Lila Luther grüßt vom Pfeiferturm: Der Brettener Fotokünstler Tom Rebel ziert markante Gebäude der Stadt mit großformatigen Fotografiken, | Foto: bert

Ausstellung mit Fotografiken

Bretten kann auch bunt und modern

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Dass Martin Luthers Konterfei am Pfeiferturm so lila schimmert, und man auf dem kunterbunten Wimmelbild am Melanchthonhaus auf den ersten Blick zunächst einmal gar nichts erkennt, hat schon die ersten Kritiker auf den Plan gerufen. Wozu der Aufwand, meckert einer, der lieber Freikarten fürs Peter-und-Paul-Fest eingestrichen hätte. Andere finden die großformatigen Druckgrafiken, die derzeit Zug um Zug in Bretten installiert werden, als Belebung des Stadtbildes schlicht großartig. Die ersten Reaktionen auf die überdimensionalen Druckgrafiken, mit denen der Brettener Fotokünstler Tom Rebel in seiner Ausstellung die Melanchthonstadt ziert, sind vielfältig und kontrovers. Doch genau das ist die Absicht der Ausstellung, die nicht von ungefähr den Titel „Dialog. Disput. Erneuerung“ trägt. Bis Ende April sollen alle Kunstgrafiken an exponierter Stelle die Mittelaltermetropole von ihrer modernen Seite her zeigen.

Ungewohnte Farbigkeit

Wie kann man diese beiden gewichtigen Jubiläen – 1250 Jahre Bretten und 500 Jahre Reformation – kreativ umsetzen und die Stadt mit einer Kunstaktion beleben? Diese Frage beschäftigt den Brettener Fotografen Tom Rebel schon seit drei Jahren, bis ihm die zündende Idee kam, vertraute Motive beider Jubiläen digital bearbeitet und mit ungewohnter Farbigkeit verfremdet an markanten Gebäuden zu platzieren. Das Bildmaterial zu der Ausstellung  hatte der passionierte Fotograf dazu bereits auf der Festplatte.
Mitstreiter fand er bei der Stadt Bretten, insbesondere bei der Projektgruppe Stadtjubiläum. Gemeinsam wurden die zu verkleidenden Fassaden ausgewählt und die Verhandlungen mit den Hausbesitzern geführt. 23 Wände von Kirchen, Privat- und Geschäftshäusern, aber auch von öffentlichen Bauten werden in den kommenden Wochen mit Kunstwerken verhüllt.

Stadtteile einbezogen

„Wichtig war uns, dass neben der Kernstadt auch die Stadtteile mit einbezogen werden“, sagt Bernhard Feineisen zur Auswahl der Fassaden. Der Kulturamtsleiter hat mit seinem Team die Organisation des Vorhabens übernommen. Gedruckt wurden die Fotografiken bei der Firma Fahnen Kreisel in Karlsruhe – die meisten an einem Stück. Nur das 94 Meter lange Banner für die Ruiter Mauer wurde in drei Teilen gefertigt.

 

Eingang Ruit
Das größte Objekt der Ausstellung wird an der Mauer der Ruiter Ortseinfahrt platziert, wie diese Fotomontage zeigt | Foto: Rebel

 

 

Industriekletterer Christian Zahker wurde dann mit der kniffligen Aufgabe betraut, das bedruckte, wasserdichte, UV-beständige und schwer entflammbare Gewebe an die Fassaden zu spannen.

Dialog statt Monolog

Das Triptychon in der Kreuzkirche inspirierte Tom Rebel zu einer besonderen Idee. Das dreigeteilte Gemälde zeigt Luther und Melanchthon und eine Kreuzszene in der Mitte. „Mir fiel dabei auf , dass die Herren, die den Dialog gepredigt haben, jeweils voneinander wegschauen – warum auch immer“, erzählt Rebel. In seiner neuen Interpretation hat er die Gesichter neu angeordnet, so dass sie sich anschauen – Dialog eben. Noch monologisiert Luther zwar alleine am Pfeiferturm. Doch schon bald soll Melanchthon an der Stiftskirche folgen und den Blick hinüber zu seinem Freund und Kampfgefährten richten.

Verfremdete Ansichten

Es sind allerdings nicht nur reformatorische Themen, die Rebel ins Blickfeld rückt. Die meisten Motive stammen aus Bretten und Umgebung und zeigen schöne Ecken her: die Wassergasse und den Marktplatz, die Apothekergasse und die Obere Kirchgasse.

 

Melanchthonhaus Bretten
Rätselraten herrscht über das Motiv, das die Rückseite des Melanchthonhauses ziert. | Foto: Rebel

 

Auch die Stadtteile sind einbezogen: In Gölshausen hängt ein Bild vom Seeberger Tal, die lange Mauer an der Ruiter Ortseinfahrt ziert die stark verfremdete Ansicht eines Neibsheimer Neubaus. In jedem Ortsteil soll mindestens eine Arbeit hängen, war die Maßgabe, bei der der Wunsch Pate stand, dass sich Kunstinteressierte auf eine Rundreise durch alle Orte begeben. Und dass die Neibsheimer einmal wieder nach Gölshausen, und die Ruiter nach Rinklingen pilgern.

„Bretten hat Lebensqualität“

„Bretten kann nicht nur Mittelalter, Bretten kann auch Neuzeit“, ist die Kernaussage, die Tom Rebel vermitteln will. Aber auch: „Bretten ist bunt, Bretten ist modern, Bretten hat Lebensqualität“.
Rätselraten herrscht derweil vielfach beim Betrachten der Farborgie auf der Rückseite des Melanchthonhauses. Was in aller Welt ist hier zu sehen? Der Fototüftler lüftet das Geheimnis: „Das ist mein Schreibtisch mit einer Pfingstrose mittendrin – hier entstehen alle meine Arbeiten“.