Der Weg zum ersten Joint scheint für Schüler kürzer denn je: Fast jeder Zehnte unter den Zwölf- bis 17-Jährigen in Deutschland gibt an, gelegentlich zu kiffen. Die Zahl der Drogendelikte auf Schulhöfen ist ebenfalls gestiegen.
Der Weg zum ersten Joint scheint für Schüler kürzer denn je: Fast jeder Zehnte unter den Zwölf- bis 17-Jährigen in Deutschland gibt an, gelegentlich zu kiffen. Die Zahl der Drogendelikte auf Schulhöfen ist ebenfalls gestiegen. | Foto: dpa

Von Stutensee bis Pfinztal

Die Schulhöfe sind „clean“

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Die Landeskriminalämter haben bekannt gegeben, dass die Drogenkriminalität an Schulen in den vergangenen fünf Jahren teils drastisch zugenommen hat. Spitzenreiter ist Baden-Württemberg, wo sich die Zahl fast verdreifachte: 2011 gab es auf Schulhöfen noch 348 Drogendelikte, 2015 waren es bereits 939 Fälle. Meistens handelt es sich um den Besitz oder Kauf von Rauschgift, insbesondere von Cannabis. In den Gemeinden des BNN-Hardtgebiets aber scheint sich diese Problematik nicht widerzuspiegeln.

Wir haben derzeit überhaupt keine Probleme mit Drogen

„Wir haben derzeit überhaupt keine Probleme mit Drogen“, berichtet Barbara Fuchs, die Rektorin der Geschwister-Scholl-Realschule (GSR) in Pfinztal-Berghausen, gibt aber auch zu: Das kann sich morgen schon geändert haben.“ Tatsächlich musste die Polizei zwischen 2011 und 2015 nicht ein einziges Mal wegen Drogen auf Pfinztaler Schulhöfen ausrücken. Gleiches gilt für Linkenheim-Hochstetten.

Schüler klären Schüler auf

Genau wie in den anderen Schulen setzt die GSR auf Prävention – in ihrem Fall auf den sogenannten Peer-to-Peer-Ansatz. Dabei werden Schüler der Klassenstufen acht bis zehn in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Karlsruhe, den Suchtberatungsstellen und dem Landesverband für Prävention und Rehabilitation (bwlv) zu Präventionsexperten ausgebildet. Gemeinsam mit den Lehrern organisieren sie dann die verschiedensten Präventionsaktionen an ihrer Schule. „Gleichaltrige sind oft glaubwürdiger als Erwachsene“, begründet Fuchs den Ansatz.

Drogendelikte sind die Ausnahme

Seit dem vergangenen Jahr zählen Sucht- und Gewaltprävention zu den Leitperspektiven des neuen Bildungsplans. „Wenn wir unsere Schüler in ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben führen wollen, gehört Prävention dazu“, sagt Simone Steinbach, die stellvertretende Leiterin am Thomas-Mann-Gymnasium (TMG) in Stutensee-Blankenloch, wo sich die Situation ähnlich entspannt darstellt wie in Berghausen. Auch am TMG wurde in den vergangenen Jahren kein Drogendelikt angezeigt – anders als an der benachbarten Erich-Kästner-Realschule (EKRS). „Es gibt Einzelfälle“, sagt Renate Jung-Hirsemann, Präventionslehrkraft an der EKRS. Subjektiv gesehen aber habe sie in den vergangenen Jahren keinen Anstieg ausmachen können.

Gestiegener Cannabis-Konsum

Objektiv verzeichnete die Polizei von 2011 bis 2013 auch in Stutensee keine Drogendelikte an Schulen, 2014 war es einer, 2015 dann drei. Jung-Hirsemann sagt: „Wenn es Probleme gibt, dann ist es Cannabis“, und bestätigt damit die Befürchtung der Behörden, dass vor allem der vermehrte Konsum von Marihuana die Entwicklung begünstigt. „Laut einer Studie der Bundeszentrale für politische Aufklärung ist der Anteil der Gelegenheitskiffer unter den Zwölf- bis 17-Jährigen zwischen 2011 und 2014 um 50 Prozent gestiegen. Die Diskussion um die Legalisierung von Cannabis verführt die Minderjährigen, zu diese Droge zu greifen. Das finden wir fatal“, sagt Peter Kappes, Sozialdezernent im Landratsamt Karlsruhe.

Umfassende Präventionskonzepte

„Auch wenn wir in den vergangenen Jahren keine Vorfälle hatten, können wir statistisch gesehen nicht ausschließen, dass es Schüler gibt, die Cannabis konsumieren“, meint auch Elke Engelmann, Rektorin des Ludwig-Marum-Gymnasiums (LMG) in Berghausen. Am LMG wie auch an der EKRS setzen die Schulleiterinnen auf ein Präventionskonzept, das bis zur neunten Klassenstufe reicht. „In der fünften Klasse kümmert sich unsere Schulsozialarbeiterin um die Gewaltprävention“, sagt Jung-Hirsemann. In der sechsten Klassen geht es um den Umgang mit Medien, in der siebten um Körperkult und Essstörungen, und in der achten Klasse informiert die Polizei über die Auswirkungen von Haschisch und Marihuana. „Und die neunten Klassen bekommen Besuch von einem trockenen Alkoholiker, der ihnen seine Geschichte erzählt“, berichtet Jung-Hirsemann.

Gute Arbeit
Im Jahr 2011 verzeichnete die Polizei auf Schulhöfen in Baden-Württemberg 348 Drogendelikte. 2015 waren es 939. Bei insgesamt 1,5 Millionen Schülern im Ländle scheint aber auch das eine verschwindend geringe Zahl. Und doch zeigt sie: Immer mehr Schüler nehmen Drogen. Da ist es doch beruhigend, dass sich diese Negativentwicklung an den Schulen im BNN-Hardtgebiet nicht niederzuschlagen scheint – auch weil Ludwig-Marum-Gymnasium, Erich-Kästner-Realschule und Co. bei der Prävention gute Arbeit machen.
Es mag sein, dass die Problematik im ländlichen Raum von Natur aus weniger stark ausgeprägt ist als in der Stadt. Doch das allein erklärt die niedrigen Zahlen in Pfinztal, Stutensee und Linkenheim nicht. Schulleiter und Lehrer haben die Thematik im Blick und lügen sich nicht in die Tasche: Sie geben zu, dass es auch unter ihren Schülern solche gibt, die – vielleicht sogar auf dem Schulhof, auf jeden Fall aber in ihrer Freizeit – mal an einem Joint ziehen. Denn die Dunkelziffer ist mit Sicherheit um ein Vielfaches höher als die registrierten Delikte. Vor allem aber haben die niedrigen Zahlen ihren Ursprung darin, dass die Schulen im BNN-Hardtgebiet schon lange bevor die Prävention als Leitperspektive im neuen Bildungsplan 2016 verankert wurde, umfassend Prävention betrieben haben. Das scheint nicht an allen Schulen im Land der Fall zu sein.
Jetzt gilt es, die bewährten Vorkehrungen an die aktuellen Entwicklungen anzupassen. Die Diskussion um die Legalisierung von Cannabis geht auch an den Schülern in Pfinztal oder Stutensee nicht vorbei. Und die Konsumenten werden immer jünger. Deswegen sollten die Schulen Cannabis und seine Auswirkungen künftig früher – bereits in der fünften oder sechsten Klasse – thematisieren. Sonst kann es schon zu spät sein.