Am deutschlandweiten Töpfertag öffnete Herbert Wenzel in diesem Jahr zum 15. Mal seine Werkstatt-Tore.
Am deutschlandweiten Töpfertag öffnete Herbert Wenzel in diesem Jahr zum 15. Mal seine Werkstatt-Tore. | Foto: Thienes

Handwerk in der Region

Oberderdinger Töpfermeister geht es nicht um Gewinnmaximierung

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Es ist, als tauche er ab, sobald er sich über die Töpferscheibe beugt, als vertiefe er sich in eine andere Welt. Herbert Wenzel ist leidenschaftlicher Handwerker. Auch mit seinen 70 Jahren. Das ist am deutschlandweiten Tag der Töpferei zu spüren, als er in Oberderdingens Hinterer Gasse seine Werkstatttore öffnet. Es gehe ihm ums Handwerk, um Qualität und zufriedene Kunden.

Es gehe ihm nicht um Gewinnmaximierung. Man hört etwas wie Missbilligung aus diesem Satz heraus. Aber Körper und Mimik scheinen seine Worte zu unterstreichen. „Es ist ein toller Beruf. Ich liebe es, abends an meiner Ware vorbei zu gehen, bevor ich die Werkstatt schließe.“

In Afrika lernte er seine Frau kennen

Seit dem Gymnasium sei er begeistert vom Töpfern und ließ sich, wie so viele, vom Vater – „mit sanfter Gewalt“, sagt er – in einen zukunftsträchtigeren Beruf drängen. Wenzel wurde Ingenieur, kam nach Afrika. Er blieb zweieinhalb Jahre in Tansania, nahm wahr, wie gänzlich anders die Menschen dort lebten, wie nah sie sich waren, wie glücklich trotz Armut. Und Herbert Wenzel lernte dort seine Frau kennen.

 

 

Ein zartes Ikebana-Gesteck – „das hat meine Frau gemacht“ – begrüßt Eintretende in der Werkstatt. Allerdings kommen an diesem Wochenende nicht viele Besucher zu ihm, coronabedingt, anders als in den vergangenen 15 Jahren. Aber: „Es kamen viele sehr liebe begründete Absagen,“ sagt Wenzel.

Ruhe und bisschen heile Welt

Schlichte, konisch zulaufende Schüsseln reihen sich auf dem Regal aneinander, in der rohen, unglasierten Variante und in Schwarz oder tiefem Türkis. Sie lassen sich wunderbar platzsparend ineinander stapeln und sehen auch hübsch aus, wenn man sie offen in der Küche stehen lässt.

Leuchtenfüsse stellt Wenzel her und Uhren. Sie schmücken in verschiedenen Größen die Wand entlang der Treppe in eine Art Studio über der Werkstatt. Licht fällt gefiltert durchs offene Fachwerk. „Wir haben hier ein bisschen heile Welt“, sagt er und ergänzt, dass sie die auch mit etwas Verzicht bezahlen, aber das sei gut so. Sich zu reduzieren aufs Wesentliche könne auch gut tun. Er spricht so ruhig wie er sich bewegt.

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Auch Skulpturen stehen im Studio, Figuren, Spiegelrahmen und viel Geschirr. Besonders adrett sind einige filigrane Tassen, wie Japaner sie für die Tee-Zeremonie verwenden. Man möchte Vieles mitnehmen. Zwei junge Frauen treffen auch gerade ihre Wahl, beraten sich noch, während Herbert Wenzel an der Töpferscheibe vom guten Ton schwärmt. „Er ist von homogener Konsistenz, wird mit dem Alter je besser und hält man ihn feucht, kann er lange liegen.“ Wenzel kommt in Redefluss.

Es ist toll, wenn man abends an der eigenen Ware vorbeigeht und die Werkstatt schließt.

Herbert Wenzel, Töpfermeister

„Profis brauchen härteren Ton. Dann lässt er sich auch bei 1300 Grad brennen und ist nachher von lange nutzbarer Qualität“, schwärmt er. Bei feineren Tonstücken muss das Werk auf der Töpferscheibe trocknen, sonst verbiege man es nur beim Abnehmen. Früher verwendete er bis zu acht Tonnen Ton jährlich. Und ganz überwiegend formt Wenzel ihn auf der Töpferscheibe. Keine Gießformen, nein.

Nun sind es vielleicht noch 500 Kilo Ton im Jahr, schätzt er. Er möchte ja auch mit seiner Frau den großen Garten nutzen und reisen. Sieben Wochen lang fuhren sie durch Indonesien. Er fuhr selbst, quer durch, ganz durch, sagt er. Und die Menschen waren freundlich. Er und seine Frau fühlten sich überall sicher.

Vom Autodidakten zum Meister

Dann nimmt er das kleine Naturschwämmchen, drückt sachte und sichtlich mit Erfahrung gegen den Rand. Ein kleiner Bund entsteht, dann noch ein Schnabel. Das Kännchen gedeiht.

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Wenzel hat 20 Lehrlinge ausgebildet. Den Meister machte er am Keramikzentrum in Rheinland-Pfalz. Und es war ein Kampf, bis er zuvor den Gesellenbrief bekam. Er war ja Autodidakt, erzählt er. Aber einer, der sich durchzusetzen verstand. Nur, wer ihn nicht kenne, könne ihn für einen Träumer halten – „mit dem Beruf“, er lächelt verschmitzt.

Ausstellungen und Auszeichnungen

Das Haus in Sternenfels wurde schnell zu klein. Die Familie kam nach Oberderdingen. Viele Ausstellungen machte er, bekam 1990 den Staatspreis Baden-Württembergs, die höchste Auszeichnung für Töpferkunst.

Jetzt fertigt er zur Hälfte Auftragsarbeiten, meist Geschirr. Das sei in Ordnung. Er legt den Schwamm beiseite und wischt die Hände an der Schürze ab. An diesem Sonntag werden noch ein paar Besucher kommen, da ist sich der Meister sicher.