Jonas ist ein Junge mit einem Handicap - einer Blasenentleerungsstörung. Das hinderte die Max-Planck-Realschule offenbar an der Inklusion. | Foto: Rebel

Junge jetzt in Oberderdingen

Inklusion in Bretten – manchmal ein Trauerspiel

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„Menschlich handeln – Positiv denken – Rücksicht nehmen“, so heißen die drei Grundsätze der Brettener Max-Planck-Realschule. Darüber kann Simone Dörner aus Neibsheim nur lachen. Denn Menschlichkeit und Rücksicht habe ihr Sohn Jonas von der Bildungseinrichtung nicht erfahren, zumindest verstärkt sich der Eindruck, wenn die Mutter von ihren Erlebnissen mit der Schule beim Thema Inklusion berichtet. Und so fällt es Dörner auch ausgesprochen schwer, positiv zu denken über die Schule, die ihr Sohn ab dem kommenden Schuljahr besuchen sollte.

Realität oft anders als die Sonntagsreden

Aber dazu wird es nicht kommen – und die Geschichte des zehnjährigen Jonas steht auch sinnbildlich für die Inklusion in Deutschland, die gerne in Sonntagsreden beschworen wird, häufig aber knallhart an der Realität scheitert.
Aber der Reihe nach: Jonas Dörner leidet an einer Blasenentleerungsstörung, das Wasserlassen ist ihm nur unter Hilfe und mit einem Katheter möglich. In der Schule braucht er dafür eine Schulbegleitung sowie eine gesonderte Toilette mit einem Schrank für seine Utensilien. „In der Grundschule in Neibsheim war das bisher alles kein Problem“, sagt Mutter Simone. Da ihr Sohn im Herbst aber in die fünfte Klasse kommt, ging es nun um die Wahl einer weiterführenden Schule. „Eine freie Wahl gab es für uns aber nicht“, beklagt Dörner, dabei besteht für jede Schule die Pflicht, auch Kinder mit Handicaps aufzunehmen.

 

„Herr Knecht stand nicht hinter meinem Sohn“

Als sie bereits im November erstmals mit der Max-Planck-Realschule Kontakt aufnahm, wurde ihr geraten, ihren Sohn auf eine Gemeinschaftsschule zu schicken. Dort gebe es eine bessere personelle und räumliche Ausstattung, erzählt sie. Das sei aber nicht in Frage gekommen. Zu einem Gesprächstermin sei niemand bereit gewesen, auch habe sie vergeblich auf eine vereinbarte Rückmeldung gewartet. Erst als Dörner dann einen Brief an das Oberschulamt geschrieben hatte, kam es zu einem Gespräch mit Rektor Martin Knecht. „Das Treffen stand von Beginn an unter keinem guten Stern“, erzählt Dörner. Es soll sogar der Satz gefallen sein, dass nur er entscheide, wer auf seine Schule gehe und wer nicht. „Herr Knecht stand nicht hinter meinem Sohn“, sagt die Neibsheimerin rückblickend – und damit war das Kapitel Max-Planck-Realschule für sie und Jonas abgeschlossen.

 

MPR-Schulleiter sieht den Sachverhalt grundlegend anders

Der Schulleiter sieht den Sachverhalt grundlegend anders. Er habe sich bei dem Treffen mit Frau Dörner alle Toiletten im Schulgebäude angeschaut und sie habe diese als nicht geeignet beurteilt. „Im Einvernehmen mit der Mutter bin ich daher zu dem Entschluss gekommen, dass es nicht möglich ist, die passenden räumlichen Voraussetzungen zu schaffen“, sagt er auf BNN-Nachfrage. Dennoch hätte er ihr angeboten, dass sie ihren Sohn auf seiner Schule anmelden könne. „Ich hätte alles getan, was in meiner Hand liegt, um diese Möglichkeit zu gewährleisten“, sagt Knecht. Er habe aber auch darauf hingewiesen, dass es Sinn macht, den Blick zu weiten und auch andere Schulen anzuschauen.

 

„Welten im Gegensatz zu Bretten“

Das hatten Simone und Jonas Dörner in der Zwischenzeit auch getan – und hatten erlebt, wie Inklusion aus ihrer Sicht laufen sollte. An der Leopold-Feigenbutz-Realschule in Oberderdingen sei von Beginn an alles anders gelaufen, erzählt Simone Dörner. „Das waren Welten im Gegensatz zu Bretten“, sagt sie. Schulleiter Dieter Schroff habe sich sofort Zeit für sie und ihr Kind genommen. Das Handicap sei überhaupt kein Problem, wurde ihnen vermittelt und eine Lösung gefunden. Ab September wird Jonas also nach Oberderdingen in die Realschule gehen. Die Eltern müssen ihren Sohn jeden Tag hinbringen und wieder abholen. „Wir machen das, weil unser Sohn dort willkommen ist“, sagt Dörner. Auch wenn Jonas jetzt nicht mehr mit seinen bisherigen Schulkameraden in eine Klasse gehen kann.

 

Mutter: Das ist kein Einzelfall

Es gehe ihr auch nicht darum nachzutreten, indem sie sich an die Öffentlichkeit wende, ist Dörner wichtig zu betonen. Auch wolle sie nicht alle Brettener Schulen über einen Kamm scheren. Auch das Melanchthon-Gymnasium habe sich sehr offen gezeigt, aufgrund der Grundschulempfehlung hätten sie aber eine Realschule bevorzugt. Dörner hat allerdings den Eindruck, dass der Umgang mit ihr und ihrem Sohn an der Max-Planck-Realschule kein Einzelfall ist. „Ich kenne eine Mutter, der es mit ihren Kind ähnlich erging.“ Auch die Schulbegleitung ihres Sohnes habe schon schlechte Erfahrungen mit der Schule gemacht, wenn es um die Anmeldung von Kindern mit Handicaps ging. Realschulleiter Knecht weist diesen Vorwurf entschieden zurück. „Es gibt bei uns natürlich auch Schüler mit Handicaps“, berichtet er. Wichtig ist aber, dass die Voraussetzungen erfüllt sind – und das müsse eben auch in den Augen der Eltern der Fall sein.
Simone und Jonas Dörner können immerhin wieder lachen. In Oberderdingen haben sie das erfahren, was sich eigentlich die Max-Planck-Realschule auf die Fahnen schreibt: Menschlichkeit und Rücksicht. Die Grundvoraussetzungen mit denen die Inklusion gelingen kann.