Unterwegs im Dschungel: Biologe Nico Fischer reiste nach Kamerun, um dort Gorillas zu schützen.
Unterwegs im Dschungel: Biologe Nico Fischer reiste nach Kamerun, um dort Gorillas zu schützen. | Foto: pr / Fischer

Von Großvillars in die Tropen

„Ich hatte einen Zugang zu Mutter Erde“

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Am Tag seiner Abreise wird eine Kollegin überfallen. Das ist üblich in Recife, einer brasilianischen Hafenstadt im Nordosten des Landes. Zurück in Deutschland fühlt sich Nico Fischer nach drei Monaten wieder frei. „Ich hatte das Gefühl, im Knast zu sein. Spazieren ging da nicht“, bedauert der 26-Jährige. Er ist Biologe, aufgewachsen in Großvillars und erforscht tropische Viren. Deshalb zieht es Nico auch ins Ausland – Brasilien, Kamerun und bald Vietnam.

Impfstoff als Schutz

Doch die Kriminalität ist der einzige Wermutstropfen, Fischers Anreiz für die Arbeit ist größer: Mit seiner Forschung will Nico Menschen helfen. „50 Prozent der Weltbevölkerung lebt in Gebieten, in denen Denguefieber vorkommt. Wenn man sich überlegt, dass man einen Impfstoff entwickeln und so Milliarden Menschen schützen könnte.“

Von Heidelberg nach Brasilien

Im vierstündigen Biologiekurs des Melanchthon-Gymnasiums Bretten keimt seine Leidenschaft erstmals auf. Nach dem Abitur studiert er Angewandte Biologie in Karlsruhe, landet darüber in einem Unternehmen der Universität Heidelberg, das Malaria erforscht. Dort lernt er einen Tropenmediziner kennen und steigt in dessen Projekt ein. Wie wehrt sich das Immunsystem gegen Denguefieber und den Zika-Virus? Drei Monate hilft Nico am brasilianischen Institut „Fiucruz“ dabei, Impfstoffkandidaten gegen Tropenkrankheiten zu finden.

Bunt und gut gelaunt wirken brasilianische Straßenmärkte wie hier in Recife. Doch zwischen die Lebensfreude der Einheimischen mischen sich in der Küstenstadt Kriminalität und Viruserkrankungen, wie Denguefieber und Zika. Um Menschen vor Infektionen zu schützen, erforscht Nico Fischer geeignete „Kandidaten“ für Impfstoffe.
Bunt und gut gelaunt wirken brasilianische Straßenmärkte wie hier in Recife. Doch zwischen die Lebensfreude der Einheimischen mischen sich in der Küstenstadt Kriminalität und Viruserkrankungen. | Foto: pr / Fischer

„Ich habe hauptsächlich im Labor gearbeitet. Denn die Armenviertel, in denen Infektionen besonders häufig vorkommen, sollte man nicht betreten. In den Favelas ist es zu gefährlich.“ Eine der ersten Regeln, die ihm Brasilianer ans Herz legen: „Wehre dich nie bei einem Überfall.“ Denn dann erschießen sie dich, erzählt Nico. „Im Gefängnis bekommen sie mehr zu Essen als in den Favelas.“ Passiert sei ihm so etwas nie. Im Studentenwohnheim hat er aber oft davon gehört.

Tauche in die Kultur ein.

Dennoch: Er erinnert sich an große Lebensfreude. „Die Menschen fangen einfach an zu tanzen“, sagt er lächelnd. „Man muss sich öffnen. Tauche in die Kultur ein, lerne sie kennen und entscheide dann, ob du sie gut findest“, resümiert Nico.

Leben im Dschungel

Seine Zeit in Kamerun will der Student jedenfalls nicht missen. Einen Monat verbrachte er dort, lebte zwei Wochen im Zelt inmitten des Regenwalds, um Gorillas zu schützen. „Am Anfang habe ich viele Fotos gemacht, dann ging der Akku meiner Kamera leer“, erinnert er sich. Daraufhin sei er ohne Ablenkung durch den Dschungel gegangen. „Ich hatte nach einigen Tagen das Gefühl, einen Zugang zu Mutter Erde zu haben.“

Im umliegenden Dorf lernt er die Lebenswelt der Einheimischen kennen, unterrichtet vier Tage lang an Schulen Biologie. „Wenn ein Weißer kommt, ist das für die Kinder jedes Mal ein Höhepunkt.“ Von der Außenwelt bekommen die Menschen zwar etwas mit, Nachrichten aus Europa laufen auf dem einzigen Fernseher im gesamten Dorf aber kaum. Der steht in der Dorfkneipe – dorthin gehen die Bewohner zum Beispiel, um ihr Handy zu laden.

Zwei Wochen verbrachte Nico Fischer im kamerunischen Regenwald. Er verfolgte Spuren von Primaten.
Zwei Wochen verbrachte Nico Fischer im kamerunischen Regenwald. Er verfolgte Spuren von Primaten. | Foto: pr / Fischer

Brutstätten für Krankheitserreger

Wirklich wohlhabend lebte Nico auch nicht im brasilianischen Recife. „Auf der Straße lag Müll, und es gab abgestandene Wasserlachen. Brutstätten für Moskitos.“ Genau die Insekten, welche die Viren seines Forschungsschwerpunktes übertragen: Dengue und Zika. „Je reicher die Menschen sind, desto weiter oben wohnen sie im Gebäude“, erzählt Nico. Denn umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, Stechmücken zu begegnen. „Das Infektionsrisiko lässt sich nicht vermeiden“, sagt er. Zum Schutz habe er sich nachts immer mit Insektenschutzmittel eingesprüht.

„Jeder Tropenmediziner hatte wahrscheinlich schon einmal Malaria.“
Wieso Impfungen wichtig sind? „Es geht darum, sich selbst und andere zu schützen und diese Viren auszuradieren“, so der Oberderdinger. „Ist man infiziert, kann eine Mücke die Viren auch auf Mitmenschen übertragen.“

Auf den Spuren des Immunsystems

Für seine Master-Abschlussarbeit an der Universität Tübingen spezialisiert er sich auf das Immunsystem in Zusammenhang mit Denguefieber und dem Zika-Virus. Im April fliegt er dafür voraussichtlich einen Monat nach Vietnam ans Children’s Hospital in Ho Chi Minh. Dort untersucht er Blutproben erkrankter Kinder. „Sind die Ergebnisse der Immunforschung aus Südostasien und Südamerika unterschiedlich, kann man nicht für beide Länder den gleichen Impfstoff entwickeln.“

Es ist noch ein weiter Weg.

Doch er ist überzeugt: Es gibt Fortschritte. „Wissenschaftler verstehen den Zyklus der Viren immer besser. Dadurch wird es einfacher, ein Medikament zu entwickeln, das diesen Zyklus an einer bestimmten Stelle blockt“, betont Fischer. Das sei aber noch ein weiter Weg. Und ja: „Tigermücken gibt es auch in Deutschland.“ Dass sich Tropenkrankheiten etablieren, sei jedoch unwahrscheinlich, betont der Fachmann.

Fischer schmiedet Reisepläne

Vom Reisen hat der junge Mann nicht genug. „Ich habe vor, noch einmal ein Projekt, wie das in Kamerun durchzuziehen“, bestätigt er. Vielleicht Schildkröten auf den Seychellen retten oder einem Tierarzt in Afrika assistieren, überlegt er kurz. „Die Verbundenheit zur Natur verliert man im Alltag. Ich bin sicher, während eines Projekts kommt schnell der Punkt, an dem ich wieder sage, ich bin geerdet.“