Am Landgericht Karlsruhe stehen im Oberderdinger Mordprozess am Fastnachtsdienstag die Plädoyers von Staatsanwalt, Nebenkläger und Verteidiger auf dem Programm. | Foto: BNN-Archiv

Reichen die Indizien aus?

Im Oberderdinger Mordprozess fehlt der zwingende Beweis

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Wer hat am Fronleichnamstag 2018 das Feuer im Oberderdinger Altenpflegeheim Haus Edelberg gelegt, bei dem eine hilflose 82-jährige Heimbewohnerin auf grausame Weise ums Leben kam?

Wenige Tage vor Ende gibt es im Oberderdinger Mordprozesses noch immer keinen zwingenden Beweis dafür, dass der 24-jährige Altenpfleger auf der Anklagebank auch der Täter ist.

Fülle von Indizien im Mordprozess

Zwar verdichten sich eine Fülle von Indizien, Ermittlungsergebnisse der Polizei und belastenden Zeugenaussagen zu einem stimmigen Gesamtbild, das den jungen Mann stark verdächtig macht. Doch ob das von der Anklage zusammengefügte Puzzle für eine Verurteilung reicht, müssen die drei Richter und die beiden Schöffen nach den Plädoyers des Staatsanwalts, der Vertreterin der Nebenklägerin und des Verteidigers entscheiden. Die sind für den voraussichtlich vorletzen Verhandlungstag im Mordprozess am Faschingsdienstag, neun Uhr, geplant. Das Urteil wird an diesem Tag allerdings noch nicht erwartet.

Dreifacher Brandstifter

Die Anklage geht davon aus, dass der Unbekannte, der im März und April in Oberderdingen einen Anhänger mit Strohballen und eine Scheune in Brand gesteckt hat, auch für das Feuer im Altenheim verantwortlich ist.

Bereits bei den Feldbränden war der Angeklagte durch sein merkwürdiges Verhalten aufgefallen. Insbesondere auf die Nachricht, dass der Brandstifter von einer Wildkamera auf frischer Tat abgelichtet worden sei, hat er laut etlicher Zeugenaussagen überaus heftig reagiert.

Auffälliges Verhalten

Auffällig auch, dass der Angeklagte bei verschiedenen Personen versucht hatte, Tarnkleidung loszuwerden, wie sie der Brandstifter auf den Wildkamerabildern trug. Er müsse sie vor der Polizei in Sicherheit bringen, hatte er Zeugen gegenüber gesagt. Tarnkleidung, Sturmhauben mit drei Löchern und einen Benzinkanister hatte die Polizei auch bei der Hausdurchsuchung und Festnahme des Angeklagten gefunden.

Dass es sich dabei um die Kleidung, den Kanister und die Sturmhaube handelt, die auf den Überwachungsbildern der Wildkamera zu sehen sind, konnte die Anklage allerdings auch mit diversen Gutachtern nicht eindeutig beweisen. Belegt ist im Mordprozess allerdings, dass der Angeklagte zusammen mit seiner Freundin, die sich jedoch an so gut wie gar nichts mehr erinnern wollte, zu besagter Zeit einen Bezinkanister an einer Tankstelle gefüllt hatte.

Kein Alibi zur Tatzeit

Am Brandtag hatten drei Personen auf der Station Dienst, auf der der Brand gelegt wurde. Einer davon war der Angeklagte, der sich dabei auch merkwürdig verhalten hatte. Wo er sich gegen 16 Uhr in den wenigen Minuten zwischen Brandstiftung und Auslösung des Alarms exakt aufgehalten hatte, ließ sich nicht ermitteln. Denn der Angeklagte schweigt zu allen Vorwürfen.

Seine beiden Arbeitskolleginnen scheiden indes als potenzielle Brandstifter aus. Denn die eine hielt sich bis zum Alarm nachweislich auf dem Raucherhof auf, die andere war mit Medikamentenrichten und Kaffeeausgabe im Treff beschäftigt.

Weitere Merkwürdigkeiten sprechen für den Angeklagten als Täter: Er hatte vermeintliche Bilder des Oberderdinger Feuerteufels herumgezeigt und bereits zu einem Zeitpunkt den Verdacht geäußert, dass es sich um Brandstiftung handeln müsse, als die Polizei dies noch gar nicht kundgetan hatte.

Heftige Schuldgefühle

Und auch das Bild, das die Zeugen zeichnen, passt: Ein junger Mann mit einem großen Geltungsbedürfnis, der in seinem Leben aber noch nicht so viel auf die Reihe bekommen hat. Einer der gerne anderen hilft und nach eigenem Bekunden auch gerne mal jemand aus einem richtig großen Feuer retten würde, um dann bei den Kollegen gut dazustehen.

Und der nach dem Brand im Altenheim von heftigen Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen geplagt ist, er habe nicht schnell genug, richtig und professionell genug reagiert.

Als Alternative bliebe als Täter der große Unbekannte. Der hätte zwar theoretisch unbemerkt ins Altenheim gelangen können, das tagsüber offen stand und Besucher nicht kontrollierte. Doch dann stellt sich die Motivfrage. Auffällige Fremde wurden an diesem Tag jedenfalls nicht gesichtet, und zündelnde Heimbewohner hat es soweit bekannt, im Haus nicht gegeben.

Nur mit Mühe überlebt

Keine leichte Aufgabe also für die Richter, die vor den Plädoyers am Dienstag noch einige Informationen weitergaben. So beläuft sich der Schaden im Altenpflegeheim laut Auskunft der Versicherung auf rund 200 000 Euro.

Die Rechtsmedizinerin hatte mitgeteilt, dass die zweite ältere Heimbewohnerin, die den Brand überlebt hatte, mit einem starken Inhalationstraum in einem lebensbedrohlichen Zustand ins Krankenhaus gebracht worden war. Nur aufgrund der massiven intensivmedizinischen Behandlung habe sie die starke Kohlenmonoxidvergiftung überlebt.

Die Verhandlung am Landgericht wird am Dienstag, 5. März, um neun Uhr mit den Plädoyers des Staatsanwalts, der vertreterein der Nebenklage und des Verteidigers fortgesetzt.