Tobias Herzog ist inmitten der Priesterausbildung, hat aber auch Zweifel angesichts der Anforderungen des Berufs. Zurzeit ist er in der Pfarrei Denzlingen in Freiburg | Foto: Raviol

Priester-Anwärter berichtet

„Wird immer wieder vorkommen, dass ich mich verliebe“

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Hierarchie, Zölibat, Missbrauch: Wer möchte heute noch Priester werden? Tobias Herzog möchte diesen Weg in Freiburg gehen. Der 25-Jährige spricht über Leidenschaft und Zweifel.

Tobias Herzog hat viel über das Verliebtsein nachgedacht. Der 25-Jährige unterscheidet: „Ist es eine Schwärmerei, die ein paar Wochen anhält? Oder ist es stärker und ich muss mich damit existenziell auseinandersetzen?“ Herzog lässt sich beim Erzbistum Freiburg zum Priester ausbilden.

Im Sommer soll er zum Diakon geweiht werden, im Mai 2020 könnte er Priester sein. Kein leichter Weg. Er spricht viel über den Zölibat. „Was mache ich, wenn ich mich während der Ausbildung verliebe?“, fragt Herzog und gibt sich selbst die Antwort: „Verdrängen würde nicht gut gehen.“ Zölibat, Missbrauchsfälle, sinkender Ruf, Verantwortung für größer werdende Pfarreien – viele Themen treiben die angehenden Priester um.

Herzog ist ein kirchlicher Spätzünder

„Sie bringen frischen Wind rein“, sagt der Leiter des Priesterseminars, Christian Heß (45). „Die Zahlen gehen aber zurück, das spiegelt die Wirklichkeit wider.“ In diesem Jahr sollen sechs Priester geweiht werden, künftig rechnet das Erzbistum mit zwei, drei pro Jahr.

Heß gibt sich aber kämpferisch: „Ich werde mich unabhängig von der Zahl Jahr für Jahr ins Zeug legen.“ Mut macht ihm jeder einzelne angehende Priester, auch die älteren Anwärter, Quereinsteiger. Manche waren vorher Koch, Lkw-Fahrer oder Manager. „Sie geben viel auf – eventuell einen ganzen Betrieb, um Priester zu werden.“

Manche Anwärter haben als Kind Gottesdienste nachgespielt, mit einem Tischchen, zwei Kerzen, einem Umhang. „Das war bei mir gar nicht so“, sagt Herzog. Er hatte kein Aha-Erlebnis, sein Werdegang ist unspektakulär.

Ein Spätzünder, der mit 16, 17 Jahren Ministrant wird, sich davor eher für Leistungsschwimmen interessiert, ab der Oberstufe für Theologie – und es dann mal mit dem Priesterseminar versuchen möchte. „Ich mache mir total gerne Gedanken um Texte der Bibel“, sagt er.

 

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Stärken in der Jugendarbeit

Mittlerweile hat er seine Erfahrungen in Denzlingen, einer 13 000- Einwohner-Gemeinde bei Freiburg, gemacht. Dort gibt es wie überall noch traditionelle Kirchengänger. „Man spürt aber, dass der Glaube nicht mehr so verankert ist“, sagt Herzog.

Er hilft dem Pfarrer vor Ort, sieht seine Stärken in der Jugendarbeit. „Ich würde gerne schnell Verantwortung übernehmen“, sagt Herzog. Er weiß, dass er sich gedulden muss. Der Schritt war für seine Eltern nicht leicht, gibt er zu. „Mein Vater unterstützt mich, wenn es mich glücklich macht.“ Seine Mutter hat sich Enkel gewünscht. Mittlerweile fällt es ihr leichter. „Sie spürt mein Durchhaltevermögen.“

Herzog lernt, was enthaltsames Leben bedeutet und sieht zugleich, wie Freunde heiraten, Freundinnen Kinder bekommen. „Ich gönne es ihnen total, merke auch den Verzicht – aber es macht mich nicht todunglücklich. Ich finde es schön, Anteil zu haben.“ Im Krankenhaus hat er in seiner Ausbildung mit Menschen gesprochen, die Angst vor Untersuchungen haben, sie ermutigt, zugehört. „Das gibt mir eine innere Erfüllung.“

Eine Freundin im Theologie-Studium

Verliebt hat er sich zuletzt im Theologiestudium. „Ich habe gemerkt: Da ist was.“ Zugleich habe er gedacht: „Moment mal, ich bin Priesterkandidat.“ Nach ein paar Monaten Beziehung wurde er unruhig. Er entschied sich gegen die Frau und für die Ausbildung. „Zu sagen, ich hätte eine endgültige Entscheidung getroffen, wäre ein Fehlschluss“, sagt Herzog. „Es wird immer wieder vorkommen, dass ich mich verliebe. Es ist dann eine Frage der Einstellung.“ Wenn er dann aber mal Priester ist, gebe es eine Verbindlichkeit gegenüber Gott.

Der Vergleich sei schief, sagt Herzog, zieht ihn dann aber doch: „Wie wenn ich jemanden heirate. Ich möchte das leben, mit all meiner Motivation und Leidenschaft – bin mir aber bewusst, dass ich das Versprechen zu einem Zeitpunkt abgebe. Ich kann nicht garantieren, was in 20 Jahren sein wird.“ Herzog ist sich beim Zölibat mittlerweile sicher: „Ich kann das leben.“ Und doch sagt er: „Diese Lücke der fehlenden Partnerin kann ich durch nichts ersetzen.“

Predigt zum Germanwings-Unglück

Was klingt wie ein Hin und Her, ist durchaus gewünscht, sagt Ausbildungsleiter Heß: „Wir wollen keinen Jubel-Katholizismus.“ Zweifel gehörten dazu. „Bei uns kommt es aufs Herz an“, sagt Heß. Und auf Lernbereitschaft. „Wenn einer kommt und weiß schon alles, kann ich nichts für ihn tun.“ Zudem müssen Interessierte psychisch und physisch belastbar sein. Der Priesterberuf sei vergleichbar mit dem eines Lehrers oder Bürgermeisters. „Wir haben keine 40-Stunden-Woche.“

Herzog erinnert sich gerne an seine erste Predigt in Baden-Baden. Karfreitag, 400 Besucher. Der Karfreitag gilt unter Pfarrern als eine der größten Herausforderungen. Leid ist das bestimmende Thema in dieser Zeit, manche flüchten in ihrer Predigt schon Richtung Auferstehung, etwas Positives.

Herzog sprach über den Germanwings-Flug 9525, über den Piloten, der sich und 150 Menschen absichtlich in den Tod lenkte. Herzog sprach darüber, wie Menschen mit Leid umgehen können – und gab zu, dass auch Seelsorger manchmal nur schweigen können. „Es ging den Besuchern nahe“, sagt er. „Die Rückmeldungen aus der Gemeinde waren sehr gut.“

„Dann würde ich meinen Rücktritt einreichen“

Kommunikation sei für Priester viel wichtiger als früher, betont Heß. Auch intern. Wegen der Missbrauchsfälle hätten die 24 Priesteranwärter einen Gesprächskreis gegründet. „Sie wollen mit Menschen anders umgehen. Das hat mich beeindruckt und ist ein Hoffnungszeichen.“ Solche Zeichen sind wichtig, immer weniger Menschen lassen sich zum Priester ausbilden. 2003 wurden bundesweit 130 Priester geweiht, 2017 waren es nur noch 74.

Ein Drittel bis zur Hälfte der Bewerber werden beim Erzbistum Freiburg abgelehnt. „Das Signal ist wichtig, dass die Kirche nicht ihre Leute durchwinkt“, sagt Ausbildungsleiter Heß. „Wenn jemand sagen würde, wir senken die Kriterien, dann würde ich am nächsten Tag meinen Rücktritt einreichen.“

Manche Bewerber finden einfach keinen Job oder keine Partnerin. „Wenn einer bei uns Versorgung sucht, kann ich ihn nicht aufnehmen.“ Generell bewerben sich Linke wie Rechte, auch Menschen, die über Wohnungslose herziehen oder als Pfarrer Allmachtsfantasien ausleben wollen. „Alles, was in der Gesellschaft vorkommt, könnte auch an unsere Haustüre klopfen“, sagt Heß. Manchmal bleibt die Tür dann zu.

Auch in der Freizeit ist Herzog Priester

Darf ein junger Mann, der sich zu seiner Homosexualität bekennt, Priester werden? Die Antwort fällt nicht leicht in einer Welt, in der sich der Papst dafür ausspricht, Menschen mit „dieser tiefverwurzelten Tendenz“ sollten nicht zu Priesterseminaren zugelassen werden.

Wie ist das in Freiburg? Heß sagt: „Der Zölibat gilt für alle.“ Man müsse „Menschen, die so veranlagt sind“, mit Respekt begegnen. „Homosexualität ist keine Krankheit. Der Auftrag der Kirche ist, dass Menschen so leben können, dass sie glücklich leben.“

Auf Feiern oder anderen privaten Anlässen wird Priesteranwärter Herzog auf Positionen der katholischen Kirche angesprochen. Dann taucht eine Frage auf: Was ist mit Frauen im Priestertum? Herzog atmet tief ein, kratzt sich am Bart. „Es ist eine Möglichkeit – aber ich bin Realist. Die Position ist eine Entscheidung des Papstes, eigentlich unumstößlich.“

Oft muss er auch erklären, dass er nicht nur kirchliche Musik, sondern gerne Indie hört, nicht den ganzen Tag theologische Literatur liest, sondern auch mal Serien wie „Game of Thrones“ sieht. „Man hat auch andere Themen als den eigenen Glauben“, sagt Herzog.