Fußball-Leidenschaft und Sachverstand verein Gerhard Meier-Röhn. Der Ex-DFB-Mediendirektor und ehemalige Leiter des SWR-Studios Karlsruhe erstellte eine Dokumentation über die WM 1954 bis 2002. Und darin geht es auch um das Skandalspiel Schweden-Deutschland vor fast genau 60 Jahren. | Foto: Kampf

1958 gegen Schweden verloren

Ex-DFB-Medienchef Meier-Röhn tippt diesmal auf deutschen Sieg

Anzeige

Wenn heute „Die Mannschaft“ gegen Schweden spielt, wird Gerhard Meier-Röhn sehr wahrscheinlich in seiner Brettener Wohnung vor dem Fernseher sitzen. Der Tipp des ehemaligen DFB-Mediendirektors und SWR-Studioleiters: „Diesmal werden wir 1:0 gewinnen.“
Das war vor 60 Jahren, am 24. Juni 1958, noch ganz anders: Bei der in Schweden ausgetragenen Fußball-WM schied Titelverteidiger Deutschland im Halbfinale gegen Schweden nach einer 1:3-Niederlage aus. Die Schweden wiederum unterlagen im Finale Brasilien mit 2:5; die Deutschen im Spiel um Platz drei Frankreich mit 3:6.

DFB kappt nach der WM 1958 Beziehungen mit Schweden

Das deutsche Team reiste unmittelbar nach der Partie um den dritten Platz in Göteborg ab und der Deutsche Fußball-Bund kappte sämtliche Beziehungen zum schwedischen Verband. „Das ging etwa fünf Jahre so“, weiß Fußballexperte Meier-Röhn, „und es war undiplomatisch bis ins Letzte“.

Meier-Röhn erstellt WM-Dokumentation von 1954 bis 2002

Dem Grund für dieses ungewöhnliche Verhalten geht Meier-Rhön in seiner 2005 mit dem SWR produzierten Dokumentation „… und immer fällt das dritte Tor“ nach. Da werden Geschichten rund um die Weltmeisterschaften von 1954 bis 2002 erzählt, es sind jede Menge Spielszenen zu sehen und es kommen prominente Zeitzeugen zu Wort.

Schweden 1958: Aggressive Stimmungsmache

Rückblende Schweden, 24. Juni 1958: Das ursprünglich in Stockholm angesetzte Halbfinale ist kurzfristig nach Göteborg verlegt worden. Viele der rund 30 000 deutschen Fans, die sich eine Karte für Stockholm gesichert hatten, gehen leer aus, dafür strömen mehr Fans aus Göteborg ins Stadion – und es zieht eine neue Fankultur ein: „Da gab es erstmals richtige Einpeitscher mit Megafonen und ,Heja, heja’-Rufen“, sagt Meier-Röhn. Diese aggressive Stimmungsmache habe die Fifa bei späteren Weltmeisterschaften verboten.
Das Spiel wird mit großer Härte geführt; zur Pause steht es 1:1. Mitte der zweiten Halbzeit gibt es ein Duell zwischen dem Deutschen Erich Juskowiak und dem Schweden Kurt Hamrin. Der Deutsche wird gefoult, lässt sich provozieren – und tritt nach. Daraufhin stellt ihn der ungarische Referee vom Platz.

„Wer? Ich?“ scheint Erich Juskowiak den Schiedsrichter zu fragen, der ihn am 24. Juni 1958 vom Platz stellt. | Foto: Archiv dpa

 

In der Doku erinnert sich Hamrin an die Szene: „Er war ein harter Verteidiger, der vorher schon sechs, sieben Fouls gespielt hat. Und Gelbe oder Rote Karten gab es damals ja noch nicht.“ Immerhin: „Wir sind Freunde geworden und bis zu seinem Tod geblieben – und unsere Familien haben sich oft in Schweden getroffen“, sagt Hamrin.

WM-Held Fritz Walter muss verletzt vom Platz

Doch es kommt im Halbfinalspiel noch dicker für die Deutschen: Fritz Walter, WM-Held von 1954, verletzt sich und muss vom Platz. Da kein Ersatzspieler eingewechselt werden darf, muss Deutschland die Partie mit neun Männern weiterspielen – und fängt sich dabei weitere zwei Tore.
Nachdem der ob der Unsportlichkeit der Fans wütende DFB sofort abreist und sogar dem traditionellen Abschlussbankett fernbleibt, kocht in Deutschland die Volksseele: Schwedische Touristen, Künstler und Stewardessen, ja sogar Kinderchöre, werden angepöbelt, Restaurants nehmen die damals beliebte „Schwedenplatte“ von der Karte – und Tankwarte weigern sich, Autos mit schwedischem Kennzeichen zu betanken. Kurt Hamrin, der in Florenz kickt, erhält Drohbriefe.
Die Botschafter beider Länder haben in der Folgezeit denn auch alle Hände voll zu tun, um die Wogen zu glätten – und erst Jahre später, ab Mitte der 1960er Jahre, beruhigt sich die Lage.

England 1966: „Wembley-Tor“ und der fehlende Ball

Zu den noch bekannteren Kuriositäten bei Fußball-Weltmeisterschaften zählt zweifelsfrei das „Wembley-Tor“ bei der WM 1966 in England. Auch Jahrzehnte nach diesem Finale sind sich nicht nur der damalige Torwart Hans Tilkowski und Kapitän Uwe Seeler einig: „Jeder von uns weiß: Es war kein Tor.“
Den – vermeintlichen – Treffer zum 3:2 erzielt damals Geoffrey Hurst, der in diesem Spiel auch bester Schütze ist. Aber den Ball des Spiels, das die Deutschen mit 2:4 verlieren, nimmt ein anderer an sich – Helmut Haller. In der SWR-Dokumentation ist zu sehen, wie der Deutsche mit dem Ball unterm Arm an der Queen vorbei defiliert. „Ich dachte: Wenn wir schon nicht gewinnen, nehme ich wenigstens den Ball mit“, erklärt Haller später.
Fast drei Jahrzehnte liegt das Spielgerät in Augsburg auf einem Speicher, recherchiert Meier-Röhn. Die britischen Boulevardmedien starten 1996 die Aktion „Helmut, gib den Ball zurück“. Das passiert dann auch: Haller und Sir Geoffrey Hurst treffen sich im gleichen Jahr auf Vermittlung der britischen Medien zur Übergabe.

 

„Die Deutschen haben zu überheblich gespielt“

Und heute? „Es gibt keine kleine Mannschaften mehr bei dieser WM“, ist sich Meier-Röhn sicher. Gegen Mexiko hätten die Deutschen „zu überheblich“ gespielt. „Aber das wird heute gegen Schweden mit Sicherheit anders sein.“

Die Dokumentation „…und immer fällt das dritte Tor“ über die Fußball-Weltmeisterschaften 1954 bis 2002 kann beim Südwestrundfunk auf dessen Homepage swr.de gesichtet werden.