Matthias Wagner ist Forensischer Psychiater und Gutachter im Oberderdinger Mordprozess. | Foto: Ebert

Schweigen kann sprechen

Mathias Wagner ist Gutachter im Oberderdinger Mordprozess

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Der Angeklagte im Oberderdinger Mordprozess schweigt. Wie kann das Gericht entscheiden, ob er schuldfähig ist oder nicht? Hilfestellung bekommt es dabei von einem Gutachter. Im Fall der Brandstiftung im Oberderdinger Altenpflegeheim, bei der eine 92-jährige Seniorin ums Leben kam, ist dies Matthias Wagner, der Medizinische Direktor des Zentrums für Psychiatrie Calw.

Was macht eigentlich ein forensischer Psychiater?

Wagner: Ein forensischer Psychiater ist ein Arzt genauer ein Facharzt für Psychiatrie mit einer zusätzlichen Weiterbildung und Schwerpunktbezeichnung im Bereich Forensische Psychiatrie. Analog dazu wäre zum Beispiel ein Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Kardiologie, der allgemein als Kardiologe bezeichnet wird, zu sehen. Ein forensischer Psychiater hat die Aufgabe Behörden und Gerichte dabei zu beraten, Entscheidungen zu Fragen der Schuldfähigkeit oder zu psychischen Erkrankungen zu treffen. Eine weitere Aufgabe forensischer Psychiater ist die Behandlung psychisch erkrankter Straftäter.

Was ist ihre genaue Aufgabe als Gutachter bei diesem Prozess?

Wagner: Die Aufgabe des forensischen Psychiaters bei diesem Prozess ist es herauszufinden, ob bei dem Angeklagten eine psychiatrische Erkrankung oder ein anderer Grund zum Zeitpunkt der Tat vorlag, die seine Schuldfähigkeit beeinträchtigt oder aufgehoben haben könnte und ob Gründe vorliegen, den Angeklagten in ein Psychiatrisches Krankenhaus einzuweisen oder eine Sicherungsverwahrung zu empfehlen.

Auf welche Aspekte achten Gutachter wie Sie in einem Verfahren, in dem der Angeklagte schweigt.

Wagner: Zu Schweigen ist das gute Recht eines Angeklagten. Aber auch Schweigen kann beredt sein. Es ist die Aufgabe des Psychiaters, hier auch Ungesprochenes zu verstehen und Zeugenaussagen zu werten.

Lässt sich so überhaupt eine Diagnose stellen?

Wagner: Neben den Reaktionen des Angeklagten zum Beispiel bei Zeugenaussagen stehen dem Gutachter natürlich auch die Ermittlungsakten und die Aussagen des Angeklagten zu seinem Leben zur Verfügung. Eine Diagnostik auf dieser Basis ist schwierig und in ihrer Aussagekraft eingeschränkt, aber durchaus möglich.