Ein Naturwunder in Baden-Württemberg: Mit 60 Meter hohen Felswänden aus „Oberrotliegend-Sedimentgestein“ beeindruckt der Battert bei Baden-Baden. | Foto: abw

Geologie vor der Haustür

Wenn Kontinente kollidieren: Naturwunder in Baden-Württemberg

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Baden-Württemberg mit seiner landschaftlichen Vielfalt ist eine Schatzkammer für Geologen. Beeindruckende Naturwunder stellen Manuel Lauterbach und Christine Kumerics in ihrem Buch „Blautopf, Kaiserstuhl und Katzenbuckel“ vor. Zugleich liefern sie einen tiefen Einblick in die bewegte Erdgeschichte des Landes.

Geologen denken in Jahrmillionen

Einst waren der Odenwald, der Schwarzwald und die Vogesen Teil eines gigantischen Gebirgsbogens, der sich von Polen bis zur Iberischen Halbinsel erstreckte. Zugegeben, das ist schon eine Weile her. So etwa 418 bis 299 Millionen Jahre, wie Geologen sagen. Die Wissenschaftler, die sich mit der Struktur der Erdoberfläche beschäftigen, denken in großen Zeiträumen.

Und sie haben es mit gewaltigen Kräften zu tun. Mit Kollisionen von Erdteilen oder vulkanischen Aktivitäten etwa, aber auch mit Wind und Wasser, die über Jahrmillionen hinweg ganze Gebirge einebnen können.

Eine wahrlich bewegte Erdgeschichte

Baden-Württemberg mit seiner landschaftlichen Vielfalt ist eine Schatzkammer für Geologen. Aber auch Ausflügler haben ihre Freude an wilden Schluchten, bizarren Felsformationen, Mineral- und Heilquellen, Fossil-Fundstätten, Höhlen, Karseen, Vulkanruinen und und und … In ihrem Buch „Blautopf, Kaiserstuhl und Katzenbuckel“ stellen die Geologen Manuel Lauterbach und Christine Kumerics beeindruckende Naturwunder vor. Zugleich liefern sie einen tiefen Einblick in die bewegte Erdgeschichte Baden-Württembergs. Wobei „bewegt“ durchaus wörtlich zu nehmen ist, wie einige besonders spektakuläre Fakten aus drei Milliarden Jahren zeigen.

Schwarzwald – uralt

Der Schwarzwald, wie wir ihn heute kennen – mit dem steilen Abbruch nach Westen zum Oberrheingraben und einem „eher unscharfen“ Übergang nach Osten – verdankt sein Erscheinungsbild der jüngeren Gebirgsbildung vor „nur“ 65 bis 2,6 Millionen Jahren. Doch Wissenschaftler können in dem Mittelgebirge geologische Prozesse über einen Zeitraum von etwa drei Milliarden Jahre nachverfolgen, erläutern Lauterbach und Kumerics: Im Schwarzwald wurden Spuren der ältesten Gesteine Deutschlands nachgewiesen. Sie künden von einem ewigen Auf und Ab in der Region.

Ein Gebirge wird „eingeebnet“ – und wächst wieder in die Höhe

So entstand etwa der eingangs erwähnte Gebirgsbogen, der von Polen bis zur Iberischen Halbinsel reichte, durch die „Auffaltung“ und andere Prozesse beim Zusammenprall des einstigen Südkontinents Gondwana (bestehend aus dem heutigen Afrika, Südamerika, Australien und der Antarktis) mit dem Nordkontinenten Laurussia (Europa, Nordamerika, Asien). Das Gebirge wurde durch Wind und Wasser im Lauf der Jahrmillionen jedoch weitgehend eingeebnet. Dafür, dass der Schwarzwald und die Vogesen erneut in die Höhe wuchsen, sorgte eine weitere Kontinental-Kollision.

Mit dem Auf und Ab ist es übrigens nicht vorbei. Bis heute werde der Schwarzwald „herausgehoben“, sagen Lauterbach und Kumerics. Doch gehe die Hebung mit Abtragung und Erosion einher, sodass Deutschlands größtes Mittelgebirge alles in allem seine Höhe halten werde. Zumindest bis zum Einsetzen neuer geologischer Prozesse.

Bruchzone Oberrhein

Während die Kollision der Afrikanischen mit der Europäischen Erdplatte den Schwarzwald und die Vogesen erneut in die Höhe wachsen ließ, tat sich zwischen den einstmals zusammengehörenden Gebirgen ein Graben auf: Das Oberrheingebiet ist die „größte Bruchzone Europas“. Seit dem Einbruch vor 55 bis 35 Millionen Jahren stießen die „Vorläufer“ von Nordsee und Mittelmeer in diesem Graben mehrmals ins Herz Europas vor. Maritime Sedimente zeugen davon. Zugleich füllte Schutt aus dem umliegenden Gebirge den Graben auf.

Vulkanismus

Auch Vulkanismus prägt das Oberrheingebiet: Entlang tiefer Risse in der Erdkruste stieg Magma auf – so entstand der Kaiserstuhl. Der Mahlberg in der Ortenau, der Steinsberg im Kraichgau und der Katzenbuckel im Odenwald sind ebenfalls Zeugnisse vulkanischer Aktivität.

Die Spalten an den Grabenrändern begünstigten zudem den Aufstieg von mineralhaltigem und warmen Grundwasser. Sasbach-Erlenbad, Ottersweier-Hub, Bad Rotenfels, Baden-Baden und andere Kur- und Badeorte am Westrand von Schwarzwald und Kraichgau profitieren davon.

Versinkt Karlsruhe irgendwann im Meer?

Weniger erfreulich ist die seismische Aktivität mit häufigen Erdbeben. Und: Innerhalb der „Schwächezone“ sinkt die Erdkruste bis heute weiter ab – lokal ein bis zwei Millimeter pro Jahr. Ob dadurch Heidelberg irgendwann zum Hochseehafen wird oder gar ein neues Meer Europa in zwei Teile reißt und Karlsruhe versinkt? Dazu wagen Lauterbach und Kumerics mangels einer „belegbaren Theorie“ keine Prognose.

Kosmische Katastrophe auf der Alb

Geologen sind es gewohnt, in Jahrtausenden oder Jahrmillionen zu rechnen. Aber manchmal wird eine Landschaft auch innerhalb von Sekunden zerstört. So wie vor 14,8 Millionen Jahren zwischen Schwäbischer und Fränkischer Alb.

Eine Sprengkraft wie 250.000 Hiroshima-Bomben

Beim heutigen Nördlingen schlug ein Meteorit ein. Er hatte einen Durchmesser von einem Kilometer. Seine Sprengkraft war laut Lauterbach und Kumerics mit etwa 250.000 Hiroshima-Bomben vergleichbar. Beim Einschlag entstand ein 25 Kilometer weiter und 750 Meter tiefer Krater: das Nördlinger Ries, dessen westlicher Rand in Baden-Württemberg liegt.

Von dem Meteoriten hatte sich ein kleineres Geschoss abgespalten, das beim Albuch aufprallte und das 3,5 Kilometer große Steinheimer Becken hinterließ. Wahnsinn: Die Erdoberfläche wurde beim Aufschlag auf etwa 20 000 Grad Celsius erhitzt. Gesteine verdampften, schmolzen oder wurden in ihrer Struktur verwandelt.

Im Film kann man den „Impakt“ nacherleben

Heute sind das Nördlinger Ries und das Steinheimer Becken als Nationales Geotop ausgewiesen. Der Besuch des Meteorkratermuseums in Steinheim verspricht Faszination und Grusel zugleich, ein Film lässt den „Impakt“ nacherleben. Aber man möchte sich lieber nicht vorstellen, dass erneut so ein Meteorit auf Deutschland zurasen könnte. Immerhin spricht die statistische Wahrscheinlichkeit dagegen, dass wir das erleben müssen: Lauterbach und Kumerics berichten von Berechnungen, wonach nur etwa alle Million Jahre ein Meteorit einschlägt, der einen Krater von mehr als 20 Kilometer Durchmesser erzeugen könnte.

Das Buch | Foto: Konrad Theiss Verlag

Das Buch über die Naturwunder Baden-Württembergs

Mit „Blautopf, Kaiserstuhl und Katzenbuckel“ laden die promovierten Geologen Manuel Lauterbach und Christine Kumerics interessierte Laien dazu ein, Baden-Württembergs Naturwunder zu entdecken und erdgeschichtliche Zeugnisse sowie Landschaftselemente „lesen“ zu lernen. Lust darauf macht der schön gestaltete Band mit vielen Bildern, Kartenskizzen und GPS-Angaben der geologischen Highlights zum Download. „Hegau – Des Hergotts Kegelspiel“ oder „Wasserfälle und Stromschnellen – Die wilde Seite des Rheins“:

So leicht und locker, wie es die ansprechenden Kapitel-Überschriften vermuten lassen, liest sich das Buch freilich nicht. Wenn die Autoren beispielsweise von „eozänen bis unteroligozänen Küstenkonglomeraten“ sprechen, die auf dem Schönberg bei Freiburg „in die spätere Hebung des Grabenrandes miteinbezogen“ wurden, dürfte das manchen interessierten Laien trotz guter Allgemeinbildung vor Herausforderungen stellen. Immerhin: Wer sich mit Hilfe der geologischen Zeittafel und des Glossars durch die bisweilen leider arg fach- und fremdwortlastigen Texte beißt, wird mit vielen spannenden und oft verblüffenden Erkenntnissen belohnt.

Manuel Lauterbach / Christine Kumerics, Blautopf, Kaiserstuhl und Katzenbuckel. Naturwunder in Baden-Württemberg, 176 Seiten, Konrad-Theiss-Verlag, 39,95 Euro.