Seit gut einem Jahr auf dem Markt: Der Toyota Mirai mit Brennstoffzelle. | Foto: Toyota

Elektroauto kostet 80000 Euro

Autos mit Brennstoffzelle in Bretten noch Rarität

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Zu hören ist so gut wie nichts trotz geöffneter Motorhaube. Nur ein ganz leises Sirren ist aus dem Motorraum zu vernehmen. Dabei stammt das Geräusch nicht mal vom laufenden Motor selbst, sondern vom Kühlaggregat. Bernd Gall aus Knittlingen ist ganz fest davon überzeugt, mit seinem neuen Auto das Richtige für die Zukunft zu tun.

Denn er glaubt, dass die Zukunft des Autofahrens elektrisch ist. Sein Auto ist ein Toyota „Mirai“ Fuel Cell, ein Fahrzeug, das mit einer Brennstoffzelle ausgestattet ist und mit Wasserstoff betrieben wird. „Der Verbrennungsmotor ist ein Auslaufmodell“, sagt Gall. Er kennt sich in der Materie aus. Denn von Beruf ist er Elektroingenieur. Deswegen hat er sich bei der Anschaffung des „Mirai“, zu Deutsch: Zukunft, auf neues Terrain begeben, was die Fahrzeugtechnologie betrifft. Er hat sich auf ein Fahrzeug mit Brennstoffzellenantrieb eingelassen.

Elektroauto fährt mit Wasserstoff

Seit etwa einem Monat ist Gall im Besitz des Japaners. Mit einem Anschaffungspreis von knapp unter 80 000 Euro ist die Limousine nicht gerade ein Schnäppchen. Ein Brennstoffzellenauto zu verkaufen, ist für die beiden Neibsheimer Autohausinhaber Christoph und Matthias Mindler eine absolute Rarität. „Es ist das erste derartige Fahrzeug, das ich bislang übergeben habe. In Bretten und Umgebung gibt es wohl kein zweites Auto mit Brennstoffzellenantrieb“, sagt Matthias Mindler.

Laut dem Landratsamt sind im Landkreis Karlsruhe lediglich zwei Fahrzeuge mit einem solchen Antrieb angemeldet. Im Enzkreis ist nur Gall mit seinem Wasserstoffauto registriert. Im gesamten Bundesgebiet waren Anfang 2017 laut Statistik des Kraftfahrt-Bundesamts 211 Brennstoffzellenautos auf den Straßen unterwegs.

In Brennstoffzelle entstehen Strom und Wärme

Gall ist mit dem neuen Wagen bislang 900 Kilometer gefahren. Das Besondere des Wagens ist, dass Wasserstoff in den Tank kommt. Ein Gas, das zuvor in einem chemischen Prozess entstanden ist. In der Brennstoffzelle, das Herzstück des Wasserstoffautos, reagieren Wasserstoff und Sauerstoff. Dabei entstehen Wärme und Strom, der entweder den Elektromotor im Toyota mit einer Leistung von 113 Kilowatt in der Spitze antreibt, oder der Strom wird in der Batterie gespeichert.

Die Brennstoffzelle steckt in einem Gehäuse, aus dem etliche orangefarbene Kabel abgehen. Einen Auspuff sucht man auf den ersten Blick vergeblich, doch tritt am Fahrzeug Wasser aus, was sich bei der Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff bildet.

Wasserstoff-Tankstellennetz ist dünn

Ein großes Manko: Das Tankstellennetz für Wasserstoff ist gegenwärtig noch äußerst dünn. In der Region gibt es eine Tankstelle in Pforzheim und eine in Karlsruhe, berichtet Gall. Viermal fuhr Gall in den ersten Wochen eine Tankstelle an. Fünf Kilo – nicht Liter – Treibstoff fasst der Tank maximal. Unter hohem Druck wird der Wasserstoff in den Tank gepresst. „Das Betanken funktioniert so wie bei einem konventionellen Auto“, sagt Gall. Weil das Gas Wasserstoff nicht ganz ungefährlich ist, gilt es, sich an bestimmte Dinge zu Beginn des Tankvorgangs zu halten. Die Zapfpistole wird auf eine Kupplung am Pkw aufgesetzt und anschließend verriegelt. Erst wenn die Apparatur einwandfrei sitzt, strömt der Wasserstoff ein. „Etwa zwei bis drei Minuten dauert der ganze Tankvorgang“, schildert Gall.

An allen Tankstellen im Bundesgebiet ist der Preis für Wasserstoff mit 9,50 Euro je Kilo gleich. „Etwa 50 Euro kostet eine Tankfüllung. Ich komme, je nach Fahrweise, damit etwa 400 bis 450 Kilometer weit“, sagt Gall. Die Suche nach einer Wasserstoff-Tankstelle kann sich schwierig gestalten. „In ganz Deutschland gibt es derzeit ungefähr 40 Wasserstoff-Tankstellen. Doch in den nächsten Jahren soll dieses Netz auf etwa 400 ausgebaut werden“, sagt Christoph Mindler.

450 Kilometer mit einer Füllung

Etwas anders aufgebaut ist die Instrumentenkonsole. Eine digitale Anzeige füttert den Fahrer ständig mit Informationen zur Rest-Reichweite mit dem verbliebenen Wasserstoff im Tank. Wie sich der Füllstand und damit auch die Reichweite entwickeln, hängt natürlich entscheidend vom Fahrstil ab – ganz wie beim Verbrennungsmotor. Bei zügiger Fahrt schrumpft die Reichweite zusammen.

Gall selbst mag es lieber gelassen, wie er selbst sagt. „Rasante Beschleunigungswerte an der Ampel oder Schnelligkeit waren für mich kein Argument.“

Veraltete Verbrennungsmotortechnik

Gall hält es lieber damit, Vorreiter einer zukunftsweisenden Technologie zu sein. Seit Jahren verfolgt er die Diskussion bei den deutschen Autoherstellern. „Lieber wurde auf eine veraltete Verbrennungsmotortechnik gesetzt. Trotz Klimawandels, der maßgeblich von der Menge der ausgestoßenen Schadstoffe aus Fahrzeugen mit beeinflusst wird, fehlte der Weitblick. Erst der Dieselskandal veranlasste die Autoproduzenten langsam umzudenken“, meint Gall.

Selbst jetzt sieht der Geschäftsmann die Hersteller auf einem falschen Weg. „Die Zukunft gehört nicht dem Elektroauto mit hoch spezialisierten Batterien mit einer geringen Reichweite um die 200 Kilometern, sondern der Brennstoffzelle.“