Für Professor Günter Frank ist die Wiedervereinigung eine einzigartige Erfolgsgeschichte. | Foto: Ebert

Interview mit Günter Frank

Akademieleiter aus Bretten erzählt über seine DDR-Vergangenheit

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Der „Tag der Deutschen Einheit“ wird nicht überall als Freudentag gefeiert. Insbesondere im Osten der Republik wird seit geraumer Zeit verstärkt Unzufriedenheit und Unmut artikuliert. Günter Frank, der Leiter der Melanchthonakademie in Bretten, ist in der DDR aufgewachsen. Nach dem Mauerfall kam er in den Westen. Über seine Eindrücke und Empfindungen berichtet er zum Tag der Deutschen Einheit:

BNN: Wie fällt ihre Bilanz zu fast drei Jahrzehnten Deutscher Einheit aus?

Frank: Rückblickend meine ich, dass die Deutsche Vereinigung eine einzigartige Erfolgsgeschichte gewesen ist. Viele Länder beneiden uns dafür. Es gibt viele koreanische Kollegen, die wissen wollen, wie das gelungen ist und ein Muster suchen, wie das vielleicht irgendwann einmal auf der koreanischen Halbinsel der Fall sein könnte. Fährt man durch die neuen Länder, sieht man, wie alle Städte wunderbar saniert sind und dass es,von hier aus gesehen, den Menschen wesentlich besser geht als vor drei Jahrzehnten.

Da gibt es aber auch die abgehängten und ausblutenden Landschaften, die von diesem Fortschritt abgeschnitten sind.

Das ist die andere Seite. Natürlich sind Fehler gemacht worden, was ganz verständlich ist. Es gab kein Muster, wie man eine deutsche Vereinigung erfolgreich herstellen und alle Menschen in gleichem Maße zufrieden stellen kann. Ein Problem war etwa, dass nach 1989 vor allen Dingen die Bürgerbewegung, bei der ich selbst Mitglied war, darauf gedrungen hat, sich der alten Eliten zu entledigen. Die alten Funktionäre, die in den Führungspositionen in Verwaltung, Wissenschaft und Öffentlichkeit saßen, sollten entfernt werden. Woher aber die neuen Eliten nehmen? Sie sind also nicht auf dem Boden der DDR groß geworden, und so kamen nach dem Mauerfall sehr viele Führungskräfte aus dem Westen in den Osten.

Rückblickend meine ich, dass die Deutsche Vereinigung eine einzigartige Erfolgsgeschichte gewesen ist. Viele Länder beneiden uns dafür.

Hat sich das mittlerweile geändert?

Es gilt bis heute, das begründet das Ressentiment der Ostdeutschen. Die sehen, in unseren Führungsetagen sitzen fast nur Wessis, und uns gibt man nur die zweite Hand. Wir sind also Second-Hand-Deutsche, so fühlen viele. An einem Beispiel: In der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR gab es 150 Angestellte. Davon sind nach 1990 insgesamt 149 aussortiert worden, nur eine Person wurde übernommen. Sie war in dem Jahr im Mutterschutz, deswegen wurde sie behalten, alle anderen wurden entlassen. Natürlich könnte man sagen, das ist eine Ungerechtigkeit, wenn man verdienstvolle Wissenschaftler vor die Tür setzt. Andererseits muss man berücksichtigen, die Akademie der Wissenschaften sind keineswegs Widerständler gewesen. Das sind Menschen gewesen, die höchst angepasst waren, die dem SED-Staat sehr nahe standen. Deshalb wollte die Bürgerbewegungen, dass diese Eliten entfernt werden.

 

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Wie ging es Ihnen denn als Wissenschaftler, der auch in der DDR studiert hat?

Ich habe an der unabhängigen katholischen Hochschule in Erfurt studiert, die ohne jeglichen Einfluss des SED-Staates bestand. Promoviert habe ich in Rom, habilitiert habe ich mich an der Freien Universität in Berlin.

Wir sind also Second-Hand-Deutsche, so fühlen viele.

Haben Sie persönlich als „Ossi“ Ressentiments erlebt?

Ich muss immer wieder betonen, es ist mir auch nicht im Anflug irgendein Ressentiment begegnet aufgrund meiner Biografie. Ich finde, die Bundesrepublik ist ein Musterbeispiel für eine sehr liberale Gesellschaft.

Können Sie die bisweilen sehr negative Stimmungslage im Osten nachvollziehen?

Die kann ich persönlich überhaupt nicht nachvollziehen. Wenn ich einen redaktionellen Beitrag einer renommierten Tageszeitung zur Landtagswahl in Sachsen lese, in der ein Bewohner aus der Lausitz sagt, heute sei es schlimmer als im SED-Staat, dann kann ich nur sagen, das ist bitter. Und nur mit dem Kopf schütteln. Es gibt sicherlich viele Biografien, die es nach dem Mauerfall nicht geschafft haben, einen aufrechten Gang zu erlernen und sich in der veränderten Gesellschaft zurecht zu finden.

Ich finde, die Bundesrepublik ist ein Musterbeispiel für eine sehr liberale Gesellschaft.

Wo sehen Sie Ursachen für diese Stimmungslage?

Die Diktatur hat Spuren hinterlassen, auch seelische Spuren. Wie viel Prozent der DDR-Bürger werden Oppositionelle gewesen sein? Wenn das ein Prozent waren, sind das viele gewesen. Die Mehrheit waren – wie in der Nazi-Diktatur – einfache duckmäuserische Mitläufer. Den Weg zum aufrechten Gang zu finden, haben viele nach 1989 nicht auf sich gebracht. Natürlich fühlen sich manche Ossis in strukturschwachen Gegenden ungerecht behandelt, weil sie von den Wohltaten unserer Gesellschaft weit abgeschnitten sind.

Was lief denn so falsch?

Es sind Fehler gemacht worden, insbesondere bei der Steuerpolitik. Bretten profitiert von der hohen Gewerbesteuer, davon leben die Kommunen im Westen. Das ist im Osten nicht vergleichbar aufgebaut, dass finanzkräftige Unternehmen die Steuern auch dort bezahlen und das den Kommunen zugute kommt. Oft ist es ein strukturelles Problem, das man angehen muss. Das ist ja auch jetzt vorgesehen, dass man Forschungseinrichtungen neu ansiedelt.

Die Diktatur hat Spuren hinterlassen, auch seelische Spuren.

Vergleichsweise wenige Ostdeutsche haben es – anders als Sie – im Westen in Führungspositionen geschafft. Woran mag das liegen?

Bei mir war es auf jeden Fall erst mal die Gunst der Stunde. Man muss auch sagen, dass unsere Ausbildung, die wir in unserer unabhängigen Hochschule genossen haben, international anschlussfähig war. Deswegen bin ich auch gleich nach dem Mauerfall in unterschiedliche Gremien eingerückt, bin von vielen Stiftungen gefördert worden, war im Ausland, und hab von Anfang an die große weite Welt genossen. Ich bin auf diese Weise in Führungspositionen gekommen. Sie haben recht, es gibt vergleichsweise wenige, die es geschafft haben, gerade in unserem Bereich, Kultur und Wissenschaft, bin ich vielleicht eine Ausnahme.

Wie werden Sie den Tag der Deutschen Einheit begehen?

Ich werde an diesem Tag sehr dankbar sein. Das ist auch ein Punkt, der mich ein bisschen irritiert im Blick auf die Nervosität in den neuen Ländern. Ein Leben in Freiheit ist doch ein so wunderbares Geschenk für jeden Menschen, dass man dafür nur dankbar sein kann. Die vier Jahrzehnte Diktatur waren für alle eine unmenschliche Unterdrückung, dass man dankbar sein kann, dass wir diese Freiheit gewonnen haben. Friedlich gewonnen haben. Deswegen bleibt dieser Tag ein großer Tag des Danksagens.