Der Mordprozess vor dem Landgericht Karlsruhe begann am sechsten Verhandlungstag mit einer Sicherheitskontrolle für alle Zuhörer. Der Richter begründete dies mit "Bedrohungs- und Einschüchterungsszenarien" gegenüber Zeugen. | Foto: bert

„Sind nicht auf dem Balkan“

Sechster Tag im Oberderdinger Mordprozess beginnt mit Sicherheitskontrolle

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Der sechste Tag im Oberderdinger Mordprozess gegen einen 24-jährigen Altenpfleger wartete noch vor Beginn der Verhandlung mit einer Überraschung auf. Zum Schwurgerichtssaal wurden Prozessteilnehmer und Zuhörer über den Seiteneingang geleitet. Und dort kontrollierten uniformierte Sicherheitsbeamte jeden einzelnen Besucher inklusive Rucksack oder Handtasche wie an der Sicherheitsschleuse am Flughafen.

„Bedrohungs- und Einschüchterungsszenario“

Den Grund für diese Sicherheitsmaßnahme nannte der Vorsitzende Richter Leonhard Schmidt erst am Ende der Sitzung. Er habe zwei Mitteilungen bekommen, dass es „Bedrohungs- und Einschüchterungsszenarien gegenüber der Familie eines Zeugen“ gegeben habe. „Das ist völlig inakzeptabel, dass hier Zeugen eingeschüchtert werden, wir sind doch nicht in Süditalien oder auf dem Balkan“, wetterte der Richter. Er drohte mit deutlichen Maßnahmen, sollte ihm dergleichen wieder zu Ohren kommen.
Zuvor hatte die Mutter eines Zeugen, die beim Mordprozess ebenfalls als Zeugin geladen war, berichtet, der Vater des Angeklagten habe ihren Sohn mit dem Wagen verfolgt. Außerdem sei er abends mehrfach mit verschiedenen Autos am Haus der Familie vorbeigefahren. „Ich habe das als Einschüchterungsversuch empfunden“, erklärte sie vor Gericht.
„Ich bin nur spazieren gefahren und habe niemanden bedroht“, sagte der Vater des Angeklagten dagegen im Anschluss an die Verhandlung vor dem Landgericht Karlsruhe.
Bei der Vernehmung berichtete die 54-jährige Zeugin, die den Angeklagten schon lange kennt und im Oberderdinger Haus Edelberg lange Zeit eine alte Dame betreut hat, vom Tag des Brandes. Als sie von dem Feuer erfuhr, sei sie hingefahren, um nach der Bewohnerin zu schauen. Am Parkplatz habe sie den Angeklagten getroffen, der sich merkwürdig verhalten habe.

Merkwürdiges Foto

Merkwürdig fand sie auch, dass der Angeklagte ihr vor dem Brand im Altenheim ungefragt das Handybild eines Vermummten gezeigt und gefragt habe, ob sie jemanden erkenne. Dies verneinte sie. „Dies war aber nicht das Fahndungsbild der Polizei“, erklärte die Zeugin auf Nachfrage des Staatsanwalts mit Bestimmtheit. Der Vorfall habe sich ihrer Erinnerung nach zugetragen, bevor die Polizeibilder in der Öffentlichkeit zu sehen waren.

Merkwürdige Stürze

Schließlich erwähnte die Zeugin eine dritte Merkwürdigkeit. Zweimal habe ihr der Angeklagte erzählt, dass ein dementer älterer Heimbewohner aus dem Rollstuhl die Treppe hinunter gestürzt sei und er ihn gefunden habe. „Warum passieren immer solche Sachen, wenn du dabei bist“, habe sie ihn damals gefragt. Außerdem erinnerte sie sich noch daran, dass der Sohn des besagten Rollstuhlfahrers berichtet habe, dass sein dementer Vater jedesmal, wenn die Rede auf den Angeklagten gekommen sei, auffällig heftig mit einer Schutzhandlung reagiert habe.
Der Angeklagte „wirkt nach außen offen, freundlich und ehrlich, in Wirklichkeit ist er aber verschlossen, hat gelernt zu lügen und glaubt dann selber, was er sagt“, charakterisiert sie den jungen Mann. Er habe ihr oft von Dingen erzählt, die schief gelaufen waren. Als sie ihn einmal wegen einer solchen Sache angesprochen habe, hätte er geantwortet: „Das ist doch egal, der ist doch dement, der weiß das nicht mehr“. Mit Menschen, die klar im Kopf waren, sei er dagegen freundlich umgegangen, sagte sie bei der Befragung im Mordprozess.

Merkwürdige Drohung

Einen zwiespältigen Eindruck hinterließ ein Zeuge, dessen Name bei den bisherigen Vernehmungen im Oberderdinger Mordprozess immer wieder aufgetaucht war. Es handelt sich um einen Altenpflegehelfer, der von Oktober 2017 bis Frühjahr 2018 im Oberderdinger Haus Edelberg beschäftigt war. Er sei entlassen worden, weil er die Arbeit verweigert und sich manchmal im Ton vergriffen habe, sagte er vor Gericht freimütig aus. Dabei legte  er auch seine Krankengeschichte samt Vorstrafen offen. Bei Facebook hatte er sich negativ über das Altenheim geäußert, was ihm eine Unterlassungsklage einbrachte. Wiederholt hatte er gedroht, das Heim und Mitarbeiter anzuzeigen, weil die Bewohner dort schlecht behandelt würden. Nach dem verhängnisvollen Brand am Fronleichnamstag 2018 hatte er zu einem weiteren Zeugen gesagt, da habe es ja endlich mal die Richtigen erwischt. Und: Schade, dass das Haus nicht abgebrannt sei. So gab es der Zeuge auch bei seiner Vernehmung zu Protokoll, womit der ehemalige Mitarbeiter in den Kreis der Tatverdächtigen rückte. Denn die Vorgeschichte lässt zumindest die Vermutung zu, dass es sich bei der Brandlegung auch um einen Racheakt gehandelt haben könnte.
Auf Nachfrage des Richters dementierte der gekündigte Mitarbeiter dies jedoch. Am Brandtag habe er den ganzen Nachmittag über alleine zu Hause in Sternenfels „gechillt“.

Jacke zu eng

Schließlich griff der Richter einen Antrag des Verteidigers auf und ließ den Angeklagten die Feldbluse anziehen, die als Beweisstück bei einem Freund beschlagnahmt worden war. Als Grund, warum der Angeklagte die Jacke weggegeben habe, sagte der Freund, sie sei ihm zu klein gewesen. Beim Textiltest wurde offensichtlich, dass dies korrekt war: Die Jacke war dem Angeklagten in der Tat zu eng.

Termin

Der Prozess am Landgericht Karlsruhe wird am Freitag, 8. Februar, um neun Uhr fortgesetzt.