Stefanies Streifzüge
In der Melanchthonstadt Bretten lässt es sich genüsslich Bummeln. An warmen Sommerabenden ist die Innenstadt mit ihren vielen Cafés sehr belebt. Foto: Stefanie Ender | Foto: Stefanie Ender

Stefanies Streifzüge

Dem Most auf der Spur – Köstliche Traditionen zwischen Bruchsal und Bretten

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Die gebürtige Oberlausitzerin Stefanie Ender kennt Göttingen, Dresden und Mailand. Dort hat sie studiert. Sie kennt Hamburg, wo sie zuletzt gearbeitet hat. Seit 1. August ist die junge Frau nun Volontärin der BNN. Damit sie auch Baden kennenlernt, haben wir sie auf eine Sommertour geschickt. Vom Kloster Waghäusel zum Karlsruher Grat. Zweite Etappe: Vom Bruchsaler Schloss bis in die Brettener Altstadt.

 

Eigentlich ist der Kraichgau weit über seine Grenzen als Weingenussland oder badische Toskana bekannt. Dass zwischen Bruchsal und Bretten seit Jahrhunderten mehr Most als Wein getrunken wird, ist etwas Besonderes. Mit vielen Streuobstwiesen ist die historische Bertha Benz Memorial Route gespickt, an der ich entlang schleiche. Unterwegs treffe ich Menschen, die wissen, wie hier schon im Mittelalter gespeist und getrunken wurde.

Das morgens noch etwas verschlafene Bruchsaler Schloss lasse ich rasch hinter mir liegen. Vor allem, weil ein Besuch erst ab 10 Uhr möglich ist. Beim Bummel durch die blühende und fast menschenleere Stadt fallen an einigen Wohnhäusern große Torbögen auf, die aus mittelalterlichen Zeiten stammen. Früher wurden Waren mit Pferdekutschen direkt durch die Pforte in den Haushof gefahren.

„Das waren noch Zeiten“, denke ich und starte meine Suche nach Spuren vergangener Tage entlang der B 35 über Heidelsheim nach Helmsheim. Beim gemütlichen Schlendern an der heute stark befahrenen Bundesstraße stelle ich mir hier langsam vorbei ratternde Kutschen vor. Und dazwischen Bertha Benz, die sich 1888 heimlich das von ihrem Mann erfundene Automobil schnappte, um die erste deutsche Fernfahrt von Mannheim nach Pforzheim zu fahren. Sicher war sie mit mehr als zwei Pferdestärken unterwegs. Mein bescheidener Wandermotor kann da nicht mithalten.

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Mit dem Helmsheimer Maic Lindenfelser spreche ich über alte und neue Trinkgewohnheiten. | Foto: Stefanie Ender

Nach eineinhalb Stunden treffe ich in Helmsheim auf Maic Lindenfelser, der über mittelalterliche Trinkgewohnheiten erzählen kann. „Sehr typisch für diese Gegend sind seit alten Tagen die Streuobstwiesen mit unter anderem Äpfeln, Birnen und Pflaumen“, so der Ortskundige, der seit 2015 Führungen in dem kleinen Ort anbietet.

Aus dem Steinobst wurde damals Most gepresst. „Früher gab es hier keinen Wein. So haben die Menschen die hier wachsenden Äpfel und Birnen verwendet“, erklärt er und bittet zur Verkostung.
Supermärkte gab es vor Jahrhunderten noch nicht und auch keine Weinkenner, die direkt ins eigene Wohnzimmer kommen und Geschmacksproben verteilen. Nein, damals haben die Menschen von den Pflanzen aus dem eigenen Garten gelebt.

Ganz so von gestern ist dieses Getränk nicht, muss ich rasch feststellen als Maic Lindenfelser einen modernen Most anbietet. Noch heute werde er hier gepresst und bei großen Festen dem Wein vorgezogen.

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Die deutschlandweit bekannte Bertha Benz Memorial Route führt durch Orte, deren mittelalterliche Häuser erhalten geblieben sind – wie hier Heidelsheim. | Foto: Stefanie Ender

Erfrischt setze ich meine Tour nach Gondelsheim fort und laufe dieses Mal bewusst nördlich der B35, um dem Verkehrslärm zu entkommen. Dort, neben großflächigen Mais- und Zuckerrübenfeldern, die auf den guten Löslehmböden prächtig gedeihen, ist die mittelalterliche Bescheidenheit der Landbevölkerung nur noch zu erahnen. Damals waren Parzellen, die von Bauern bewirtschaftet wurden, viel kleiner, wurden aber auch ohne Maschinen bearbeitet.

Geblieben sind die teils wilden, teils kultivierten Obstbäume. Herunter gefallenes Obst scheint hier zum Landschaftsbild zu gehören. Eine Spur Fallobst am Wegesrand verfolgt mich nach Gondelsheim. Wie im Schlaraffenland fühle ich mich und sammle Kirschpflaumen, Äpfel und kleine Birnen ein.

Nach gut zehn zurückgelegten Kilometern verschnaufe ich am Gondelsheimer Rathaus, neben Bürgermeister Markus Rupp sitzend. Der studierte Historiker erzählt über das Leben im Mittelalter, die Bedeutung der Kartoffel und davon, dass die Gondelsheimer damals zwar Abgaben an Grundherren zahlten, aber keine Leibeigenen sondern frei waren.

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Gondelsheims Bürgermeister Markus Rupp weiß als studierter Historiker viel über seinen Heimatort zu erzählen. Foto: Stefanie Ender

„Sie sitzen hier vor der ehemaligen Zehntscheune“, erklärt der 52-Jährige und zeigt auf das Rathaus. Schon damals war dieses Haus also zentraler Platz der Obrigkeit, an dem mit Steuern gewirtschaftet wurde. „Es gab den großen Zehnt für Getreide, den kleinen für Kräuter, den Blutzehnt für Kälber, Gänse und Enten“, zählt der SPD-Politiker auf. Stundenlang könnte ich den Geschichten lauschen, breche schließlich aber zur letzten Etappe nach Bretten auf.

Eine halbe Stunde später schlendere ich durch die belebte Altstadt mit vielen Cafés und Restaurants. Eine Konditorei, die den Namen des berühmtesten Bretteners trägt, zieht mich magisch an. Seit 1936 werde hier im Melanchthoncafé gebacken, erzählt die Backwarenverkäuferin. Ich probiere eine Brettener Spezialität, den Melanchthonkuchen. Das ist ein Mandelbaumkuchen mit Cassisfüllung, der einfach zum Dahinschmelzen ist. So lecker kann Tradition sein, stelle ich fest.