Aus kleinen Anfängen haben Hermann und Rosemarie Gerweck ein mittelständisches Unternehmen mit 52 Filialen und 430 Mitarbeitern geschaffen. Zum Jahresende wechselt die Bäckerei Gerweck den Besitzer. | Foto: Thomas Rebel

Backimperium wechselt Besitzer

Hermann Gerweck übergibt sein Lebenswerk in jüngere Hände

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Wenn das Jahr zu Ende geht, schließt sich in Neibsheim ein beispielloses Lebenswerk, das vor 43 Jahren mit einer kleinen Bäckerei begann. Aus dem 20 Quadratmeter großen Bäckerladen ist bis heute ein Backimperium mit 430 Mitarbeitern und 52 Filialen gewachsen. Hermann Gerweck ist der Begründer dieses Imperiums, das zum Jahresende geräuschlos den Besitzer wechselt. Die gute Nachricht: Der Name Gerweck bleibt erhalten, ebenso alle Filialen und selbstverständlich auch die „Gerweck“. Alle Mitarbeiter behalten zu den exakt gleichen Konditionen ihren Arbeitsplatz. Das war dem Firmenchef wichtig, der alle anderen lukrativen Angebote ausschlug, weil die mit Personalstreichungen verbunden gewesen wären. Aber das wollte der Seniorchef seinen geschätzten Mitarbeitern auf keinen Fall antun.

Doppelter Glücksfall

So war es dann ein doppelter Glücksfall, dass Gerweck auf die schwäbische Großbäckerei Sehne stieß. Auch sie ein Familienunternehmen in dritter Generation, nur deutlich größer noch als der Neibsheimer Betrieb. Und mit einer ähnlichen Qualitätsphilosophie und Wertschätzung für die Mitarbeiter. Sehne-Tochter Annika und ihr Ehemann Marc Thollembeek übernehmen am 1. Januar den Betrieb, den sie in den vergangenen drei Monaten intensiv kennengelernt haben. Vergangene Woche ist das Ehepaar nach Gondelsheim umgezogen. Hermann Gerweck bleibt den beiden für die nächsten eineinhalb Jahre als Berater erhalten. Auch so soll ein sanfter Übergang garantiert werden.

Annika und Marc Thollembeek übernehmen die Großbäckerei Gerweck samt Namen, Filialen, Mitarbeitern und Organisationsstruktur. | Foto: Thomas Rebel

Das Bäckergen hat der Neibsheimer wohl von seinem gleichnamigen Großvater mit in die Wiege gelegt bekommen. Der stammte aus Büchig und hatte 1905 das alte Neibsheimer Rathaus gekauft und dort eine Bäckerei eingerichtet. Sohn Josef übernahm die Backstube Mitte der 30er-Jahre, Enkel Hermann dann 1974. Noch weitere 20 Jahre blieb die Bäckerei im Dorf, dann erfolgte 1995 der Umzug in die Talstraße, wo sich bis heute der Firmensitz und die Backfabrik befinden. Von dort aus werden die Filialen täglich mit frischen Backwaren versorgt.

Bäckermeister aus Leidenschaft

Hermann Gerweck ist Bäckermeister und Konditor aus Leidenschaft. Jeden Tag steht er um vier Uhr in der Backstube – sieben Tage die Woche.„Es gibt nichts Schöneres, als wenn innerhalb von zwei Stunden aus einem Teig ein Brot oder ein Kuchen entsteht“, sagt der Mann mit dem untrüglichen Geschäftssinn. Denn als in den 90er-Jahren immer mehr Bäcker ihre Backstuben dicht machten, übernahm er einen Betrieb nach dem anderen. An vier Standorten gibt es bei ihm auch Lebensmittel zu kaufen – auch dies dem Umstand geschuldet, dass immer mehr kleinere Lebensmittelgeschäfte in den Dörfern ihre Tore schließen. An vielen Standorten ist auch ein Stehcafé mit integriert.

Name Gerweck bleibt erhalten

Vor zwölf Jahren hat der Unternehmer in Unteröwisheim sein erstes richtiges Cafe gebaut – ein eigenes Gebäude mitten im Ort, wo man frühstücken und einen kleinen Mittagstisch genießen kann. Sogar ein Sofa lädt zum Verweilen ein. Mittlerweile gibt es sechs solcher Cafés. „Früher, wenn die Frauen ihren Brotteig zum Backen zur Backstube brachten, mussten sie warten, bis der Ofen bereit war“, erzählt Gerweck, woher seine Philosophie von der Bäckerei als Kommunikationsort stammt. Fünf neue Cafés sind in Planung, unter anderem in Stettfeld, Büchenau und in der Obergrombacher Ortsmitte. Dort soll es auch wieder Lebensmittel geben. Die Cafés wird Hermann Gerweck auch weiterhin selbst betreiben und von seinen Nachfolgern die Backwaren beziehen.
Schon vor zwei Jahren hat sich der Neibsheimer Bäckermeister überlegt, wie es mit dem Unternehmen weitergehen könnte, wenn er in den Ruhestand geht. Da von seinen Kindern keines die Firma übernehmen wollte, hat er sich mit einer Beratungsfirma auf die Suche gemacht. Und wurde fündig: Am 1. Januar wechselt das Unternehmen nun den Besitzer.