Werner Dittes ist nach einem Sturz in der Brettener Klinik und wird von den angehenden Krankenpflegerinnen Lea Santiago (l.) und Kollegin Alina Meyer versorgt. | Foto: Rebel

Brettener Rechbergklinik

Eine Klinik zieht in neun Stunden um

Anzeige

In nur neun Stunden ist die Brettener Rechbergklinik in ihr neues Gebäude umgezogen. Der Dienstag war der wichtigste Tag in der Geschichte der Klinik – für Mitarbeiter wie für Patienten eine große Herausforderung.

Werner Dittes kann sich kaum auf seinen Krücken halten. Der 78-Jährige hat sich von seinem Zimmer auf den Gang gemüht, auf dem dicht gedrängt Krankenpflegerinnen stehen. Dittes möchte den Umzug nicht verpassen. Er hat sich von seinem Sturz so weit erholt, dass er aus der Brettener Rechbergklinik entlassen werden kann. Erst möchte er aber den Umzug ins neue Gebäude mitmachen. Er wird erst ein paar Stunden später nach Hause gehen. Dittes setzt sich ein letztes Mal auf sein altes Krankenbett. „Nach 57 Jahren bin ich wieder hier“, sagt er. „Diese Toilette gibt es seit Anfang an.“

In seinem fünftägigen Aufenthalt erlebt er den größten Tag der Brettener Klinikgeschichte: Den Umzug in den direkt nebenan liegenden Neubau. Ein Tag lang Betrieb in zwei Klinikgebäuden, 61 umziehende Patienten, 1 000 Geräte, bloß keine Notfälle. Mitarbeiter haben mit jedem Patienten gesprochen, mit den nächsten Angehörigen. „Eine Klinik an einem Tag umziehen – das hat noch niemand in Deutschland gemacht“, sagt Roland Walther.

„Keine Entscheidungen an uns vorbei“

Der 55-Jährige ist der Dirigent dieses Großeinsatzes. Der ausgebildete Notarzt sitzt in der Zentrale im Erdgeschoss. 7 Uhr, die Besprechung mit engen Mitarbeitern steht an. Walther ist wie gemacht für dieses Projekt. Der Mann mit Glatze, dunkelblauem Polo, in der Brusttasche zwei Ersatz-Kulis, Hose mit Reflektoren und Sicherheitsschuhen, erinnert an einen Offizier. Vor ihm steht eine Ein-Liter-Cola-Flasche, fast leer, daneben liegt ein Schokoriegel. Walther war der Erste, der am frühen Morgen den minutiös entworfenen Ablaufplan noch mal durchging und er wird der Letzte sein, der am Abend noch mal nach dem Rechten sieht.

Roland Walther (r.) geht mit Mitarbeitern den Zeitplan durch. | Foto: Rebel

Bei der WM 2006 koordinierte er die Rettungseinsätze im Stuttgarter Stadion, auf seinen Notarztdienst einmal pro Woche möchte er trotz aller administrativer Aufgaben nicht verzichten. Der 55-Jährige blickt ernst in die Runde. „Sie halten sich bitte telefonisch erreichbar. Es gibt keine Entscheidungen an uns vorbei.“ Der Ernst der Lage ist jedem Mitarbeiter am Gesicht abzulesen – auch wenn es zwischendurch denkwürdige Sätze gibt („Das Blut zieht später um“).

360 der 419 Mitarbeiter im Einsatz

Fast gesunde, aber auch hochkritische Patienten wechseln das Gebäude. Walther instruiert die Transportteams. Je zwei Krankenpfleger bringen einen Patienten ins Nachbargebäude, sitzend oder liegend. Kein Patient darf selbst gehen, kein Risiko. „Wenn Sie Hilfe brauchen, ist in 20 Sekunden ein Notfallteam bei ihnen“, sagt Walther. Zwei Rufnummern sind eigens für den Umzugstag geschaltet. 360 der 419 Mitarbeiter sind an diesem Tag im Einsatz.

Mit dem 50-Millionen-Euro-Projekt ist der Klinik-Standort Bretten langfristig gesichert. Ein Projekt, das auf wackligen Beinen stand (wir berichteten). Klinikmanagerin Susanne Jansen (58) geht durch den Trakt, der im alten Gebäude nach draußen führt. Dort, wo das Relief einer Mondlandschaft hängt. „Wir wollen Teile herausnehmen und vielleicht im Garten zeigen“, sagt Jansen. „Wir reißen die alte Rechbergklinik nicht einfach ab.“ Jansen blickt an die weiße Decke. „Die Brandschutzdecken sind von 1965. Jede Nacht konnte mein Telefon schellen. Für mich endet heute eine Zitterpartie.“ Mit der Technik im neuen Gebäude setze man neue Maßstäbe.

System könnte bundesweit Vorbild werden

Die Patienten nehmen den Umzug gelassen, manche sogar mit Freude hin. Werner Dittes sitzt auf seinem alten Krankenbett und ist bereit. Seine persönlichen Gegenstände nimmt die angehende Krankenpflegerin Lea Santiago (22) mit in das neue Zimmer, Kollegin Alina Meyer fährt ihn im Rollstuhl. Der Weg in das neue Gebäude ist wie der Gang in eine andere Welt. Auf grauen Boden und fade Wände folgen hellbraune Wände und viel Licht. „Das neue Haus sieht sehr gut aus“, sagt Meyer. „Wichtig ist auch, dass es mit dem geplanten Geld zur geplanten Zeit geklappt hat.“

Die neue Rechbergklinik löst das 1965 errichtete Gebäude ab. Die Klinik hat nun eine Kapazität von 120 Betten. | Foto: Rebel

Unterwegs gibt Meyer einem Klinik-Mitarbeiter eine Karte mit Daten des Patienten Dittes. Der Mitarbeiter registriert den Neuzugang. Mit diesem System wird wahr, was Organisator Walther angekündigt hatte: „Wir wollen zu jeder Sekunde wissen, wo sich welcher Patient aufhält.“ Das System ist vergleichbar mit dem einer Paketverfolgung. Es soll an den beiden Standorten der Regionalen Kliniken Holding im BNN-Verbreitungsgebiet – Bruchsal und Bretten – etabliert werden und könnte sogar bundesweit Nachahmer finden. Ebenso wird digitalisiert aufgenommen, als Patient Dittes sein neues Zimmer erreicht. „Herzlich willkommen“, sagt Mitarbeiterin Meyer. „Das ist Ihr neues Zimmer. Schön, oder?“ Dittes sitzt auf seinem neuen Bett, lächelt. „Hochzufrieden“, sagt er.

Stimmung löst sich: Applaus und Lachen

Währenddessen zieht Patient für Patient ins neue Gebäude. Um 8.15 Uhr ist Stockwerk drei wie leergefegt, auch die Patienten aus dem zweiten Stock sind schon bald im neuen Gebäude. 10 Uhr, gleich spricht Walther erneut zu den Mitarbeitern. Es ist ein anderer Roland Walther. „Die Stimmung ist unglaublich“, sagt er. „Es läuft wie am Schnürchen.“ Er wendet sich den Mitarbeitern zu: „Ich habe nur entspannte Patienten gesehen. Ihr macht mit eurer Motivation und eurer Stimmung einen ganz tollen Job. Heute Abend, wenn alles rum ist, könnt ihr stolz auf euch sein.“ Applaus. Walther lacht mit den Mitarbeitern.

Ab jetzt ist die Rechbergklinik über die Leitstelle wieder für Notrufe erreichbar, kann Patienten aufnehmen. Das Projekt könnte am Mittag beendet sein, sechs Stunden vor dem planmäßigen Ende. Wer schon ab 7 Uhr da war, darf heimgehen. „Jetzt haben wir aber auch den Ehrgeiz, das so zu Ende zu bringen“, ruft Walther den Mitarbeitern zu.

Intensivstation: Der schwierigste Teil

Gerade für die langjährigen Mitarbeiter ist der Wechsel in die neue Klinik ein Einschnitt. Josef Freitag (57) lehnt in seiner blauen Krankenhauskleidung an einer Wand in der neuen Intensivstation. Der Stationsleiter wartet auf seine Mitarbeiter, auf die acht Patienten. Freitag arbeitet seit 28 Jahren für die Rechbergklinik. „Am alten Krankenhaus hängen ganz viele Erinnerungen, mit allen Höhen und Tiefen“, sagt er. „Da hängt Herzblut dran. Bis vor einer Woche hatte ich noch Wehmut – jetzt möchte ich nach vorne blicken.“

Doch an diesem Tag ist der Druck noch größer als sonst. Die Intensivstation ist der schwierigste Teil des Umzugs. Es ziehen Patienten um, die ohne künstliche Beatmung nicht mehr leben würden. Die Beatmungsgeräte sind sensibel, dürfen beim Transport nicht kaputt gehen. Bis zuletzt lagerten Medikamente in der alten Intensivstation, innerhalb von zwei, drei Stunden muss die neue eingerichtet sein. Auf den Schränken kleben detaillierte Inventarlisten. „Wenn jemand keine Luft bekommt, kann ich nicht eine Viertelstunde lang suchen“, sagt Freitag. Der Stationsleiter wirkt aber entspannt. „Ich weiß, dass ich mich auf meine Kollegen verlassen kann.“

Auf 40 Seiten hat Walther beschrieben, wann wer für was zuständig ist. Im Protokoll trägt er ein: 16 Uhr, Ende des Umzugs. „Alle Patienten wohlbehalten im neuen Gebäude“, sagt er. „Perfekt. Die Mitarbeiter waren unglaublich, sie haben fantastisch gearbeitet.“