Diabetes-Patientin
Adieu Blutzuckermessgerät. Looper arbeiten mit Smartphone und Smartwatch. | Foto: Jens Kalaene/Symbol

Looper helfen sich selbst

Diabetiker machen Handy zur Bauchspeicheldrüse

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Private Tüftler machen das Smartphone zur künstlichen Bauchspeicheldrüse. Dass die Möglichkeiten, die dieser von allen liebe- voll „Handy“ genannte omnipräsente Kleinstcomputer bietet, noch längst nicht ausgeschöpft ist, zeigt eine Do-it-yourself-Initiative von betroffenen Diabetikern. Sie nennen sich Looper und haben sich und anderen mit ihren Programmierkünsten und viel technischem Geschick das mitunter ungemütliche Leben als Diabetiker kräftig erleichtert.

„Wir leben endlich wieder freier, im Vergleich zu früher sind das Welten“, sagt die 30-jährige Anna. Die Erzieherin aus dem Landkreis Karlsruhe ist so begeistert wie ihr Lebensgefährte Frieder (Namen geändert). Beide leiden an Diabetes Typ 1. Ihre Bauchspeicheldrüse hat irgendwann einfach aufgehört, das lebensnotwendige Insulin zu produzieren. Stand der Technik ist es bereits, dass sie ihren Blutzuckerspiegel nicht mehr blutig an der Fingerkuppe, sondern durch einen unter der Haut installierten Sensor permanent messen. Insulinpumpen, die zumindest eine Grundversorgung mit Insulin übernehmen, gibt es schon seit Jahren. Doch der Schritt, den die weltweit organisierte Selbsthilfegruppe #wearenotwaiting über diese Entwicklungen der Pharmaindustrie hinaus geht, ist für die Betroffenen revolutionär.

Ideale Insulinberechnung

Dank einer offenen und in allen Ecken der Welt weitergetriebenen Softwareentwicklung ist es ihnen gelungen, den Sensor und die Pumpe intelligent zu verbinden. Das Smartphone erhält die Blutzuckerwerte per Funk vom Sensor und sagt – ebenfalls drahtlos – der Pumpe, wie viel Insulin der Körper braucht. Kein Messen, kein Rechnen, kein Nachspritzen mehr. Auf die automatische Messung folgt die automatische Insulingabe und die hält die Blutzuckerwerte der Betroffenen auffällig konstant.

„Nur für Menschen mit technischem Verständnis“

„Ich habe auf einer Tagung die Werte einer Looperin gesehen. Sie waren erstaunlich stabil, wenn auch nicht völlig normal. Das Ganze funktioniert offenbar tatsächlich fast wie eine künstliche Bauchspeicheldrüse“, erklärt der Arzt Johannes Hummel. Er arbeitet in einer Schwerpunktpraxis für Diabetes in Bretten und muss schon aus rechtlichen Gründen seine Begeisterung für diese Entwicklung zügeln. Es handelt sich um selbst gebastelte Systeme, die letztlich keine medizintechnische Zulassung haben. „Auch sind sie sicherlich nur für Menschen, mit technischem Verständnis geeignet.“
Diabetes
Eine Frau misst auf klassischem Wege ihren Blutzucker. Diabetes ist eine Volkskrankheit geworden. | Foto: Jens Kalaene
Ganz einfach ist es tatsächlich nicht. Das bestätigen auch Anna und Frieder. „Wir sind viele Nächte dran gesessen, bis wir die App erstellt und die richtigen Werte eingegeben hatten.“ Dass man das Programm, das die Blutzuckerwerte verarbeitet und in die richtige Insulin-Dosis umrechnet, nicht fix und fertig aus dem Internet aufs Handy laden kann, hat ebenfalls rechtliche Gründe. „Weil sich jeder die App selbst zusammenbauen muss, kann auch niemand für eine Fehlfunktion haftbar gemacht werden“, erklärt Frieder.

#wearenotwaiting

Jeder ist für seinen „Loop“ selbst verantwortlich. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass die Hersteller von Insulinpumpen und Sensoren noch kein eigenes geschlossenes System der Insulinversorgung vorgestellt haben. Die Betroffenen jedenfalls wollten auf die Industrie nicht länger warten und nannten ihre Initiative folgerichtig #wearenotwaiting – wir warten nicht mehr länger.

Besorgte Eltern machten den Anfang

Angefangen haben besorgte Eltern, die Angst hatten, den Blutzucker-Alarm ihrer kranken Kinder in der Nacht zu überhören. „Die haben es geschafft, sich die Messwerte vom Sensor aufs Handy schicken zu lassen“, erzählt Hummel. Andere nahmen diese Idee auf, knackten das Betriebssystem der Insulinpumpe und setzten die Entwicklung fort. Die Ergebnisse scheinen ihnen recht zu geben. „Als ich mir das Insulin noch selbst spritzen musste, war mein durchschnittlicher Blutzuckerspiegel (Experten sprechen vom HbA1c-Wert) bei neun. Heute liegt er bei sechs, normal wäre fünf“, verrät Frieder.
Schlank
Auch schlanke Menschen können ein erhöhtes Diabetes-Risiko haben. | Foto: Hans-Jürgen Wiedl
Er rechnet auch damit, dass ihn die gefürchteten Spätfolgen, die die Zuckerkrankheit mit sich bringt, nicht so stark heimsuchen, weil die Dauerbelastung durch einen zu hohen Zuckerspiegel wegfällt. Doch nicht nur gesundheitlich bringt ihm sein neues Looper-System Erleichterung. „Ich wurde mal aus einem Restaurant geworfen, weil der Wirt dachte, ich spritze mir Drogen.“ Selbst dass er weiter als Fahrer von Gefahrgutlastern arbeiten kann, hängt eng mit der Automatisierung seiner Insulinpumpe zusammen. „Wegen der ständigen Gefahr zu unterzuckern, hätte ich sonst möglicherweise meinen Job verloren.“ Damit er seinen Zuckerspiegel unabhängig von der Pumpe und ohne Blick aufs Handy jederzeit überwachen kann, lässt er sich die Werte zusätzlich auf seine Smart-Watch spielen. Ein Blick aufs Handgelenk genügt.

Handy und Smartwatch müssen stets geladen sein

Auch bei Anna passt die Looping-Lösung deutlich besser ins Berufsleben. „Schon in der Schule haben sich meine Mitschüler darüber mokiert, wenn ich mich spritzen musste. Bei der Arbeit im Kindergarten hat mich die Leiterin gebeten, mich doch bitte nicht vor den Kindern zu messen und zu spritzen. Jetzt schauen wir gemeinsam auf mein Handy und die Kinder können live sehen, was mein Blutzuckerspiegel gerade macht.“
Auch nachdem sie die Grundeinstellung von Handy-App und Insulinpumpe geschafft haben, ist das Leben für Anna und Frieder beileibe nicht unkompliziert. Ohne ihr Handy, das sie nur für die Insulinversorgung verwenden, gehen sie nicht raus. Die Batterien der Pumpe, die Akkus von Handy und Armbanduhr müssen stets geladen sein. Und trotz aller Technik tragen die beiden stets ihr altes Messgerät bei sich – sicher ist sicher.

Looper glauben an ein für alle

Und sicher ist auch, dass das komplizierte System vom Bausatz fürs eigene Handy-Programm bis zur genauen Einstellung der persönlichen Werte nicht wirklich die Lösung für alle Zuckerkranken ist. Doch die Looper gehen davon aus, dass die Industrie letztlich doch noch ihrem Beispiel folgt und ein komplettes System auf den Markt bringt. Ein System, das Menschen mit Diabetes Typ 1 ihre Krankheit fast vergessen lassen könnte und eines, das dann auch der Facharzt guten Gewissens empfehlen dürfte.