Der Breitband-Ausbau im Landkreis Karlsruhe ist hart umkämpft. Die Kreisverwaltung wirft der Deutschen Telekom vor, nicht im Sinne der Kunden zu handeln, die Telekom fühlt sich blockiert. | Foto: Stratenschulte/dpa

Digitale Infrastruktur

Glasfaser bleibt Streitthema im Landkreis Karlsruhe

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Seit der Kreistag 2014 entschied, dass der Landkreis den Breitbandausbau selbst in die Hand nehmen würde und die Städte und Gemeinden daraufhin eine gemeinsame Gesellschaft – die Breitbandkabel Landkreis Karlsruhe (BLK) – gründeten, ist es immer wieder zu Differenzen mit privaten Telekommunikationsunternehmen wie der Deutschen Telekom oder Unitymedia gekommen.

Landrat Christoph Schnaudigel und die Kreisräte werfen den Privaten in regelmäßigen Abständen vor, „Rosinenpickerei“ zu betreiben, den Ausbau der Glasfaser bis in die Häuser also nur an lukrativen Standorten zu verwirklichen und so für Doppelstrukturen zu sorgen. Zuletzt wiederholt hatten sie ihre Vorwürfe gegenüber der Telekom in der Kreistagssitzung vom 18. Juli. Beide Parteien haben sich gegenüber BNN-Redakteurin Laura Schüssler geäußert, die Fragen und Antworten zur Thematik zusammengestellt hat.

Worüber ärgert sich die Telekom?

Die Telekom ärgert sich über den Vorwurf der „Rosinenpickerei“ und darüber, dass Landrat Christoph Schnaudigel das Vectoring, mit dem die Telekom das Netz ausbaut, als Technik bezeichnet, die es „in Europa nicht mehr gibt und die das Unternehmen nur mithilfe von Software aufmotzt“.

Woher kommt der Vorwurf der Rosinenpickerei?

Die Kreisverwaltung kritisiert, dass die Privaten jetzt wieder im Markt aktiv sind, obwohl sie 2014 geäußert hatten, den Landkreis Karlsruhe absehbar nicht flächendeckend mit Glasfaser bis in die Häuser versorgen zu wollen. Daraufhin gründeten die Städte und Gemeinden die BLK. „Uns geht es um den gesamten Landkreis. Wir haben dort ausgebaut, wo die Versorgung bisher schlecht war. Es geht darum, auch die ländlichen Gebiete wertzuschätzen“, sagt Finanzdezernent Ragnar Watteroth (Foto: Schmid). Telekom und Co. konzentrierten sich auf die wirtschaftlich attraktiven Gebiete.

Ragnar Watteroth

Wie entkräftet die Telekom die Vorwürfe?

Der Vorwurf der „Rosinenpickerei“ sei absurd und Vectoring als Alt-Technik zu bezeichnen, Irreführung, entgegnet der Konzern. „Wir haben unsere Zwei-Stufen-Strategie von Anfang aufgezeigt, transparent gemacht, dass wir zunächst mit Vectoring ausbauen und ab 2021 in noch größerem Stil Glasfaser bis in die Häuser verlegen wollen. Und zwar zwei Millionen Haushalte pro Jahr bundesweit“, sagt Frank Bothe (Foto: pr), Leiter der Technik Niederlassung Südwest.

Wie rechtfertigt die Telekom diese Strategie?

Der Konzern möchte schnell möglichst hohe Bandbreiten für möglichst viele Menschen anbieten. Deswegen arbeitet die Telekom mit Vectoring. Bis dato hat sie 250.000 Haushalte im Stadt- und Landkreis Karlsruhe mit Downloadgeschwindigkeit von bis zu 250 Megabit pro Sekunde versorgt, im Upload bietet Vectoring bis zu 40 Megabit. Außerdem sind inzwischen 5.500 Haushalte in Bruchsal mit reiner Glasfaser ausgestattet.

Frank Bothe

Wie viele Glasfaser-Anschlüsse haben die Städte und Gemeinden im Landkreis inzwischen realisiert?

Der Landkreis liegt gleichauf mit der Telekom: Nach Angaben von Ragnar Watteroth hat die BLK zwischenzeitlich 5.000 Haushalte mit Glasfaser versorgt, die knapp 440.000 Einwohnern zugute kommen. Damit liege der Landkreis über dem bundesweiten Schnitt erschlossener Haushalte, so Watteroth. In Ettlingen, Philippsburg und anderen Gemeinden läuft der Ausbau. „Da kommen dann schnell mal 20.000 oder 30.000 Anschlüsse dazu“, so Watteroth.

Wieso legt die Telekom nicht gleich Glasfaser bis in die Häuser?

Da spielt neben der Zeit auch das Geld eine Rolle. Den Begriff der „Rosinenpickerei“ lässt Bothe nicht gelten. Das Urteil der Bundesnetzagentur stärkt den Wettbewerb in Neubaugebieten. Und den Glasfaserausbau beispielsweise in den Bruchsaler Stadtteilen Unter- und Obergrombach stuft die Telekom als Pilotprojekte ein. „Wir bauen bedarfsgerecht aus. Die hohen Glasfaser-Bandbreiten werden uns nicht aus den Händen gerissen. Weil mit Vectoring die Lichtwellenleiter jetzt aber schon bis in die Verteilerkästen führen, können wir in Zukunft darauf aufbauend bedarfsgerecht agieren“, sagt Frank Bothe und nennt einen weiteren Grund: „Mit dem Glasfaserausbau bis in die Straßen decken wir den heutigen und den Bedarf der nächsten Jahre. Jetzt alle Vorgärten aufzureißen, würde Aufwände und Summen bedeuten, die sich kurz- bis mittelfristig nicht rechnen. Wir müssen wirtschaftlich handeln.“

Wieso mietet die Telekom nicht Leitungen des Landkreises an?

Nach eigenen Angaben hätte der Telekommunikationsriese das gerne getan. Allerdings müssten die Konditionen stimmen, heißt es. „Wir möchten alles nutzen, was an Infrastruktur vorhanden ist, es muss nur günstiger sein, als selbst zu bauen“, sagt Bothe. Bisher seien die Angebote des Landkreises nicht annehmbar gewesen, im Gegenteil: Inexio, Betreiber des BLK-Netzes, habe keine Interesse, zu handelsüblichen Preisen zu vermieten.

Glasfaser gegen Kupfer
Ein Glasfaseranschluss zum Haus ist die derzeit schnellste und störungsärmste Datenverbindung. Glasfasern leiten Informationen via Lichtwellen weiter. Da physikalisch nichts schneller ist als Licht, soll der Glasfaseranschluss auch noch in vielen Jahrzehnten eine zeitgemäße Datenübertragung sicherstellen. Weil das Netz jedes Haus mit einer eigenen Glasfaserleitung versorgt, ist die vertraglich vereinbarte Geschwindigkeit garantiert.
Beim Vectoring oder auf Koaxialkabeln sind die angegebenen Geschwindigkeiten immer „bis zu-Werte“. Weil gleich mehrere Kunden die Infrastruktur nutzen, kann die Bandbreite deutlich variieren.

 

Was sagt der Landkreis dazu?

Der Landkreis dementiert das. Als Beispiel führt Ragnar Watteroth ein Neubaugebiet in Linkenheim-Hochstetten an: Damals sei der Telekom eine Gebühr in Höhe der sogenannten TAL-Gebühr angeboten worden. Das ist die Gebühr, die Mieter der Telekom-Netze momentan bezahlen.

… die Telekom geht noch einen Schritt weiter …

Das Unternehmen fühlt sich durch den Landkreis blockiert. Der Vectoring-Ausbau könnte schon deutlich weiter gediehen sein, wenn die Genehmigungen der Gemeinden nicht derart lang auf sich hätten warten lassen, so die Telekom. Teilweise hat sie sich die Bescheide gerichtlich erstritten. Bis Genehmigungen erteilt worden sind, ist in einigen Fällen mehr als ein Jahr vergangen. Andere Landkreis in Baden-Württemberg hat die Telekom innerhalb von zwei Jahren mit Vectoring versorgt.

Auch das sieht der Landkreis anders.

„Zu diesen Verfahren kam es, weil die Qualität der eingereichten Unterlagen nicht passte. Dann können die Kommunen nicht genehmigen“, sagt Ragnar Watteroth.

Wie die Kreisverwaltung mitteilte, haben die Städte und Gemeinden inzwischen Fördergelder in Höhe von 17,2 Millionen Euro bewilligt bekommen, aber nur drei Millionen abgerufen. Was steckt dahinter?

Die Gelder fließen erst, wenn nachgewiesen ist, dass die Leitungen auch funktionieren. Ein Großteil der verbleibenden 14 Millionen wird die Kommunen in den kommenden Monaten erreichen.