Thomas Nowitzki ist Bürgermeister von Oberderdingen und Kreisvorsitzender der Bürgermeisterversammlung des Gemeindetages Baden-Württemberg. | Foto: Rebel

Interview mit Thomas Nowitzki

Bürgermeister werden häufiger bedroht

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Die Studie hat für Aufsehen gesorgt. In jeder zwölften Stadt und Gemeinde in Deutschland sind Mitarbeiter eines Rathauses oder kommunale Amtsträger Opfer körperlicher Gewalt geworden. Vier von zehn Kommunen haben laut Christian Erhardt mit verbalen Bedrohungen zu kämpfen. Erhardt ist Chefredakteur des Magazins „Kommunal“, das in Zusammenarbeit mit „Report München“ bundesweit über 1 000 Bürgermeister befragt hat. Wie ist die Situation im Raum Karlsruhe? Unser Redaktionsmitglied Matthias Kuld hat Thomas Nowitzki angerufen und nach seinen Erfahrungen gefragt. Der Bürgermeister von Oberderdingen ist der Kreisvorsitzende der Bürgermeisterversammlung des Gemeindetages Baden-Württemberg.

Herr Nowitzki, Sie kennen die „Kommunal“-Studie?

Nowitzki: Ja natürlich, ich lese das Magazin. Die Entwicklungen, die da beschrieben werden, sind wirklich unglaublich.

Lassen sich solche Übergriffe und Bedrohungen auch im Kreis Karlsruhe beobachten?

Nowitzki: Grundsätzlich würde ich sagen, dass diese Entwicklungen in Baden-Württemberg noch nicht so ausgeprägt sind. Das gilt auch für unsere Region. Ich habe über das Thema gerade mit einigen Kollegen gesprochen. Was es schon immer wieder mal gegeben hat, ist, dass man angesprochen wird oder dass Familienmitglieder „angemacht“ werden. Das ist schon sehr belastend.

Wurden Sie schon persönlich bedroht?

Nowitzki: Nein. Verbale Entgleisungen mir gegenüber hat es aber schon gegeben.
Die Studie macht deutlich, dass nicht nur Bürgermeister, sondern generell Verwaltungsmitarbeiter angegangen werden. Können Sie das bei sich in Oberderdingen beobachten?
Nowitzki: Es ist etwa im Bürgerbüro mit der Zeit schon etwas schwieriger geworden. Die Forderungsmentalität ist ausgeprägt. Richtige Probleme hatten wir aber noch nicht. Unser Vollzugsdienstbeamter geht abends allerdings nur noch mit einem Diensthund auf Streife, weil er sich nicht immer überall sicher fühlt. Er sah sich aber auch schon Situationen ausgesetzt, nach denen wir Anzeige erstattet haben.

Hat sich generell die Tonlage verändert?

Nowitzki: Das würde ich schon sagen. Der Umgang ist rauer geworden. Das kommt meines Erachtens auch ein Stück weit aus der Welt der Sozialen Medien.

Sind Sie da eigentlich auch selbst unterwegs?

Nowitzki: Ich habe einen eigenen Account, den ich allerdings nur für dienstliche, berufliche und politische Mitteilungen zur Öffentlichkeitsarbeit nutze. Nicht für private Zwecke! Dazu hat die Gemeinde Oberderdingen einen eigenen Facebook-Auftritt.

Ist Facebook aber nicht ein „must have“ heutzutage?

Nowitzki: Ich glaube eher, dass das auch eine Frage der Kapazitäten in kleinen Verwaltungen ist. Die größeren Städte und Gemeinden haben das ja.

Die sogenannten Reichsbürger gelten als Klientel, das gerne gegen Bürgermeister und Verwaltungen ätzt. Sind die Ihnen schon untergekommen?

Nowitzki: Die gibt es in unserer Region nicht in der Ausprägung wie andernorts. Aber viele Kollegen haben schon einmal mit denen zu tun gehabt.

Das Magazin „Kommunal“ berichtet nicht von der absoluten Zahl der Fälle von Bedrohungen und Beschimpfungen, sondern stellt vor allem fest, dass die Zahlen zugenommen haben. Wie schätzen Sie das für die weitere Zukunft ein?

Nowitzki: Ich befürchte, dass sich das nicht bessert. Die Aggressivität wird zunehmen. Das hängt damit zusammen, dass Egoismus ein um sich greifender Trend ist. „Gemeinwohl“ ist etwas, das immer weniger Menschen mittragen. Nehmen Sie mal als Beispiel Baulandausweisung. Alle wissen, dass Wohnumraum knapp ist. Wenn man dann Wohnraum schaffen will, ist es den Angrenzern am Ortsrand oder bei Nachverdichtung im Innenbereichen oft nicht recht, vor deren Haustür das stattfindet.

Im Zusammenhang mit dem Zustrom an Asylbewerbern hat das Thema Bedrohung von Bürgermeistern Fahrt aufgenommen. Sind die Flüchtlinge auch drei, vier Jahre später Ursache solcher Anfeindungen?

Nowitzki: Nein. Und das war bei uns auch nicht so. Die Gemeinden im Landkreis haben im engen Schulterschluss mit dem Landratsamt das Thema gut bewältigt. Gut – da war schon Druck im Kessel. Wir hatten eine Art geteilte Gesellschaft, was ich auch in Oberderdingen so erlebt habe. Aber die Flüchtlinge sind nicht die Ursache dieser Veränderung im Umgangston, auch wenn damals Mitarbeiter des Landratsamtes unmittelbar bedroht wurden.

Quellenhinweis
https://kommunal.de/gewalt-gegen-amtstraeger