Vakanz: Aufgrund der Ermittlungen gegen den bisherigen Pfarrer übernehmen andere Geistliche die Vertretung in der Evangelischen Pauluskirche Baden-Baden. | Foto: Rudolphi

Pfarrstellen sind unbesetzt

Vakanzen führen zu angespannter Situation in Baden-Baden

Anzeige

Nachdem der Pfarrer der Evangelischen Paulusgemeinde Baden-Baden, der im Verdacht steht, sexuellen Kontakt zu einer Schutzbefohlenen gehabt zu haben, seinen Dienst niedergelegt hat, ist die Situation im Evangelischen Kirchenbezirk Baden-Baden und Rastatt angespannt. Neben der aktuellen Vakanz in der Weststadt ist die Friedensgemeinde in Baden-Oos seit gut eineinhalb Jahren ohne regulären Pfarrer.

Nach Auskunft von Dekan Thomas Jammerthal verschärfen zudem längere Vakanzen in Bietigheim/Muggensturm und in Bühlertal die Lage im Kirchenbezirk.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen Pfarrer

Der Pfarrer der Paulusgemeinde hat eingeräumt, vor neun Jahren die Nähe zu einer 14-jährigen beziehungsweise 15-jährigen Jugendlichen gesucht und einverständlich eine sexuelle Beziehung mit ihr begonnen zu haben. Nach einer Anzeige einer Unbekannten führt die Staatsanwaltschaft Baden-Baden seit vergangenem September strafrechtliche Ermittlungen gegen den Seelsorger.

Es herrscht große Betroffenheit

„In der Paulusgemeinde herrscht nach wie vor große Betroffenheit“, schildert Jammerthal im BNN-Gespräch die Stimmung. Es gebe aber auch viel Sympathie für den Geistlichen. „Sein Handeln ist nicht zu billigen, das steht außer Frage. Jedoch lässt sich das Wirken des Seelsorgers nicht auf dieses Vergehen und das laufende Ermittlungsverfahren reduzieren“, erläutert der Dekan.

Vertretungen übernehmen die Seelsorge

Trotz der Vakanzen sei die seelsorgerische Arbeit in beiden Gemeinden gewährleistet. In der Paulusgemeinde ist Pfarrerin Marlene Bender eingesprungen. Bei der Verwaltungsarbeit unterstützt sie ihr Mann Manfred Bender, Pfarrer im Ruhestand. In der Friedensgemeinde hat Bettina Roller die Vakanzvertretung übernommen, Schuldekan Helmut Mödritzer ist für die Verwaltung zuständig.

Ein Geistlicher nimmt Abschied nach Streit

Der des sexuellen Missbrauchs verdächtigte Geistliche war bis zu seinem Rücktritt Vakanzvertreter in der Friedensgemeinde, nachdem der dortige Pfarrer Kornelius Gölz nach Differenzen mit dem Ältestenkreis zum Führungsstil und zur Gemeindeleitung seinen Abschied genommen hatte.

Stellenausschreibungen bleiben ohne Erfolg

„Die Stelle in der Friedensgemeinde war zwei Mal ausgeschrieben. Es hat sich aber niemand beworben“, berichtet Jammerthal. Er habe eigentlich gedacht, Baden-Baden sei für einen Pfarrer attraktiv. Es sei jetzt Aufgabe des Oberkirchenrats, die Stelle neu zu besetzen.

Ohne regulären Pfarrer: Die Stelle in der Evangelischen Friedenskirche ist nach wie vor unbesetzt. Bei zwei Ausschreibungen gingen keine Bewerbungen ein. | Foto: Rudolphi

Pfarrermangel besteht nicht

Einen akuten Pfarrermangel wie bei den Katholiken gebe es in der Evangelischen Kirche derzeit nicht. Der zeichne sich erst Mitte der 2020er Jahre ab, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Ruhestand gingen. Die langen Vakanzen erklärten sich unter anderem dadurch, dass die Pfarrer nicht mehr so wechselwillig wie früher seien.

Ehrenamtliche engagieren sich verstärkt

Die Situation in beiden Gemeinden ist nach Auskunft des Dekans nur zu bewältigen, weil Pfarrer im Ruhestand einsprängen und die Sekretariate eine Menge Mehrarbeit leisteten. Zudem helfe eine große Zahl ehrenamtlich engagierter Gemeindemitglieder. Beispielsweise übernähmen Kirchenälteste den Konfirmanden-Unterricht. „Auf Dauer ist es jedoch schwierig, wenn einer Gemeinde ein regulärer Pfarrer als Ansprechpartner fehlt“, gibt Jammerthal zu bedenken.

Kommentar zum Thema: Für die Evangelische Kirche ist das keine einfache Situation: Die Friedensgemeinde in Baden-Oos ist nach dem Weggang von Kornelius Gölz schon seit rund eineinhalb Jahren ohne regulären Pfarrer. Nun verschärft sich die Lage weiter. Nachdem der Pfarrer der Paulusgemeinde wegen der gegen ihn laufenden Ermittlungen seinen Dienst niedergelegt hat, tut sich dort eine weitere Vakanz auf. Vorübergehend übernehmen zwar Seelsorger aus anderen Gemeinden die Vertretung, aber auf Dauer ist das keine Lösung. Eine Gemeinde benötigt einen festen Ansprechpartner.
Es ist zu befürchten, dass die Neubesetzung der Pfarrstelle in der Paulus- eine ähnliche Hängepartie wie in der Friedensgemeinde wird. Dort gab es bei zwei Ausschreibungen keine Bewerbungen. Pfarrermangel wie bei den Katholiken ist wohl nicht der Grund, wie die Verantwortlichen beteuern.
Offenbar scheint die seelsorgerische Arbeit in Baden-Baden nicht attraktiv genug zu sein, um Pfarrer zu einem Wechsel zu motivieren. Das sollte zu denken geben.