Land unter herrschte im Januar in Rappenwört beim Rheinstrandbad. Ein Polder-Projekt für 185 Millionen Euro soll den Hochwasserschutz zwischen Au am Rhein und Rappenwört/Daxlanden verbessern, ist aber in Details umstritten.
Land unter herrschte im Januar in Rappenwört beim Rheinstrandbad. Ein Polder-Projekt für 185 Millionen Euro soll den Hochwasserschutz zwischen Au am Rhein und Rappenwört/Daxlanden verbessern, ist aber in Details umstritten. | Foto: Stefan Jehle

Polder Bellenkopf/Rappenwört

Auch Befürworter sehen manches skeptisch

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Für die seit 2015 laufende Planfeststellung des Hochwasserpolders Bellenkopf/Rappenwört, das 185 Millionen Euro-Projekt westlich von Rheinstetten und Karlsruhe, liegen seit dem 28. Februar erneut die Antragsunterlagen öffentlich aus.

Das riesige Polder-Projekt, mit Erd-Damm-Bauten auf einer Rheinfluss-Länge von rund sechs Kilometern zwischen Au am Rhein, Rheinstetten und Rappenwört/Daxlanden, bleibt in Details auch bei Befürwortern eines verbesserten Hochwasserschutzes umstritten. Noch dieses Jahr soll das Vorhaben voraussichtlich Baureife erlangen. Unser Mitarbeiter Stefan Jehle unterhielt sich mit dem früheren Rheinstettener Beigeordneten Bertold Treiber, der für die Stadt als Berater einen Alternativvorschlag erarbeitete – und dem Regionalgeschäftsführer des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND), Hartmut Weinrebe. Beide fordern weiterhin wesentliche Planänderungen.

Herr Weinrebe, der BUND hat sich mit umfangreichen Stellungnahmen zum Polder Bellenkopf/Rappenwört geäußert. Was sind aus Ihrer Sicht die Knackpunkte der vorgelegten Planung?

Weinrebe: Seit 1800 gingen durch Begradigungen, Dämme und Staustufen rund 90 Prozent der natürlichen Rückhalteflächen am Oberrhein verloren. Damit ist nicht nur die Hochwassergefahr massiv gestiegen. Ohne Überwindung der Trennung von Fluss und Aue sind die vielfältigen Lebensräume der Rheinauen langfristig nicht zu erhalten. Wir fordern die Anbindung des Rückhalteraums an den Flussstrom sowie den Schutz der Auwälder und Verzicht auf unnötige Eingriffe in Form Technischer Bauwerke.

Der BUND und auch der Landesnaturschutzverband haben früh schon auf einen „ungesteuerten ökologischen Polder“ gepocht. Was wären die Vorteile?

Weinrebe: Eine sogenannte Dammrückverlegung, bei der nur ein neuer landseitiger Schutzdamm gebaut werden muss und der Rückhalteraum mit dem Rhein durch Breschen im alten Hochwasserdamm verbunden wird, hat zwei wesentliche Vorteile: Die Eingriffe wären viel geringer, der bestehende Hochwasserdamm XXV könnte unverändert stehen bleiben. Auch wäre die Durchströmung des Raumes optimal, da sie nicht durch technische Bauwerke begrenzt würde. Ob unsere Argumente für eine Dammrückverlegung gewichtiger sind, als ein gesteuerter Polder – wie beantragt –, entscheidet am Ende das Landratsamt als Genehmigungsbehörde.

Wenn das Rheinwasser frei fließt in den Auenbereichen, soll es Verschlammung geben und die Schnakenplage soll zunehmen. Was sagen Sie dazu?

Weinrebe: Die Sorge, dass eine Wiederanbindung von Auenbereichen dazu führt, dass die Landschaft von einer Schlammdecke erstickt wird, ist unbegründet, das belegen Studien. Typisch für unsere Auen ist ein Nebeneinander von schneller Strömung und Stillgewässern. Wir engagieren uns dafür, dass Hochwasserrückhaltung und Schutz und Wiederbelebung der Rheinauen optimal miteinander verbunden, die Auen wieder an den Fluss angeschlossen werden. Dies sorgt auch dafür, dass Stechmücken nicht überhandnehmen: in vernetzten Gewässern können Fische, die sich von den Larven der Mücken ernähren, die Populationen regulieren. Ein naturnaher Rückhalteraum birgt keine Schreckensszenarien von Schnakenplagen.

Herr Treiber, Sie beraten die Stadt Rheinstetten bei den Anhörungen. Können Sie kurz schildern, wie der Alternativvorschlag für den Rheinhauptdamm aussieht?

Treiber: Bei der bisher vom Regierungspräsidium geplanten Sanierung des bestehenden Damms müssten circa zehn Hektar Auwald gerodet und weitere zehn Hektar Dammgrünland abgetragen werden. Das sind massive naturschutzrechtliche Eingriffe in FFH-Gebiete. Als Alternative hat die Stadt Rheinstetten das Einpressen einer Spundwand in den bestehenden Damm vorgeschlagen, mit Vermeidung der Eingriffe. Die Bauzeit für den Polder verkürzt sich dabei um immerhin zwei bis drei Jahre.

Erbringt eine Spundwand gleiche Hochwasser-Sicherheit – passend zu einem gesteuerten ökologischen Polder, der regelmäßig mit Rheinwasser geflutet wird?

Treiber: Die insgesamt fünf Ein- und Auslassbauwerke können wie geplant errichtet werden, auch das vorgesehene Betriebsreglement bleibt gleich. Die Spundwand wird so bemessen, dass sie auch bei Böschungsrutschungen – die sehr unwahrscheinlich sind – standsicher ist. Allerdings ist die Befahrbarkeit des Deiches bei Hochwasser nicht gesichert, aber auch nicht erforderlich.

Gibt es weitere Vorteile der von Ihnen vorgeschlagenen Variante?

Treiber: Die Materialtransporte, besonders beim Erdaushub, werden deutlich weniger.

Rheinstetten war im Juli 2017 zu einem Gespräch im Umweltministerium. Warum will das Land nicht auf die Vorschläge eingehen?

Treiber: Das Ministerium fordert die Befahrbarkeit des Rheinhauptdamms, um die beidseitige Erreichbarkeit der Ein- und Auslassbauwerke sicherzustellen. Man nimmt Bezug auf eine Sollvorschrift für Talsperren, die für Polder nicht gilt. Alle Bauwerke des Polders Bellenkopf/Rappenwört werden ferngesteuert. Anderswo, beispielsweise bei den Poldern Flotzgrün und Kollertinsel in der Nähe von Speyer, müssen diese vor Ort per Hand bedient werden und sind bei Hochwasser nur mit einem Boot erreichbar. In Bayern wurden bereits in vielen Fällen Dammanlagen durch den Einbau von Spundwänden saniert. Auch diese entsprechen nach DIN 19712 den anerkannten Regeln der Technik.