Aufgraben, Kabel verlegen, zuschütten: In Diedelsheim werden gerade Glasfaserkabel verlegt und Hausanschlüsse installiert. In der Kernstadt Bretten ist es fraglich, ob das schnelle Internet kommt. | Foto: privat

Glasfaser für die Kernstadt

Frist für schnelles Internet in Bretten läuft ab

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Die Uhr tickt, in fünf Tagen läuft die Frist ab. Bis dahin entscheidet sich nach derzeitigem Stand der Dinge, ob die Brettener Kernstadt schnelles Internet bekommt oder nicht. Für die Freien Wähler der Melanchthonstadt ist dies der Anlass, noch einmal an die Brettener zu appellieren, den Anschluss an eine zukunftsorientierte digitale Infrastruktur nicht zu verpassen. Für den Brettener FWV-Vorsitzenden Martin Feurer ist klar, dass die Glasfaser die Technologie der Zukunft ist – nicht nur für die Industrie, sondern auch für Dienstleister und private Haushalte. „Das Datenvolumen wird exorbitant zunehmen. Netzbetreiber werden bei nicht ausreichenden Netzen gezwungen, begrenzte oder zeitlich befristete Nutzungen einzuführen“, prognostiziert er. Dann bekomme das Ganze eine soziale Komponente, denn nutzen könnten das dann nur diejenigen, die bereit sind, mehr zu bezahlen.

In Bruchsal geht die Post ab

Während die Resonanz in Bretten auf das Angebot eines schnellen Internets in den vergangenen Jahren recht verhalten war, geht in Bruchsal gerade die Post ab. Dort will die Telekom in den drei Modellgemeinden Büchenau, Untergrombach und Obergrombach ein FTTH-Pilotprojekt starten, das die Ortsteile mit superschnellem Internet versorgt. 900 Haushalte waren als Mindestmenge angesetzt, mittlerweile sind es 2 600 geworden: Etwa die Hälfte aller Haushalte in den drei Stadtteilen bekommen die Glasfaser kostenlos bis ins Haus verlegt. Wer sich noch im Nachhinein entscheidet, muss jedoch den Ausbau abwarten und dann gut 800 Euro bezahlen.

100 Euro für Hausanschluss mit schnellem Internet

In Bretten sind 100 Euro für einen Hausanschluss zu berappen, dieses Sonderangebot endet allerdings mit dem Monat Mai. „Wenn jemand sagt, das sei zu teuer, dann hat er die Welt nicht verstanden“, erklärt FWV-Chef Feurer, der in Ettlingen ein Ingenieurbüro unterhält und dort nur mit großen Anstrengungen den erforderlichen schnellen Internetanschluss bekam. Auch Gewerbeimmobilien verlören in Zukunft ohne Glasfaser an Wert, ebenso Privathäuser, und für junge Leute komme eine Wohnung mit einer schlechten Internetverbindung nicht in Frage.

„Leute verstehen Problem nicht“

Woher rührt die Zurückhaltung in Bretten? „Viele ältere Hausbesitzer brauchen kein Internet und nutzen es auch nicht“, meint Heidemarie Leins, die Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler im Brettener Gemeinderat. Viele Hauseigentümer verstünden zudem den Nutzen und die Chancen dieser Technologie nicht, und die jungen Leute, die den Nutzen sehen, seien nicht die Entscheidungsträger. „Viele Leute verstehen das Problem nicht“, meint Feurer zu dieser Frage und vergleicht die alten Kupferleitungen mit schlechten Straßen, die irgendwann für den Verkehr nicht mehr ausreichen. Mit dem großen Unterschied, dass man schlechte Straße sehen und spüren kann, eine schlechte Internetinfrastruktur als Nichtnutzer jedoch nicht. „Doch die Glasfaserverbindungen sind die Datenautobahnen der Zukunft und wichtig für unsere Zukunftsfähigkeit“, bekundet Feurer und appelliert an die Brettener, ihre digitale Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und die Chance zu ergreifen. Das Risiko sei gleich null, denn bezahlt werde erst beim Anschluss.

Nächste Schritte für schnelles Internet

Den hat Heidemarie Leins dieser Tage bekommen. Sie äußert sich sehr zufrieden mit der polnischen Truppe, die die Kabel bis in ihr Haus verlegt und die Gräben sorgfältig wieder zugeschüttet hat.
Von der BBV Rhein-Neckar, deren Vermarktungsphase für Glasfaser für die Brettener Kernstadt noch bis zum kommenden Mittwoch läuft, war am Freitag zum aktuellen Stand des Verfahrens nichts zu erfahren. Pressesprecher Thomas Fuchs verwies auf ein Pressegespräch am Freitag, 1. Juni, bei dem Oberbürgermeister Martin Wolff und BBV-Geschäftsführer Wolfgang Ruh Bilanz ziehen und die nächsten Schritte bekanntgeben wollen. Klingt, als ob die Stadt schon ein fertiges Konzept in der Tasche hat.

Kommentar

Was ist nur los in Bretten? Die Zukunft klopft an, und nur wenige machen die Tür auf. Während die Telekom in Bruchsal mit ihrer aktuellen Breitband-Offerte offene Türen einrennt, tut sich die BBV mit einem durchaus vergleichbaren Angebot ungleich schwerer. Liegt es am Anbieter?
Zugegeben: Die Rhein-Neckar-Firma hat mit ihrer aggressiven Werbestrategie nicht immer glücklich agiert und dabei vielleicht unbeabsichtigt Ressentiments geweckt. Am Wert und Nutzen des Produkts ändert dies gleichwohl nichts. Und auch an den Kosten kann es nicht liegen, denn die bewegen sich bei allen Anbietern etwa auf dem gleichen Niveau.
Die Abwehrmechanismen haben vielmehr etwas Irrationales. Seit Beginn der Breitband-Offensive grassiert nämlich in Bretten das Misstrauen. Gegen den Anbieter, der seine Kunden vermeintlich über den Tisch ziehen will. Gegen die Stadt und ihren OB, die ihren Bürgern ein ausgekungeltes Projekt aufdrücken wollen. Und gegen Bürger, die sich verdächtig vehement für die zukunftsträchtige Technologie stark machen: Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen, oder?
Aus der Außenansicht ist das unsägliche Gerangel um ein derart wichtiges Vorhaben kaum nachzuvollziehen. Gewiss braucht ein Hausbesitzer ohne Computer auch keinen Glasfaseranschluss. Er könnte allerdings auch an seine Kinder oder – ganz berechnend – an möglich Mieter oder Hauskäufer denken und eine Zukunftsinvestition tätigen.
Bedenklich sind allerdings die Unwissenheit und Ignoranz, mit der manche schlecht informierte Zeitgenossen das Thema abtun. Die Konsequenzen müssen jedenfalls auch die tragen, die die Zukunftstechnik gerne hätten, möglicherweise aber nicht bekommen. Eine sachliche, emotionslose Abwägung wäre wünschenswert.