Sachzwänge, die zusätzliche Schilder erforderten.

Wer kann diese Informationsflut noch aufnehmen? Hinweisschilder in Baden-Baden.
Wer kann diese Informationsflut noch aufnehmen? Hinweisschilder in Baden-Baden. | Foto: Bernd Kamleitner

„Das nötige Maß zu finden, ist Sache der Ordnungsämter“, meint der für Verkehr und Technik zuständige Experte des Automobilclubs. Bisweilen sei – da kommt das bekannte Sprichwort wieder ins Spiel – weniger durchaus mehr, weil sonst die Gefahr bestehe, dass Verkehrsteilnehmer die Botschaften der Verkehrszeichen übersehen, erläutert Schneider. Eine Häufung von Hinweisen an Schilderbäumen könne „kein Mensch verarbeiten und auch nicht in sekundenschnelle befolgen“.

Realitätsnahe Regelungen sind gefordert

Der ADAC-Mann plädiert für „realitätsnahe Regelungen“. Manchmal könne etwa eine durchgezogene Mittellinie Überholverbotsschilder ersetzen. Und: Grundsätzlich helfe eine „selbsterklärende Straßenführung Unfälle zu verhindern und zusätzliche Schilder zu vermeiden“. Die vielen „nichtamtlichen Schilder“ sind zudem auch dem ADAC-Experten ein Dorn im Auge. Mit Blick auf ein trendiges neues Verkehrsmittel geht er allerdings bald eher noch von einem Zuwachs bei den amtlichen Verkehrszeichen aus: Auch die Fahrer von Elektrorollern müssen schließlich Regeln einhalten.

Ob springendes Reh, Halteverbot oder Bahnübergang: Verkehrszeichen gibt es in Deutschland seit dem Jahr 1934. Seitdem hat sich im Schilderwald einiges getan. Als Spiegel ihrer Zeit haben sich auch Stoppschild und Co weiterentwickelt oder sind sogar ganz verschwunden. Ein Überblick:

:• Einheitliche Regeln für Autofahrer gelten in Deutschland seit über 100 Jahren.
• Die Grundlage für die heute bekannten Verkehrszeichen bildete die Reichs-Straßenverkehrs-Ordnung vom 28. Mai 1934. Stoppschild und Überholverbot gab es darin noch nicht.
• Ein dreieckiges, rot-blaues Schild mit der Aufschrift „Halt“ gab es seit 1939, das Stoppschild in seiner heutigen Form existiert erst seit dem Jahr 1971. Das achteckige, rote Stopp-Zeichen mit nur einem „p“ überlebte auch die deutsche Rechtschreibreform.
• Mehr als 20 Millionen Verkehrsschilder säumen Deutschlands Straßen. Wie viele es ganz genau sind, ist nicht zu beziffern. Im Online-Handel gibt es sie schon ab knapp 30 Euro. Insgesamt soll es in Deutschland rund 650 verschiedene Verkehrszeichen geben.
• Ganz auf den Schilderwald verzichtet hat 2008 als erste deutsche Gemeinde Bohmte bei Osnabrück – im Rahmen eines EU-Projekts. Im Ortskern gibt es keine Verkehrszeichen und keine Ampeln. Es gilt „rechts vor links“ und Rücksichtnahme. Das bescherte der Kommune überregionale Aufmerksamkeit. Die Idee des “Shared Space“ (gemeinsam genutzter Raum) stammt aus den Niederlanden.
• Straßenschilder sind auch Spiegel ihrer Zeit. Die Dampflok auf dem Schild für unbeschrankte Bahnübergänge wurde 1992 durch den modernen ICE ersetzt. Hinweisschilder mit der Frequenz von Radiosendern wurden 2003 entfernt. dpa/kam