Dekanin Ulrike Trautz zieht bald mit ihrer Familie in das renovierte Pfarrhaus am Promenadenweg ein.
Dekanin Ulrike Trautz zieht bald mit ihrer Familie in das renovierte Pfarrhaus am Brettener Promenadenweg ein.

Kirchenbezirk Bretten-Bruchsal

Dekanin Ulrike Trautz: „Vor dem Predigen habe ich mich gefürchtet“

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Seit 1. Oktober 2019 ist Ulrike Trautz als Dekanin des Kirchenbezirks Bretten-Bruchsal im Amt. Und damit zuständig für 27 Pfarrstellen, 31 Kirchengemeinden, sieben Gemeindediakone und rund 55.000 Protestanten.

Studiert hat Trautz in Bielefeld, Marburg und Heidelberg, in der Gemeindearbeit war sie in Leopoldshafen und Baden-Baden aktiv. Die vergangenen neun Jahre hat sie als Pfarrerin die Kirchengemeinde Kürnbach-Bauerbach betreut. Über ihren Werdegang, ihre Vorstellungen von Glauben und Gemeinde und die Pläne, die sie in ihrer neuen Aufgabe hat, sprach unser Redaktionsmitglied Hansjörg Ebert mit ihr.

Was war denn als Kind ihr erster Berufswunsch?

Trautz: Ich wollte Tierärztin werden. Mein Papa hat es mir dann aber ausgeredet. Später wurde mir der Umgang mit Menschen wichtiger.

Welche Rolle spielte der Glaube bei Ihnen in der Familie?

Trautz: Der spielte schon immer eine große Rolle. Mein Vater ist Pfarrer, ich bin in einem Pfarrhaus aufgewachsen. Das Leben in der Gemeinde war selbstverständlich. Meine Mutter ist Religionslehrerin und wurde später sogar Pfarrerin im Ehrenamt. Meine Erfahrungen mit Glaube und Kirche sind positiv besetzt. Meine Eltern waren viel zuhause und immer ansprechbar.

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Ihre kirchliche Sozialisation:

Trautz: Der klassische Weg: Ich ging gerne in den Kindergottesdienst, in die Jungschar und in den Konfiunterricht. Später auch in den Jugendkreis und war dann selbst in der Jugendarbeit aktiv. Dann bekam man auch durch die Arbeit im Bezirk einen Blick über die Gemeinde hinaus. Mein Vater wurde dann Dekan-Stellvertreter, auch das hat mir den Blick für die anderen und über den eigenen Kirchturm hinaus geweitet.

Wuchs in dieser Zeit schon die Entscheidung, beruflich in diese Richtung zu gehen?

Trautz: Erst mal nicht. Ich habe mich vor dem Predigen gefürchtet, das lag mir nicht. Ich konnte mir zwar die Gemeindearbeit gut vorstellen, aber nicht den Gottesdienst halten und vorne stehen. Damals dachte ich noch daran, Landschaftsgärtnerin oder Ärztin zu werden. Das Schlüsselerlebnis war dann eine Tagung für Interessierte am Theologiestudium. Da hat es dann gefunkt, da wurde die Lust auf dieses Studium geweckt.

Wer hat Sie in ihrer Ihrer Glaubensentwicklung geprägt?

Trautz: Das waren ganz stark meine Eltern, die mir ein sehr positives Bild vom Glauben vermittelt haben als etwas, was einen stärkt und Kraft gibt, wo man auch lachen kann, das hatte nichts Enges. Es gibt ja auch strenge Glaubensrichtungen, aber bei uns war es schön.

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Ihr beruflicher Werdegang?

Trautz: Am Anfang stand das Lehrvikariat – eineinhalb Jahre war ich da in Leopoldshafen, dann habe ich ein halbes Jahr Seelsorge-Vikariat in Mannheim angehängt. Letzteres war überaus wichtig für mich. Heute sage ich, da bin ich zur Pfarrerin geworden. Da habe ich dieses Zutrauen bekommen, dass ich das kann.

Welche Spuren hat das Thema Seelsorge bis heute hinterlassen?

Trautz: Dieses Dasein für die Menschen lag mir schon immer am Herzen, und ich spüre auch, dass das für alle Generationen wichtig ist. Und auch die Vermittlung der Seelsorge Gottes. Da gab es auch eine Zeit, in der ich gemerkt habe, dass ich die Seelsorge Gottes brauche. Dass ich Gott für meine Seele sorgen lasse. Dass ich Zeiten habe, in denen ich zur Ruhe komme und bete. Wenn man immer nur rennt und macht, verliert man schnell seinen Fokus.

Wie würden Sie ihre Gottesbeziehung beschreiben?

Trautz: Das Kernstück ist dieses mich angenommen Fühlen. Ich darf mich von Gott geliebt wissen, kann mich selber annehmen und auch meine Stärken entdecken. Ich weiß aber auch, dass ich begrenzt bin, Fehler mache und das auch sein darf.

Das führt zu einer realistischen Selbsteinschätzung, mit der ich gut leben kann. Dass wir Fehler machen dürfen, finde ich unglaublich wichtig. Und sie dann auch ehrlich anschauen und etwas draus lernen. Das ist für mich die große Kraft des christlichen Glaubens, dass es – theologisch gesprochen – so etwas wie Vergebung gibt. Dass man immer wieder neu anfangen kann.

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Wie wirkt sich das im Miteinander aus?

Trautz: Das muss natürlich Konsequenzen für meinen Umgang mit anderen haben, eine Gottesbeziehung für mich alleine, nützt nichts. Die kann auch nicht echt sein, wenn sie nicht die anderen Menschen im Blick hat – die nahen und die fernen.

Was ist ihnen für die Gemeindearbeit wichtig?

Trautz: Da geht es mir genau um dieses Miteinander. Dass man füreinander sorgt, dass man schaut, wo hat wer welche Gaben, und dass man sie auch wertschätzt. Wer die Kirche putzt ist genauso wertvoll wie der, der den Kirchengemeinderat leitet. Es ist aber auch okay, wenn jemand nur alle paar Monate kommt. Ich möchte keinen frommen Anspruch vermitteln, damit jemand sich zugehörig fühlt. Wir sollten auch eine gewisse Weite haben.

Was verändert sich für Sie mit der neuen Funktionsstelle?

Trautz: Da ist man schon etwas weiter weg von den Menschen in der Gemeinde. Meine Gemeinde sind jetzt die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die ehrenamtlich Leitenden, für die ich Ansprechpartner sein möchte und sie unterstützen will. Und dann gibt es auch Konflikte, bei denen man vermitteln muss. Und von daher ist die Aufgabe jetzt doch gar nicht so anders.

Eine schöne Erfahrung für Sie als Pfarrerin?

Trautz: Ich finde die Arbeit mit den Kindern und Konfis sehr wertvoll. Es ist schön zu sehen, wenn sie gerne kommen und sich in der Kirche wohlfühlen. Was ich sehr liebe, ist Gottesdienste zu feiern, nicht nur mit der klassischen Liturgie, sondern auch mit neuen Formen. Wo es lebendig sein kann, wo Leben in die Kirche reinkommt. Und wenn auch mal – wie etwa beim Muttertagskonzert des Kürnbacher Musikvereins – die Kirche voll ist und Bon-Jovi- Klänge ertönen.

Eine besonders schwere Erfahrung?

Trautz: Sterbefälle sind immer wieder solche schwere Erfahrungen. Das mitzutragen ist – je näher man die Leute kennt, umso schwieriger. Man muss mitfühlen, darf sich aber nicht in die eigene Traurigkeit fallen lassen, wenn man die Menschen auf diesem Weg seelsorgerlich begleiten möchte.

Wie sieht denn ihre eigene Familiensituation aus?

Trautz: Ich bin verheiratet, wir haben einen gemeinsamen Sohn, mein Mann hat zwei erwachsene Kinder aus erster Ehe. Die sind aber ausgeflogen. Wir wohnen noch in Kürnbach bis das Dekanatsbüro in Bretten renoviert ist. Dann ziehen wir nach Bretten.

Mein Mann ist Gärtnermeister von Beruf, wir haben uns in Baden-Baden kennengelernt. Und sind dann als unser Sohn auf die Welt kam nach Kürnbach gezogen. Mein Mann kümmert sich als Hausmann um all die anfallenden Aufgaben, sodass ich mich ganz meinem Beruf widmen kann. Das funktioniert gut, und ich habe noch genügend Zeit, Mutter zu sein.

Was gefällt Ihnen an der Arbeit als Dekanin?

Trautz: Man hat Gestaltungsspielraum. Es ändert sich ja derzeit viel in unserer Kirche, und das mitzugestalten, reizt mich sehr.

Was für Pläne haben Sie?

Trautz: Mir liegt das Thema Klimaschutz sehr am Herzen. Die Badische Landeskirche hat dazu ein Konzept aufgelegt mit dem Ziel, den Energieverbrauch in den kirchlichen Gebäuden bis Ende 2020 um 40 Prozent zu senken und sich dann auf den Weg zur Klimaneutralität zu machen.

Ich strebe eine aktive Beteiligung unseres Kirchenbezirks an. Darüber hinaus möchte ich den Prozess „Kirche im Umbruch“ mitgestalten und jüngere Menschen ansprechen. Das Bedürfnis nach Sinn und Halt im Leben ist ja auch bei ihnen da. Und dann die Frage, wie bekommen wir hauptamtliche personelle Verstärkung für die Kinder und Jugendarbeit.

Weniger Mitglieder und weniger Hauptamtliche – wie will die evangelische Kirche das in den nächsten Jahren stemmen?

Trautz: Wir müssen den Gemeindezuschnitt verändern und besser kooperieren. Wir brauchen mehr Dienstgruppen, zu denen jeweils mehrere Hauptamtliche gehören,, die im Team arbeiten und sich die Arbeit je nach Stärken und Interessen teilen – weg vom Allrounder. Das kann viele Kräfte freisetzen. Nach guten Strukturen zu suchen, wird für die nächsten zehn Jahre die große Herausforderung sein.