Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen sortieren am Vormittag das Gemüse: Was kann noch verkauft werden, was nicht? Eva Bajus (ganz hinten) freut sich über ihre treuen Helfer und Helferinnen. Im Hintergrund stapelt sich die Ware
Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen sortieren am Vormittag das Gemüse: Was kann noch verkauft werden, was nicht? Eva Bajus (ganz hinten) freut sich über ihre treuen Helfer und Helferinnen. Im Hintergrund stapelt sich die Ware | Foto: Teschers

Ehrenamtliches Engagement

Immer mehr Kunden der Brettener Tafel sind Senioren

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Wenn am frühen Nachmittag die Brettener Tafel ihre Türen öffnet, wartet schon eine Menschenschlange auf den Einlass. Die Auswahl an Lebensmitteln ist begrenzt, jeder möchte noch etwas abbekommen. Während laut Tafel-Dachverband bundesweit die Zahl der regelmäßigen Tafel-Kunden im vergangenen Jahr um zehn Prozent gestiegen ist, stagnieren die Kundenzahlen in Bretten.

So berichtet es Achim Lechner vom Diakonischen Werk in Bretten, das gemeinsam mit dem Caritasverband und dem Roten Kreuz Träger dieser Tafel ist. „Das ist uns recht“, sagt er. Er führt das auf die stabile Arbeitsmarktsituation in der Stadt zurück und darauf, dass der Zuzug von Geflüchteten nachgelassen hat.

Mehr Rentner sollten sich zur Tafel trauen

Dafür beobachtet er einen Anstieg der Kunden im Seniorenalter: „Es wird immer ein kleines Bisschen mehr.“ „30 Prozent der Kunden sind älter als 60 Jahre“, beobachtet Eva Bajus, Leiterin der Brettener Tafel. Die älteste Kundin sei kürzlich mit fast 93 Jahren gestorben, nun sei der älteste 88 Jahre alt.

„Die überwinden eine Wahnsinnshürde“, sagt Bajus. Für viele Senioren sei es schwierig, sich zuzugestehen, dass sie Hilfe bräuchten. „Wir freuen uns, wenn sich mehr Rentner trauen würden, zur Tafel zu gehen“, berichtet Bajus. Für Kunden ab 70 bietet die Tafel an zwei Tagen an, 15 Minuten vor der regulären Eröffnung schon einkaufen zu können. „Bei den jüngeren haben sie sonst keine Chance“, erklärt die Tafel-Leiterin.

Dramatischer Anstieg

Im bundesweiten Durchschnitt sind die Zahlen deutlich drastischer als in Bretten: „Besonders bei Senioren, die Rente oder Grundsicherung im Alter beziehen, ist der Anstieg mit 20 Prozent dramatisch“, teilt der Dachverband der Tafel mit.

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Zahlreiche Kinder betroffen

Einen großen Anteil machten in Bretten die Familien mit geringem Einkommen aus, wodurch dann auch Kinder betroffen seien, so Lechner. Rund 600 Haushalte versorgt die Brettener Tafel. Lechner rechnet mit drei Personen pro Haushalt, die von der Tafel erreicht werden. „Viele Tafelkunden sind allein, gerade Ältere. Aber wir haben auch Großfamilien mit sechs oder sogar bis zu elf Kindern“, erklärt Bajus.

Einkaufswagen voller Gemüse warten darauf, in die Auslage eingeräumt zu werden.
Einkaufswagen voller Gemüse warten darauf, in die Auslage eingeräumt zu werden.

Zehn ehrenamtliche Fahrer

In den Regalen an den Wänden stehen Nudelpackungen, Konserven und Senfgläser. Körbe mit Obst und Gemüse füllen die Mitte des Tafelladens. Die Produkte sind Spenden anderer Geschäfte, die diese nicht mehr verkaufen. Auf festgelegten Touren holen Mitarbeiter der Tafel die Lebensmittel ab. „Das sind jeden Tag unterschiedliche Touren, manche Läden werden täglich gefahren, manche zweimal wöchentlich“, berichtet Lechner. 900 Kilometer legen die zehn ehrenamtlichen Fahrer mit drei Fahrzeugen jede Woche zurück.

Tafel braucht mehr Geld

„Wir haben dringenden Bedarf an Fahrern“, sagt Lechner. Es fehlen fünf Mitarbeiter. Dadurch sei es im Sommer schon an einigen Tagen soweit gekommen, dass der Tafelladen nicht öffnen konnte.

Zusätzlich arbeiten bei der Brettener Tafel rund 30 Menschen ehrenamtlich, Eva Bajus und ihre Vertretung sind hauptamtlich angestellt. Ihr Gehalt wird – wie der gesamte Betrieb – ausschließlich durch Spenden finanziert. „Wir kommen meistens gerade so hin“, berichtet Lechner. Doch eigentlich bräuchte die Tafel mehr Geld, falls mal ein Gerät ausfalle oder Reparaturen an den Fahrzeugen anstünden.

Gerechte Verteilung ist oberstes Gebot

Bajus erklärt die drei Säulen der Tafel: „Zeit-, Waren- und Geldspenden.“ Die 25 Supermärkte, die jede Woche angefahren werden, spenden hauptsächlich Frischware, also Obst und Gemüse. Doch auch lang haltbare Lebensmittel wie Nudeln seien wichtig, so die Chefin. Die kommen von privaten Spendern. Die Tafel-Leiterin achtet darauf, dass die vorhandene Ware gerecht verteilt wird: „Wenn ich nur zehn Zitronen habe, kann auch eine Großfamilie nicht sieben Zitronen kaufen. Das wäre ungerecht den anderen gegenüber“, erklärt Bajus.