Ein Idyll ist die Raußmühle in Eppingen. Und ein kauziges Original ist der Inhaber Frank Dähling, Museumsbesitzer, Ethnologe und Geschichtenerzähler. Ende Juni sollen eventuell wieder Führungen durch das geschichtsträchtige Areal stattfinden.
Ein Idyll ist die Raußmühle in Eppingen. Und ein kauziges Original ist der Inhaber Frank Dähling, Museumsbesitzer, Ethnologe und Geschichtenerzähler. Ende Juni sollen eventuell wieder Führungen durch das geschichtsträchtige Areal stattfinden. | Foto: Thienes

Museum voller Schätze

Ein Hippie nimmt Besucher in der Eppinger Raußmühle auf eine Zeitreise mit

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„Verhungert, ermordet, bankrottgegangen.“ Frank Dähling spricht über die Mühlenbesitzer vor ihm. 1334 wurde die Raußmühle Eppingen erstmals urkundlich erwähnt. Was sich von außen als Idyll aus hellem Sandstein vor sattgrüner Kulisse erhebt, öffnet im Inneren dem Betrachter einen Schatz an Seltsamem und Sehenswertem, an Geschichte und Kunsthistorischem, an Magischem, Mystischen und Mysteriösen – man muss sich allerdings einlassen auf einen Mann mit langem, weißen Haar. Er scheint ein wenig wie aus der Welt gefallen. Doch er steht dazu.

„Ich bin kein Aussteiger, ich bin ein Einsteiger in ein neues Leben.“  „Ich wollte doch keine Karriere“, ruft er mit einer Abscheu, die Otto-Normal-Arbeitnehmer leicht dümmlich aussehen lassen kann. Seine Konsequenz für den Weg des Selbstversorgers scheint beneidenswert, sieht man sich um. Doch es stecken Monate, Jahre und Jahrzehnte an Arbeit in Mühle, Museum, Hof und Brunnen.

Mehr als 700 Jahre existiert dieser Dreiseithof, gelegen im Kreis Heilbronn. Vielleicht länger. Eine mächtige Scheune liegt zur Rechten, tritt man durchs eiserne Tor auf den Hof. Ein Pracht-Hahn quert gemessenen Schrittes das bucklige Pflaster aus dem Barock. Dähling hat die Steine unter Schlamm und eimerweise fortgeschleppten Securit-Scherben von Autowracks befreit. Die stapelten sich 1974 im einst vergammelten Patio, als er sich als Dreißigjähriger in das Anwesen verliebte, es erst pachtete, dann kaufte.

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Ein Leben mit Ziegen und Tatkraft

Die Tatkraft des Alt-68-ers für die „unrettbare Ruine“ lohnte sich. Denn er rettete sie doch – mit seiner Partnerin Heidi Böck. Sie bewirtschaften – oft mit Hilfe von Wandergesellen und den Mitgliedern des Vereins zur Förderung der Raußmühle – Grund, Boden und Gemäuer des Hofes, bringen Ziegen und Schafe zum Weiden, füttern Hühner oder entstauben Unmengen an Regalen und Schränken.

Unterstützt von europäischen Fördergeldern deckte das Team ein marodes Dach mit Ziegeln aus der Originalzeit. Ein Brunnen war 200 Jahre lang unentdeckt. Dann erbrachte ein Recherche-Telefonat in die Schweiz, mit einer 80-Jährigen, zufällig einen Hinweis.

Im Brunnen fand der einstige Hippie später, 1984, eine Pistole aus Zeiten Napoleons. Dies bestätigte die Erzählung der alten Dame. Die Waffe, mit gespanntem Hahn und mit einer Kugel gestopft, liegt heute in einer Vitrine im Mühlenhaus. Allein ihre Geschichte ist den Besuch wert.

Der Hippie setzt auf Herzgespann statt Cannabis

Heute wirft eine ausladende Birke Schatten über den Hof. Darunter stehen Stauden, buschig und gut meterhoch. „Das sind keine Cannabispflanzen“, beantwortet er eine ungestellte Frage – wohl aus Gewohnheit jahrelanger Führungen. Das Herzgespann, so der Name der Gewächses, sei von Alters her als Tee tauglich gegen Herzrhythmusstörungen und zur Beruhigung. Doch sein pflanzenkundliches Wissen steht ja nicht im Fokus.

In den Hof kommen oft diverse Gäste – neben Hühnern, Katzen, Hund und Igel schauen Marder oder Fuchs vorbei. Etwas von „eine überziehen“ und „18 Hühner geholt!“ grummelt der Mann vor sich hin und geht zur Mühle voraus.

Zur Linken liegt außer dem Mühlenhaus auch der Wohntrakt, vorne die Ziegenställe. Die vierte Seite des Hofes war vom Sumpf der Elsenzaue geschützt. Drinnen präsentiert Frank Dähling einen Reibestein, erster Vorfahr der Mühle. „Etwa 3000 vor Christus“, sagt er, „ausgegraben zwischen Eppingen und Richen“.

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Barocke Möbel wurden von den Vorbesitzern verheizt

Er berichtet von Griechen und Türken unter den Vorbesitzern – er fügt achselzuckend an, so sei es halt – mit wenig Verständnis für barocke Möbel. Sie verheizten die wertvollen Stücke im kalten Deutschland nebst jeder zweiten der uralten Stufen zum Biet, dem Mühlenboden.

„Die Stufen von circa 1765 waren so abgelaufen, dass sie gewendet werden mussten, obwohl sie aus Eiche sind“.  Ehrfurcht ist nun der Begleiter übers dicke Holz hinauf zum Planetarium. So nennen Müller das Mühlenherz poetisch. Dähling zeigt, wo Königs-, Transmissionen und Winkelzahnrad einst vom Wasser bewegt die Mahlsteine antrieben.

Weiter geht’s verbal vom Reibestein ins Mesopotamien von 2000 vor Christus, heute Irak, bis zur olyntischen Mühle und hin zu Schleif-, Rebel- und anderem Werkzeug. Der Wortreichtum des Kenners zeugt von seiner Leidenschaft, alles will er auspacken, vor dem Gast ausbreiten. Sechs Stunden kündigt er an, um zwinkernd anzufügen, er fasse sich kurz. Nun, dieser große Geschichtenerzähler kann vieles. Sich kurz zu fassen, gehört nicht dazu. Allerdings ist auch der Profit enorm, der geistige.

Der Homo sapiens hat es heute zum dümmsten Wesen gebracht

Frank Dähling, Museumsleiter, Ethnologe, Imker und Geschichtenerzähler

Als begabter Hobby-Handwerker berichtet er exakt von der Restauration des Brunnens, für den er unter Anleitung wandernder Gesellinnen mit eigenen Händen einen Stein aus Originalmaterial gehauen hat  – und seine Knie dabei lieferte. Er macht es vor, wie er den Stein auf bebenden Beinen schleppte. Er berichtet vom Hexagramm und dessen Bedeutung im Dachstuhl über dem Brunnen.

Dem studierten Paläontolgen und Ethnologen gehen Sätze von den Lippen wie „der Homo sapiens hat es heute zum dümmsten Wesen gebracht“, und kehrt dann schlicht zum Thema zurück. Die erste Windmühle haben beispielsweise Afghanen erfunden, sagt er. „Wir sind immer so verächtlich allen anderen gegenüber, nur weil sie keine Audis bauen.“ So stellt der 76-jährige klar, wo sein Herz schlägt.

Die Geister gewähren Zutritt zur Rauchküche

Der autodidaktische Pflanzenkundler, Imker und Museumsbesitzer ist in den 45 Jahren mit seiner Mühle spürbar verwachsen. Länger als irgendwer in den 700 Jahren vor ihm lebt er ein anderes Raußmüller-Dasein inmitten seines ständig wachsenden Sammelsuriums. Es setzt sich in der Scheune fort, geschützt von hier seltener Technik – einer Alarmanlage.

Er leuchtet ins Dunkel, klopft an die niedrige Tür zur Rauchküche, um die Geister um Zugang zu bitten. „Mit etwas Glück dürfen Sie eintreten“. Er grinst verschmitzt und seine knorrige Hand greift zur Klinke. Die Tür zu einem verrußten Raum voller hunderte Jahre alter Utensilien knarzt eine filmreife Melodie dazu.

Gruseliges gibt er über die Ofengabel zum Besten. Gebeizt mit Bilsenkraut werde die Astgabel für den Hexenflug ertüchtigt. Erst die Inquisition habe das Stöckchen zum Hexenvehikel erklärt.

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Die Widersprüchlichkeit des Seins

Schätze aus Landbau und Bodenkultur, Reliquien reihen sich auch auf dem Dachboden. Maltesäcke, Ernte- und andere Körbe, Kruzifixe oder inzwischen 1.000 Mausefallen – diese ergeben eine der nächsten Ausstellungen, die Dähling auch regelmäßig anbietet. „

Ja, der Mensch weiß, wie es geht“, beendet er eine detaillierte Schilderung des mörderischen Bender-Patents. Bei dieser Falle kriecht die Maus über Ecken, versperrt sich selbst den Rückweg, um am Ende jämmerlich im Wassertank schwimmend zu ertrinken.

Aber, sagt Dähling, der Mensch schreibe ja auch Gedichte, komponiere oder schaffe Kunst.

Vielfalt und Widerspüchlichkeit des Daseins haben es ihm angetan. Das hat er mit Walt Whitman gemeinsam. Einen Satz des amerikanischen Poeten und Essayisten hat Dähling an der Scheunenwand angeschlagen, wie er andernorts zu Führungszwecken die Namen der Mühlenbesitzer in den 700 Jahren vor ihm aufgelistet hat.

Liebe die Erde, die Sonne und die Tiere

Walt Whitman, US-amerikanischer Poet und Essayist

Der Satz von Walt Whitman beginnt mit den Worten: „Was du tun sollst, ist dies: Liebe die Erde, die Sonne und die Tiere, verachte Reichtümer, gib jedem, der da bittet, tritt ein für die Unwissenden…“ Dähling scheint das zu beherzigen. Denn eins ist er bei allem anderen sicher nicht: Materialist.

Normalerweise nimmt er Gruppenführungen ab zehn Personen an. In Coronazeiten weiß er aber nicht genau, wann es wie weitergeht. Noch will er das Risiko vieler Menschen bei sich nicht eingehen. Auch die Tage der offenen Tür, wie es der Mühlentag an Pfingstmontag gewesen wäre, der Internationale Museumstag oder der Tag des offenen Denkmals stehen in den Sternen. Er verweist auf die Website des Fördervereins und der Raußmühle Eppingen.

Dann winkt er zum Abschied. Händeschütteln muss auch warten. Schade.

www.raussmuehle.de