Leere Wartezimmer sind derzeit auch in Bretten keine Seltenheit. Das bereitet den Ärztinnen und Ärzten nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen Sorge: Wichtige Behandlungen könnten so verzögert werden. | Foto: Rebel

Angst vor Corona?

Die Wartezimmer der Ärzte in Bretten sind meist leer

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Leere Wartezimmer sind in Bretten derzeit keine Seltenheit. Nur ein Viertel der üblichen Patienten geht gerade zum Arzt. Dafür hat die Telefonberatung zugenommen. Ärzte warnen, dass Patienten Krankheiten so verschleppen könnten.

Derzeit ist das Wartezimmer oft ziemlich leer. Es komme nur etwa ein Viertel der üblichen Patienten in ihre Praxis in Bretten, sagt Ulrike Zeitler. Der Einbruch der Patientenzahlen aber bereitet der Allgemeinmedizinerin Sorge.

Sie fürchtet, dass die Ärzteschaft eine Bugwelle vor sich herschieben könnte. Am schlimmsten wäre dies bei chronisch Kranken. Verschleppten diese ihre Leiden, könnten die sich verschlimmern. Inzwischen bereitet die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KV) einen Rettungsschirm für Ärzte vor, wie die BNN erfuhren.

Angst vor Corona oder Rücksichtnahme gegen die Praxen?

Der Patientenrückgang habe Anfang März begonnen, sagt Ulrike Zeitler. Ob die Patienten aus Furcht vor einer Infektion mit dem Coronavirus ausblieben, lasse sich nur vermuten, vielleicht sei es auch die Sorge, dass die Praxis ohnehin zu viel zu tun habe. „Aber wer Schmerzen in der Brust oder Atemnot hat, sollte den Arztbesuch nicht verschieben“, betont Ulrike Zeitler. Auch bei Druckstellen am Körper sei vor allem bei älteren Personen und Diabetikern Vorsicht geboten. Und so telefonieren die Ärztin und ihre Mitarbeiterinnen derzeit viel mit ihren Patienten, um nach dem Befinden zu fragen.

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Telefonberatung nimmt zu

Deutlich weniger Patienten hat auch der Gondelsheimer Arzt Jan Paulus in der Praxis. Zu Beginn der Corona-Krise sei dies deutlich spürbar gewesen. „Da sind sicher auch Patienten aus Sorge vor einer erhöhten Ansteckungsgefahr weggeblieben, auch wenn sie akute Beschwerden hatten“, sagt Paulus.

Manches kann man gut am Telefon abklären.

Jan Paulus, Allgemeinmediziner aus Bretten

Auf der anderen Seite habe man aber auch ganz bewusst geplante Check-ups, die nicht zwingend notwendig waren, auf später verschoben. Die würden jetzt aber wieder einbestellt. Dafür habe in den vergangenen Wochen die telefonische Beratung stark zugenommen. „Manches kann man gut am Telefon abklären, in schwierigeren Fällen bitten wir die Leute aber, in die Praxis zu kommen“, informiert der Allgemeinmediziner.

Die Befürchtung von Kollegen, dass Patienten wichtige und notwendige Behandlungen aufschieben, teilt er allerdings nicht. Gerade in jüngster Zeit hatte er nach eigenem Bekunden ganz viele Patienten behandelt, die mit ganz anderen akuten Beschwerden in die Praxis gekommen waren und die dann teilweise auch notfallmäßig ins Krankenhaus mussten.

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Den Patientenrückgang beklagten auch andere Ärzte: „Bei vielen ist es deutlich weniger“, berichtet Paulus aus dem Kollegenkreis. Auch da laufe viel mehr über die telefonische Sprechstunde. Aber das sei ja auch die Vorgabe der KV gewesen, dass man die ganzen Erkältungserkrankungen telefonisch abkläre und auf diesem Wege auch Krankschreibungen vornehmen solle.

Müssen Praxismitarbeiter in Kurzarbeit?

Auch, wenn die Versorgung ihrer Patienten an erster Stelle steht, macht sich Ulrike Zeitler auch Gedanken über das Auskommen ihrer Praxis. Noch müsse sie – anders als sie von Kollegen wisse – niemanden in Kurzarbeit schicken. „Wir arbeiten auch mit Alleinerziehenden“, sagt Zeitler und sie habe den eigenen Urlaub verschoben. „Ich beobachte die wirtschaftliche Situation ernsthaft“, so Zeitler. Sie entscheide von Woche zu Woche neu, wie es weitergeht.

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Die Pressestelle der Kassenärztlichen Vereinigung teilt mit, dass fürs erste Quartal eine Absicherung auf 90 Prozent des Honorars aus GKV-Abrechnungen zum Vorjahresquartal vorgesehen sei – also aus Abrechnungen der gesetzlich Krankenversicherten. „Das sind Gelder lediglich aus Landesmitteln, über die wir gemeinsam mit den Länderkrankenkassen verhandelt haben“, so die Pressstelle. Darüber, wie es fürs zweite Quartal laufe, stehe man momentan in engem Austausch mit den Krankenkassen und dem Sozialministerium.

Patienten mit Erkältungssymptomen werden getrennt behandelt

Um ihre Patienten zu schützen, hat Ulrike Zeitler seit Wochen Maßnahmen getroffen. Chronisch Erkrankte, sogenannte Chroniker, würden so etwa gleich morgens zu Terminen gebeten. Auch würden potenziell Corona-Infizierte räumlich und zeitlich von anderen Patienten getrennt behandelt.

Wer milde Erkältungssymptome hat, der fährt selbst zur Abstrichstelle.

Ulrike Zeitler, Hausärztin in Bretten

„Sie werden vor allem am Ende der Praxissprechstunde behandelt“, sagt Zeitler. Und sie werden auf drei Wegen weiter geleitet. „Wer milde Erkältungssymptome hat, der fährt, sofern es ihm oder ihr gut geht, selbst zur Abstrichstelle.“

Würden aber schon am Telefon deutliche Erkältungssymptome bemerkbar – ob aus eigener Wahrnehmung oder weil der Patient darüber klage, beispielsweise Fieber oder Luftnot zu haben – dann müsse die Person zur zentralen Corona-Ambulanz. Zeitler ist in der Karlsdorf-Neutharder Corona-Ambulanz an manchen Tagen selbst im Dienst. Sie hat diese mit den Kollegen Sandra Stengel, Christoph Becker und Michaela Metz aufgebaut. Hier werden auch Hausbesuche für potenziell infizierte, immobile Patienten angeboten.

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Der dritte Weg führt über Schwerpunktpraxen. Hierfür seien einige hausärztliche Praxen umfunktioniert worden. Jeder Hausarzt könne Patienten an die Schwerpunktpraxen und an die Ambulanz verweisen.

Mit dem Geld aus dem Rettungsschirm werde sie voraussichtlich über die Runden kommen, meint Ulrike Zeitler, sofern man das angesichts der noch offenen Entwicklung der Corona-Pandemie sagen könne. Sie rechne mit der finanziellen Unterstützung voraussichtlich in diesem Quartal, so Zeitler. Die KV informiert hierzu: Für die 90 Prozent Honorarabsicherung müssten die Mediziner keinen Antrag stellen, nur mitteilen, ob und welche anderen Fördermaßnahmen sie nutzten. Wie viele Ärzte es in Bretten betreffe, sei aber erst nach den Honorar-Abrechnungen des ersten Quartals feststellbar, heißt es.