Ist die Luft raus oder geht noch was in dieser Saison? Im Amateurfußball wird diskutiert. | Foto: GES

Bruchsal, Karlsruhe, Pforzheim

13 mögliche Szenarien: Wie geht es in der Corona-Krise weiter im Amateurfußball?

Anzeige

Weiterspielen oder Abbrechen? Diese beiden Möglichkeiten gibt es für die unterbrochene Saison im Amateurfußball. Für beide Optionen gibt es wiederum unterschiedliche Szenarien, die der Badische Fußballverband (bfv) den Vereinen nun zur Diskussion vorgelegt hat. Viel hängt davon ab, wann die Behörden wieder einen regulären Spielbetrieb zulassen.

Antworten hatte Ronny Zimmermann noch keine im Angebot, aber dafür ist es auch zu früh. Am Samstagnachmittag, Punkt 15.30 Uhr, zur besten Fußballzeit also, lieferten der Präsident des Badischen Fußballverbandes sowie sein für den Spielbetrieb zuständiger Stellvertreter, Rüdiger Heiß, viele Fragen, die es in nächster Zeit zu beantworten gilt.

Entscheidung mit weitreichenden Folgen

Und weil die Verbandsoberen dabei die Vereine bestmöglich einbinden wollen, präsentieren Zimmermann und Heiß deren Vertretern schon einmal ein paar mögliche Szenarien, die man sich überlegt hatte – ganz modern per Facebook-Video in die heimischen Wohnzimmer. Mitdiskutieren war erlaubt, es soll aber nur ein Anfang sein.

Mehr zum Thema: Viele Szenarien für Zukunft des Amateurfußballs

Ab Mittwoch werden die Clubs, Liga für Liga, auch direkt in die Erörterungen einbezogen. Kann die Saison noch zu Ende gebracht werden oder muss ein Abbruch mit all den verbundenen Konsequenzen her? Im ersten Fall geht es um das Wann, im zweiten vielmehr um das Wie. Fest steht in jedem Fall: Die Entscheidung wird weitreichende Folgen haben.

Andere Sportarten haben schon vorgelegt

Und weil das so ist, spielen die Fußballer noch auf Zeit. Bemerkenswert ist hier die Anmerkung von Heiß, der sagt: „Bei einem Abbruch hätten wir keine Sicherheit, dass die Saison 2020/21 regulär gespielt werden kann. Eine solche Vorfestlegung wäre aber bindend und irreversibel.“ Zimmermann sagt es so: „Es wäre der Worst Case, wenn wir mit einer Entscheidung gleich zwei Spielrunden kaputt machen.“ Der Wunsch ist also, die Saison sportlich zu Ende zu bringen. Dafür gibt es bislang sieben Szenarien.

Weil aber momentan nur sicher ist, dass nichts sicher ist, gibt es auch für einen Abbruch Optionen. Andere Sportarten haben hier schon vorgelegt (siehe unten). Zimmermann verfolgt die dortigen Reaktionen interessiert. Sechs eigene Möglichkeiten hat der bfv vorgelegt. Unser Sportredakteur hat sich alle Szenarien angeschaut und versucht sich an einer ersten Bewertung.

Mehr zum Thema: Stichtag 30. Juni – Das Vertragsdilemma in der Corona-Krise

1. Die Saison kann wie geplant bis zum 30. Juni beendet werden.

Aus sportlicher Sicht ist das die Beste aller möglichen Lösungen – die allermeisten Vereine präferieren sie deshalb. Zumindest in der Theorie. Praktisch wird es schwierig, denn wie der bfv errechnet hat, muss es dafür spätestens Mitte Mai wieder losgehen.

Dass in nicht einmal vier Wochen wieder uneingeschränkt auf den Amateursportplätzen gekickt werden kann bzw. darf (ohne die vorab notwendige Trainingsphase einzurechnen) ist allerdings mehr als fraglich. Dafür braucht es insbesondere die behördliche Freigabe aller Städte und Gemeinden. Tatsache ist, dass einige kommunalen Verfügungen schon jetzt vorsehen, dass Sportanlage bis in den Juni geschlossen bleiben.

Und selbst wenn es so früh wieder losgeht: In einigen Ligen wie der Kreisklasse B1 Sinsheim sind noch 15 Spieltage zu absolvieren, wie Steven Höhn, Spielertrainer des FV Landshausen in der Diskussion anmerkt. Schwierig, diese in sechs Woche zu pressen. Das wäre das kleinste Problem, sagt Zimmermann.

Mehr zum Thema: Profi-Clubs dürfen in Baden-Württemberg trotz Corona wieder trainieren – KSC wartet ab

2. Saisonende bis 31. August. Die Runde 2020/21 startet später.

Hierfür hat bereits der DFB die Voraussetzungen geschaffen. Eine Verlängerung der Saison über den 30. Juni hinaus ist nach der geänderten Spielordnung jetzt möglich. Es wäre eine charmante Lösung, weil die kommende Saison problemlos gespielt werden kann, auch wenn der Spielplan durch den späteren Start etwas gedrängter wäre.

Eine Frage, die sich hier allerdings stellt, ist die nach Wechselfristen. Viele Transfers sind für den 30. Juni vollzogen. Verlängert sich die Saison, ist noch nicht klar, ob transferierte Spieler sie bei ihrem alten Verein beenden oder bereits zum 1. Juli beim neuen Verein anheuern. Das könnte auch bei den weiteren Szenarien zum Problem werden. „Dieses Thema, bei dem Sportrecht auf Arbeitsrecht trifft, beschäftigt uns sehr“, sagt Zimmermann. Hier, wie auch in anderen rechtlichen Fragen, lässt sich der bfv extern beraten, um Rechtssicherheit zu bekommen.

3. Die Saison wird im Spätjahr beendet. Die Runde 2020/21 wird verkürzt.

Dieses Szenario brächte Zeit, um die aktuelle Saison zu beenden, hat aber den Nachteil, dass für die Spielrunde 2020/21 ein ganz neuer Modus her muss. Vorgeschlagen wird, dann nur eine Halbserie zu spielen oder die Staffeln sogar in zwei Gruppen aufzuteilen und später die Auf- und Absteiger in Play-offs auszuspielen. Zugegeben, eine etwas eigentümliche Variante.

4. Die Saison wird im Spätjahr beendet. Dann Umstellung auf das Kalenderjahr.

Das wäre die Revolution unter den Szenarien. Trainer betonen oft die Vorteile dieses Modells: Man kann in den warmen Sommermonaten spielen, die Pause mitten in der Runde ist nicht so lang. Hier wäre aber eine internationale Entscheidung notwendig, denn neben allen nationalen Ligen müssen auch die internationalen Wettbewerbe auf das Kalenderjahr umgestellt werden – sonst stimmt irgendwo die Verzahnung nicht mehr. Ein schönes Gedankenspiel, in der Umsetzung aber fast unmöglich.

Zum Thema: Bundesliga in Not – „Spielabbruch wäre der Supergau“

5. Keine Spiele mehr im Jahr 2020. Die Saison wird im März 2021 fortgesetzt.

Das wäre eine ziemlich sichere Möglichkeit, die laufende Saison sportlich zu Ende zu bringen. Einen großen Nachteil gibt es allerdings: Hat man sich einmal dafür entschieden, gibt es kein Zurück – selbst wenn schon viel früher wieder Fußball möglich ist. Den Vereinen würden massiv Einnahmen entgehen.

6. Ein Teil der Mannschaften spielt die Entscheidungen in Play-offs aus.

So könnte man die Auf- und Absteiger – sobald es wieder geht – noch sportlich ausspielen, ohne dass noch elf oder mehr Spieltage aller Teams nötig wären. Hier dürfte die Festlegung, wer in den Play-offs spielen darf, aber problematisch werden. Die finanzielle Schieflage derer, die nicht mehr dabei sind, würde ebenfalls verstärkt.

7. Ein Teil der Teams spielt in Entscheidungsspielen um Auf- und Abstieg.

Hier gilt dasselbe wie in Szenario sechs. Ob nun Entscheidungsspiele oder Play-offs: Sportlich fair wäre es kaum zu bewerten und begründen, bis zu welchem Tabellenplatz Teams daran teilnehmen dürfen, gerade dann, wenn es in den Tabellen eng zugeht.

8. Abbruch: Der Tabellenstand zum Ende der Halbserie wird gewertet.

Das erste Abbruch-Szenario. Die Tabelle wird eingefroren, so wie es in anderen Sportarten gemacht wurde. Hier wird der Stand nach Ende der Hinrunde für die Wertung verwendet. Der Vorteil: Es hat jeder genau einmal gegen jeden gespielt. Viele Vereine finden das fairer als die aktuelle Tabelle. Nachteil: Gespielte Partien fallen aus der Wertung.
Um fairer zu werten bei ungleicher Zahl von absolvierten Spielen, könnte ein Quotient verwendet werden, der Punkte durch Spiele teilt.

9. Abbruch: Der Tabellenstand zum jetzigen Zeitpunkt wird gewertet.

Hier gilt dasselbe wie in Szenario acht, nur dass tatsächlich alle Spiele in die Wertung eingehen. Was in beiden Optionen nicht möglich ist, sind Relegationsspiele. Hier müsste eine Lösung gefunden werden, was mit Teams auf den Relegationsplätzen passiert.

10. Abbruch: Es gibt Aufsteiger aber keine Absteiger.

Diese Lösung haben die Handballer gewählt. Ein entscheidende Nachteil ist, dass die höherklassigen Ligen in der Folgesaison größer ausfallen, womit es dann einen vermehrten Abstieg geben muss und auch die Zahl der Partien größer ausfällt. Helfen würden da freiwillige Abmeldungen, so wie die des FC Español Karlsruhe, der über die Osterfeiertage angekündigt hat, seine erste manscht komplett aus der Landesliga zurückzuziehen.

Die Verzahnung mit überregionalen Ligen könnte bei diesem Szenario besonders zum Problem werden, da Aufsteiger aus mehreren Staffeln (z.B. Kreisliga) in einer gemeinsamen höheren Liga (hier: Landesliga) ankommen und diese überfüllen würden, da dem keine Absteiger gegenüberstehen. Interessant ist diese Lösung deshalb, weil kein Verein einen Nachteil erleidet.

11. Abbruch: Es wird eine individuelle Regelung pro Staffel getroffen.

Dieses Szenario würde dem Umstand Rechnung tragen, dass die Tabellenkonstellation in jeder Liga unterschiedlich ist. Abgeschlagene Vereine müssten absteigen, unangefochtene Tabellenführer aufsteigen. Wer noch Chancen auf Meisterschaft oder Klassenverbleib hat, darf aufsteigen beziehungsweise in der Liga bleiben. Im Einzelfall wäre das gerechter als eine einheitliche Lösung. Da noch viele Spieltage ausstehen, lässt sie sich aber schwerer anwenden als beispielsweise im Volleyball, wo man sich für ein solches Abbruchszenario entschieden hat.

12. Abbruch: Die Saison 2019/20 wird annulliert und wiederholt.

Es ist eine mögliche Lösung – aber keine wirklich wahrscheinliche. In diesem Fall fürchten Verband und Clubs Rückzahlungsforderungen, etwa von Sponsoren. Die sportlichen Leistungen aus mehr als der Hälfte der Saisonspiele wären komplett wertlos. Eine wirkliche Wiederholung wäre die Saison 2020/21 auch nicht, da schon Wechsel vollzogen wurden und die Mannschaften mit ganz anderen Spielern antreten als zuletzt. Es wäre eine verschenkte Saison.

13. Abbruch: Die erzielten Punkte werden in die nächste Saison mitgenommen.

Das wäre die Möglichkeit, der aktuellen Saison einen sportlichen Wert zu geben, ohne dass man sie sportlich in irgendeiner Form zu Ende bringen muss. Vor allem bräuchte es keine Auf- und Abstiegsregelung, die immer Verlierer produziert – und dennoch wäre die Runde nicht ganz verloren. Das aber ist ein doch eher unwahrscheinliches Szenario.

So haben die anderen Sportarten entschieden:

Handball: In allen Ligen des Badischen Handball-Verbandes sowie in der Oberliga wurde die Saison in der vergangenen Woche vorzeitig abgebrochen. Für die Bundesligen sucht der Deutsche Handball-Bund noch nach Lösungen.
Für die Spielklassen darunter steht die Auf- und Abstiegsregelung fest. Zur Ermittlung der Platzierung wird ein Quotient aus erreichten Punkten und absolvierten Partien errechnet. Es wird nur Aufsteiger, aber keine Absteiger geben. Ausnahme sind die Mannschaften, die ihre Spielklasse aus sportlichen oder finanziellen Gründen freiwillig nach unten verlassen möchten. Bei besonders knappen Tabellenkonstellationen entscheidet der Verband im Einzelfall, ob mehr Teams aufsteigen als vorgesehen.
Nachteil, der als sehr fair aufgefassten Lösung, ist die Tatsache, dass einige Ligen in der kommenden Saison deutlich größer sind. Es muss zu einem vermehrten Abstieg kommen, um die vorgesehenen Soll-Stärken in der Saison 2021/22 wieder zu erreichen. Da in der Baden- und Verbandsliga deutlich mehr Spiele nötig sind, wird in der nächsten Spielrunde auf alle Pokalwettbewerbe verzichtet, um im Terminplan Platz zu schaffen.

Tischtennis: Am 1. April wurde die Saison im ganzen Land beendet. Lediglich die Bundesliga der Männer sucht noch nach Lösungen, die ausstehenden Play-offs auszuspielen. Was der Deutsche Tischtennisbund und seine 18 Landesverbände für die Wertung der Runde in den Ligen darunter vereinbarten und beschlossen, wurde von vielen Clubs als Aprilscherz aufgefasst.
Zugrunde gelegt für die Auf- und Absteiger wird die Tabelle zum Zeitpunkt der Aussetzung des Spielbetriebs. Das sorgt für teilweise krasse Verzerrungen und damit für Kritik, weil Teams in einzelnen Spielklassen eine deutlich unterschiedliche Zahl an absolvierten Partien aufweisen. So kommt es auch zu Härtefällen, die von den jeweiligen Verbänden einzeln bewertet werden müssen.
Da auch keine Relegationsspiele mehr möglich sind, beschloss der Badische Tischtennisverband folgende Regelung: Wer den oberen Relegationsplatz belegt, darf aufsteigen, wer unten auf dem Relegationsplatz steht, darf in der Liga bleiben. Damit steht die Einteilung der Ligen für die Saison 2020/21 fest – die gemäß der bisherigen Planung im September starten soll, falls es die Umstände wieder zulassen.

Basketball: Auch hier ist die Saison abgebrochen. Eine Lösung für die Wertung wurde von einer Expertengruppe aus dem Präsidium des Basketballverbandes Baden-Württemberg und Vertretern der Bezirke erarbeitet und beschlossen. Sie sieht Folgendes vor: Die Tabelle wird zum Stand des Abbruchs eingefroren, eine Bereinigung bei Ungleichheit absolvierter Spiele gibt es nicht.
Außer Mannschaften, die sich bereits während der Runde zurückgezogen haben, wird es keine weiteren Absteiger geben. Die Aufstiegsregelung wird hingegen strikter gehandhabt als im Handball. Nur die erstplatzierte Mannschaft erhält die Anwartschaft auf das Teilnahmerecht an der nächst höheren Spielklasse. Nur bei Verzicht oder Verhinderung des Meisters geht das Aufstiegsrecht auf den Nächstplatzierten über.
Da keine Relegationsspiele durchgeführt werden können, dürfen die zweitplatzierten Mannschaften nicht aufsteigen, sollte der Meister von seinem Aufstiegsrecht Gebrauch machen. So werden die Ligen zur kommenden Saison, abgesehen von der untersten Spielklasse, nur um eine Mannschaft größer sein als in dieser Saison.

Volleyball: Eine besondere Wertung für die vorzeitig beendete Saison, die sich von allen anderen Sportarten unterscheidet, haben die nordbadischen Volleyballer gefunden und beschlossen.
Mannschaften, die zum Zeitpunkt des Saisonabbruchs eindeutig und sportlich nicht mehr änderbar als Auf- oder Absteiger feststehen, dürfen bzw. müssen die Liga verlassen. Teams, die zum Zeitpunkt des Saisonabbruchs eine realistische Möglichkeit gehabt hätten, den Abstieg zu vermeiden, müssen nicht absteigen. Mannschaften, die zum Zeitpunkt des Saisonabbruchs eine realistische Möglichkeit gehabt hätten, den ersten Platz zu erreichen, dürfen aufsteigen. Es wird also jede Liga einzeln betrachtet und nach der jeweiligen Tabellenkonstellation beurteilt. Wer weniger Spiele absolviert hat als die Konkurrenz, ist mit der Regelung nicht benachteiligt.
Da es mit der Lösung aber deutlich mehr Auf- als Absteiger gibt, ist in der kommenden Saison mit größeren Staffelgrößen in der höheren Ligen zu rechnen. Wie mit einem vermehrten Abstieg am Ende der Saison 2020/2021 zu verfahren ist, wird der Landesspielausschuss nach der Staffeleinteilung mitteilen.