Mittagstisch zum Abholen statt Besenwirtschaftsbetrieb: Armin Schäufele (links), der Inhaber des Bio-Weinguts Kelterhof in Großvillars, hat in normalen Zeiten 16 Mitarbeiter. Weil der Gastronomiebetrieb geschlossen ist, bietet er jetzt Essen zum Mitnehmen an.
Mittagstisch zum Abholen statt Besenwirtschaftsbetrieb: Armin Schäufele (links), der Inhaber des Bio-Weinguts Kelterhof in Großvillars, hat in normalen Zeiten 16 Mitarbeiter. Weil der Gastronomiebetrieb geschlossen ist, bietet er jetzt Essen zum Mitnehmen an. | Foto: Rebel

Gaudi-Weinprobe

Besenwirtschaften in der Kraichgau-Stromberg-Region werden wegen Corona-Krise kreativ

Anzeige

Eigentlich hätten sie jetzt Hochsaison – die Besenwirtschaften, die besonders in der Kraichgau-Stromberg-Region äußerst beliebte Ausflugsziele sind. Doch auch diese besondere Sparte der Gastronomie hat die Corona-Krise voll erwischt. Tische und Stühle bleiben leer, die Weinflaschen im Keller. Manche Besenwirtschaften haben komplett geschlossen, andere halten sich mit besonderen Serviceaktionen über Wasser.

„Wir hatten die erste Woche im Februar über Fasching einen guten Besuch und hätten am vergangenen Samstag für eine Woche wieder aufgemacht“, informiert Philipp Plag, der in Kürnbach den „Feinschmeckerbesen“ und ein Weingut betreibt. Den Besen – den es seit 40 Jahren gibt – öffnet er zu normalen Zeiten drei Mal im Jahr für eine Woche. Eine schöne Ergänzung zum Weingut, dem Hauptgeschäft des Weinbautechnikers.

Teile des Umsatzes seien wegen der Corona-Krise weggebrochen. Die Verluste seien aber verschmerzbar, meint er. Denn das Weingut bleibe offen, der Hofverkauf gehe weiter und auch der Online-Handel laufe gut. Zwölf Flaschen Wein liefert er auf Bestellung frei Haus – je nach Entfernung per Lieferservice oder mit DHL.

Mehr zum Thema: In der Coronakrise: Sommeliers unterstützen Winzer am Weinberg

Keine Alternativangebote

Beim Weingut Czech in Kürnbach ist der Besen im April komplett ausgefallen. Auch für das Hoffest im Juni und den Besen im August haben er und seine Frau wenig Hoffnung. Und wenn dann noch der Kerwe-Besen im Oktober flach fällt, wird es eng. „Wir haben keine Alternativangebote“, sagen Josef und Helga Czech.

Das seien schwierige Zeiten, deshalb habe man staatliche Unterstützung beantragt und auch bekommen.
„Arbeit haben wir genug und auch Klopapier“, sagt Markus Büchele, der seinen Humor noch nicht verloren hat.

Nur mit dem Umsatz hapert es derzeit: Vier Mal im Jahr hat er seine Besenstube offen, den Termin im Mai wird er wohl abschreiben müssen. „Ich hoffe, dass ich bis Oktober noch zwei Wochenenden öffnen kann“, erklärt der Landwirtschaftsmeister, der Ackerbau und Weinbau betreibt und als Chefkoch im Besen als Spezialität eigenes Rindfleisch anbietet.

Immerhin 100 Plätze hat der Familienbetrieb, in dem die Eltern, die Lebensgefährtin und auch die Söhne mitarbeiten. Neun Hektar beträgt seine Rebfläche, auf der er – wie könnte es in Kürnbach anders sein – Schwarzriesling anbaut.

Mittagstisch zum Abholen wegen Corona

„Wir sind ja eigentlich keine klassische Besenwirtschaft mehr, sondern ein konzessionierter Gastronomiebetrieb, doch die Krise trifft uns natürlich auch“, sagt Armin Schäufele. Der Inhaber des Bio-Weinguts Kelterhof in Großvillars hat in normalen Zeiten 16 Mitarbeiter. Derzeit sind noch drei Vollzeitkräfte beschäftigt, die anderen befinden sich in Kurzarbeit. Um den Umsatz nicht all zu sehr in den Keller fahren zu lassen, hat der Kelterhofchef Essen zum Mitnehmen organisiert. 18 Gerichte stehen auf seiner Speisekarte – von ganz einfachen bis durchaus anspruchsvollen.

Mehr zum Thema: Sogar Weinproben gehen jetzt auch digital

Devise: Wir schaffen das!

Die Kundschaft ist bunt gemischt: Alleinstehende Senioren nutzen das Angebot ebenso wie Familien, Firmen oder Homeoffice-Gemeinschaften. Gute Dienste leistet dem Bio-Winzer dabei „Emmas App“, über die die Bestellung und Bezahlung ganz einfach funktionieren. Die Kunden werden viertelstundenweise einbestellt, so dass es auch bei der Abholung wenig Begegnungsverkehr gibt.

„Wir sind entlastet durch die Kurzarbeit und können mit dem aktuellen Model unser fixen Monatskosten erwirtschaften“, erklärt Schäufele. Er geht davon aus, dass die Gastronomie frühestens im Sommer wieder Lockerungen erfährt. Trotzdem ist er guter Dinge: „Wir schaffen das“, lautet seine Devise.

Weil ein großer Teil des Weinverkaufs bislang über die Gastronomie lief, musste sich der Winzer etwas Neues einfallen lassen. „Wir bieten auch verschiedene Weinpakete an, die wir in der näheren Umgebung frei Haus liefern“, ergänzt Ehefrau Ute Schäufele. Wer will, könne die Weine natürlich auch abholen.

Eine neue Vermarktungsidee setzt Winzer Michael Kern mit seiner Online-Gaudi-Weinprobe derzeit um.
Eine neue Vermarktungsidee setzt Winzer Michael Kern mit seiner Online-Gaudi-Weinprobe derzeit um. | Foto: Rebel

Ähnlich geht es dem Oberderdinger Kollegen vom Weingut Kern. Auch hier läuft ein guter Teil des Weinverkaufs über die Gastronomie. „Wir hätten normalerweise über Ostern offen gehabt, doch unser umsatzstärkstes Wochenende fiel aus“, sagt Michael Kern. Auch die Kommunions- und Konfirmationsgesellschaften, die man sonst bewirtschaftet, seien Corona zum Opfer gefallen. Ein großer Teil des geplanten Umsatzes sei damit eingebrochen.

Zünftige Idee kommt an

Und mit der Vermarktung des 2019er Jahrgangs sähe es auch übel aus. Wenn der Winzer nicht eine zünftige Idee gehabt hätte. „Eigentlich wollten wir einmal im Monat mit einer Hüttengaudi starten, einer Weinprobe mit Musik“, berichtet Kern. Daraus wurde nun eine „Gaudi-Weinprobe“, die vor knapp zwei Wochen erstmals auf Sendung ging.

„Die Leute bestellen ein Probepaket und bekommen mit der Lieferung einen Link, über den sie an einer Online-Weinprobe teilnehmen können“, berichtet Kern vom Konzept. Er erzählt dann jeweils etwas über den entsprechenden Wein, dann gibt es eine Pause mit Livemusik, dann wird der nächste edle Tropen vorgestellt. 55 Weinpakete wurde bei der ersten Gaudi-Probe bestellt, ab 100 Paketen werde die Sache lukrativ.

Mehr zum Thema: Weingut aus Baden-Baden veranstaltet Online-Weinproben in der Corona-Krise

Öffnung mit Auflagen?

Ab Ende Mai rechnet Michael Kern damit, dass er den Gastbetrieb unter bestimmten Auflagen wieder öffnen darf. Möglicherweise mit einer bestimmten Anzahl von Personen pro Quadratmeter und mit einem Mindestabstand bei den Tischen – alles kein Problem auf dem großzügigen Areal des Weinguts. Die Essenausgabe könnte dann per Selbstbedienung in der Halle erfolgen – hinter Plexiglasscheiben.