Ein Rentner am Steuer beim Fahrsicherheitstraining. Kritik an Autofahrern fortgeschrittenen Alters ist nach Unfällen immer dann zu hören, wenn diese von Senioren verursacht wurden. Die selbstkritische Einschätzung der Fahrtüchtigkeit ist wichtig, sagen Experten.
Ein Rentner am Steuer beim Fahrsicherheitstraining. Kritik an Autofahrern fortgeschrittenen Alters ist nach Unfällen immer dann zu hören, wenn diese von Senioren verursacht wurden. Die selbstkritische Einschätzung der Fahrtüchtigkeit ist wichtig, sagen Experten. | Foto: Schöll/dpa

Verkehr

Brettener gibt den Führerschein ab – nach 60 Jahren

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Ohne sichtbare Regung reicht Werner Dittes dem Leiter des Polizeireviers Bretten seinen Führerschein. Es ist noch das lappige, grau-blaue Original aus dem Jahr 1959. Da war Werner Dittes 18. „Ich bin 60 Jahre unfallfrei gefahren“, sagt er trocken. Jetzt ist es vorbei mit dem Autofahren.

Welches emotionale Auf und Ab Werner Dittes erlebt, zeigt der Einstieg in eine BNN-Serie zum Thema Senioren am Steuer. In weiteren Beiträgen kommen Vertreter verschiedener Organisationen zu Wort, die mit Fragen rund um die Fahrtauglichkeit befasst sind.

Werner Dittes schiebt das Kinn etwas vor, als er von seinem Rollatorsitz zu Revierleiter Bernhard Brenner aufsieht. Es wirkt, als steckte unter der mühsam gewahrten Fassung mehr Emotion, als Werner Dittes zeigen will.

Er bewahrt Fassung: Werner Dittes händigt dem Revierleiter der Brettener Polizei, Bernhard Brenner, seinen Führerschein aus. Foto: Thienes
Er bewahrt Fassung: Werner Dittes händigt dem Revierleiter der Brettener Polizei, Bernhard Brenner, seinen Führerschein aus. Foto: Thienes

Er fährt seit gut eineinhalb Jahren nicht mehr selbst. Denn am 19. September 2018 erlitt Dittes nachts einen Schlaganfall. Da er erst am Morgen ins Krankenhaus kam, leidet er bis heute unter einer halbseitigen Lähmung. Das linke Bein zieht er etwas nach. Er kaschiert es gut. Seine linke Hand zeigt kleine, feinmotorische Störungen.

Sein Hirn funktioniert. Das ist neurologisch bestätigt.

Ein neurologisches Gutachten, im Auftrag der Führerscheinbehörde, bescheinigt ihm Ende Juli 2019 aber dennoch bedingte Fahreignung: Ein Automatikfahrzeug mit Knauf am Lenkrad könne er steuern. Kognitiv sei alles in Ordnung. Er tippt aufs Schreiben: Sein Hirn funktioniert. Das hat er schriftlich.

Schlafende Hunde geweckt

Werner Dittes weiß, er hat den Stein selbst ins Rollen gebracht. Er fragte beim Landratsamt, ob er nach dem Schlaganfall Automatik fahren dürfe. „Das Erste, was sie mir sagten, war: ,Da wecken Sie aber schlafende Hunde!’“

Er sollte seine Tauglichkeit im Automatikwagen in Fahrproben nachweisen. So hält es die Post vom Landratsamt fest, nebst Frist. „Die Fahrproben hätte ich in Karlsruhe oder Landau machen müssen.“

Ich bin doch 60 Jahre unfallfrei gefahren!

Seine Frau habe nie einen Führerschein gemacht. Die erwachsenen Kinder sind viel beschäftigt oder weit weg. Es erschien ihm kaum machbar, dorthin zu gelangen. „Und außerdem, was soll das? Ich bin doch 60 Jahre unfallfrei gefahren!“ ruft er. Er gerät in Fahrt und schimpft, was er denn da noch beweisen soll.

Barrierefreies Bad vor neuem Auto

Er telefonierte mit der Führerscheinstelle, um die Fahrproben zurückstellen zu lassen, argumentierte, er müsse „erst ein barrierefreies Bad bezahlen, so lange muss das neue Auto warten.“ Allerdings bat er beim Landratsamt (LRA) nicht schriftlich darum.

Behörde entscheidet auf schriftlichen Antrag

Die LRA-Pressestelle äußert sich aus Datenschutzgründen nicht zum individuellen Fall, teilt aber diese allgemeine Information mit: „Anträge auf Fristverlängerung“ – so der Fachterminus für eine Zurückstellung – „werden immer schriftlich genehmigt oder abgelehnt“.

Die Entscheidung liege im behördlichen Ermessen. Eine Zurückstellung sei nur kurzzeitig möglich, da „sie dem Nachweis der Kraftfahreignung dient“, so das LRA. Und würden Fristen nicht eingehalten, „muss die Behörde von der Nichteignung ausgehen und gegebenenfalls die bestehende Fahrerlaubnis entziehen.“

Ein Jahr mit Fortschritten

Der Senior sucht keinen anwaltlichen Rat. Die Frist von drei Monaten verstreicht Ende September trotz schriftlicher Erinnerung der Behörde. Ein Jahr ist seit dem Schlaganfall vergangen. Ein Jahr mit gesundheitlichen Fortschritten. Er bemühe sich.

Jetzt, als er den Führerschein abgeben geht, marschiert Dittes am Rollator den ganzen Weg über die Brettener Weißhoferstraße, vorbei am Tretlager und an „Da Peppino“ bis zum Revier. Auf dem Rollator schwankt die gelbe Tasche, darin steckt der alte „Lappen“.

Er kann noch alle Reden auswendig

In diesen 23 Minuten erzählt Dittes seine Geschichte, rezitiert Gedichte oder hält Trauerreden, wenn ihm bei einem Stichwort eine einfällt. Er kann sie alle noch auswendig, seine Reden. Er hält kurz an, blickt auf und er sagt das mit Stolz. Er war stets genau. Er war Lohnbuchhalter, allein 16 Jahre bei der E.G.O. Nein, seinem Kopf fehlt nichts.

Plötzlich stand die Polizei auf der Matte

Mehr noch als „diese unsägliche Auflage“, er meint die Fahrproben, hat ihn erbost, dass vor wenigen Tagen die Polizei bei ihm klingelte. „Sie standen plötzlich bei mir auf der Matte!“ Er kann auch aus der Haut fahren. Das haben die Uniformierten erfahren.

Sie kommen mit Vollzugsauftrag des Landratsamt, wollen seinen Führerschein beschlagnahmen. „Das geht doch so nicht!“ Er ist gebürtiger Brettener. Er kennt den Fahrer eines Kippers, der vorüber fährt. Schon sein Elternhaus stand hier. Seine Nachbarn würden sich über die Polizei doch wundern.

Er gibt den Lappen nur persönlich ab

Das macht er den Beamten klar, sehr klar. Sie treten den Rückzug an. Dittes telefoniert mit dem Revierleiter. Er kündigt an, seinen Führerschein persönlich abzugeben. „Was mich ehrt“, sagt Revierleiter Brenner, sichtlich um einen versöhnlichen Ton bemüht.

Es ist sein Geburtstag

Aber Werner Dittes’ Augen funkeln als wäre er 19 und nicht 79. Es ist sein Geburtstag, als er seine Fahrerlaubnis abgibt. Brenner sieht es auf dem Führerschein. Die Gratulation fällt ihm in dieser Situation schwer.

Jetzt bin ich ein halber Mensch

Auch Werner Dittes wahrt die Fassung, bis die Reviertür hinter ihm ins Schloss fällt und er mit dem Rollator die Treppen vor dem Revier überwunden hat. Unten sagt er: „Es ist eine Unverschämtheit. Ich hab’ doch die Notwendigkeit mit der Automatik erkannt. Jetzt bin ich ein halber Mensch.“