Der Bahndamm wurde bereits vor 100 Jahren aufgeschüttet: Dort wo jetzt der Feldweg zu sehen ist, hätten eigentlich die Gleise verlaufen sollen, die Bretten mit Knittlingen verbinden sollten. Im Juni 1919 begannen die Bauarbeiten, bis Februar 1923 waren sie beendet. Es fehlten nur die Gleise und das Stationsgebäude in Großvillars. | Foto: Rebel

Geringe Chance auf Umsetzung

Zabergäubahn bis Bretten: Renaissance für eine 100 Jahre alte Bahntrasse?

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Der Vorstoß des Oberderdinger Bürgermeisters, die Zabergäubahn bis Bretten zu verlängern hat für Aufsehen gesorgt. Die Vorstellung, dass man in Oberderdingen in eine Stadtbahn steigt und über Kürnbach nach Leonbronn oder über Knittlingen nach Bretten gelangt, hat ja ihren besonderen Charme. Und nach Lage der Dinge zumindest eine – wenn auch geringe – Chance, Wirklichkeit zu werden.

Pläne, die Orte Kürnbach, Oberderdingen und Knittlingen per Bahntrasse an Bretten anzubinden, gab es schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Trotz relativer Nähe zur Strecke Karlsruhe-Heilbronn konnten die beiden Orte Knittlingen und Kürnbach seinerzeit den Bau einer weiteren normalspurigen Staats-Erschließungsbahn Bretten-Kürnbach erreichen. Der badische Ort Kürnbach wäre somit über württembergisches Gebiet an seine badische Bezirksstadt Bretten angeschlossen worden.

Aus dem Jahr 1909 stammt diese Karte mit der der geplanten Bahntrasse (dünne rote Linie) von Bretten über Knittlingen, Großvillars, Oberderdingen und Kürnbach und von dort weiter nach Leonbronn. | Foto: Archiv: Berner

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde mit dem Bau der Bahntrasse begonnen. Doch bereits 1920 ließ die neue Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft als Nachfolger der Länderbahnen den Bau einstellen, weil andere Sorgen Vorrang hatten. Die Trassen waren weithin angelegt, nur die Gleise fehlten noch.

Und dabei blieb es.

Nur wenige Kilometer östlich von Kürnbach war bereits 1896 die schmalspurige Zabergäubahn von Lauffen am Neckar in Leonbronn angekommen. Bis 1986 rollte hier übrigens der Personennahverkehr, bis 1994 der Güterverkehr.

Leicht nachzuvollziehen, dass bereits Anfang des 20. Jahrhunderts der Wunsch aufkam, diese beiden Trassen miteinander zu verbinden.

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Pläne werden 1933 beerdigt

Doch dann tat sich über zehn Jahre nichts, 1933 wurden die Pläne endgültig beerdigt. Der Grund: Laut Untersuchungen der deutschen Reichsbahngesellschaft würde die Bahn Bretten-Kürnbach ihre Betriebskosten nicht einbringen und wäre somit eine Fehlinvestition.

Insbesondere, weil – Ironie der Geschichte – die Entwicklung des Kraftverkehrs den Bau unwirtschaftlicher Nebenbahnen verbiete.

Aus diesem Grund könne die für einen Bahnhof in Oberderdingen vorgesehene Fläche für Siedlungszwecke genutzt werden, teilte der Reichsverkehrsminister seinerzeit auf eine diesbezügliche Anfrage aus Oberderdingen mit. War der von den Nationalsozialisten favorisierte Straßenbau seinerzeit der Grund für den Verzicht auf die Bahntrasse, so ist es heute der überhandnehmende Straßenverkehr, der die Rückbesinnung auf die Schiene bedingt.

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Zabergäubahn mögliche Reaktivierungsstrecken

Auslöser für den neuerlichen Vorstoß des Oberderdinger Schultes war die Ankündigung des Stuttgarter Verkehrsministeriums im Sommer 2019, insgesamt 41 mögliche Reaktivierungsstrecken für den Schienenverkehr zu untersuchen. Die Zabergäubahn von Lauffen am Neckar bis Leonbronn gehört dazu.

Das Thema wurde denn auch im Verwaltungsausschuss des Landkreises Karlsruhe beraten. Der erteilte den Auftrag, die Reaktivierung von verschiedenen Strecken genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Trasse zwischen Bretten und Leonbronn gehört allerdings nicht dazu.

Doch was nicht ist, könne ja noch werden, dachte sich der Oberderdinger Schultes und schrieb an den Landrat. „Eine Stichstrecke, wie es die Zabergäubahn wäre, ist aus meiner Sicht nicht optimal“, argumentiert Nowitzki. Um dann die Planungen aus den 1920er und 1930er Jahren aus der Schublade zu holen. Weitaus besser wäre es doch, die Trasse von Bretten her über Knittlingen, Oberderdingen und Kürnbach an Leonbronn, heute Zaberfeld-Leonbronn, ans Karlsruher Netz anzubinden.

Ohne Vision keine Stadtbahn

„Auch wenn es vielleicht visionär klingt, sollte die damalige Planung mit durchdacht werden“, schreibt der Bürgermeister und erinnert daran, dass es ohne Visionen heute auch keine Stadtbahn aus Karlsruhe hinaus in die Region geben würde. Im weiteren schlägt Nowitzki vor, eine mögliche Verbindung der Zabergäubahn über Oberderdingen nach Bretten einmal mit dem Landkreis Heilbronn und dem Landratsamt Karlsruhe zu erörtern.

Nachbarkommune angetan

Mit seinem Vorstoß rennt der Oberderdinger Schultes bei seinem Knittlinger Amtskollegen Heinz-Peter Hopp offene Türen ein. Denn die Stadt Knittlingen mit ihren mehr als 8.000 Einwohnern hat ein großes Interesse an einer solchen umweltfreundlichen Mobilität auf der Schiene. „Wir hatten vor rund 15 Jahren bereits Untersuchungen bei der AVG in Auftrag gegeben, um festzustellen, wie eben diese Bahnstrecke mit Einbindung Knittlingens von Bretten her kommend am Steinbruch und am Wohngebiet Bergfeld vorbei reaktiviert werden kann“, bekundet Hopp.

 Dass dies nicht ganz billig sein würde, war uns damals schon klar.

Heinz-Peter Hopp

Die Knittlinger Vorschläge hätten die Stadt Bretten und der Landkreis seinerzeit aber leider nicht weiterverfolgt, bedauert Hopp. „Dass dies nicht ganz billig sein würde, war uns damals schon klar“, so der Bürgermeister, der sich freut, dass das Thema aufgrund der aktuellen Klimakrise jetzt endlich die notwendige Aufmerksamkeit bekommt. Immerhin lebten 60.000 potenzielle Bahnkunden im Nahbereich dieser Bahntrasse.

Der einige Bahnhof in Deutschland, der nie einen Zug gesehen hat, ist der in Knittlingen. Bürgermeister Heinz-Peter Hopp (links) – hier mit dem heutigen Eigentümer des Gebäudes, Wolf Ehrenberg, würde das gerne ändern.
Der einige Bahnhof in Deutschland, der nie einen Zug gesehen hat, ist der in Knittlingen. Bürgermeister Heinz-Peter Hopp (links) – hier mit dem heutigen Eigentümer des Gebäudes, Wolf Ehrenberg, würde das gerne ändern. | Foto: Rebel

Derweil betätigt Landrat Christoph Schnaudigel präventiv schon mal die Bremse. In seinem Antwortschreiben an den Oberderdinger Bürgermeister weist er darauf hin, dass die AVG in ihrer Machbarkeitsstudie zur Reaktivierung der Zabergäubahn im Jahr 2017 zwar zu dem Ergebnis gekommen sei, dass die Strecke reaktiviert werden könnte. Dies allerdings aufgrund des topografisch schwierigen Bereichs nur mit großem Aufwand.

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Hoffnung auf neues Verfahren

Die daraufhin erfolgte standardisierte Bewertung zur gesamtwirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Untersuchung habe bisher nicht das erhoffte Ergebnis gebracht. „Da es derzeit Bestrebungen gibt, das Standardisierte Bewertungsverfahren zu überarbeiten und weitere Kriterien wie Umweltaspekte zu berücksichtigen, bestehe die Hoffnung, dass das Ergebnis bei der Zabergäubahn anschließend positiv ausfallen könnte“, so der Landkreischef. So lange jedoch die Reaktivierung der Zabergäubahn noch fraglich sei, sollten Überlegungen zur Streckenverlängerung Richtung Bretten noch zurückgestellt werden.

Bretten: Bahntrasse ist gute Idee

In Bretten zeigt man sich aufgeschlossen für Nowitzkis Vorschlag. „Das ist eine gute Idee, die auch für Bretten etwas bringt“, erklärt Bürgermeister Michael Nöltner. Die Kosten schrecken ihn nicht: Man müsse das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu bekommen, zitiert er Hermann Hesse. Und sollte diese Bahnverbindung kommen, dann bräuchten man auf jeden Fall in diese Richtung eine zweigleisige Trasse.

Die Gemeinde explodiert ja förmlich

Sulzfelder Alt-Bürgermeister Eberhard Roth

Auch der Sulzfelder Alt-Bürgermeister Eberhard Roth zeigt sich von der Idee angetan, die Zabergäubahn über Oberderdingen und Knittlingen bis Bretten weiterzuführen. Insbesondere für Oberderdingen hält er einen Stadtbahnanschluss für dringlich: „Die Gemeinde explodiert ja förmlich“. So günstig wie Sulzfeld Anfang der 90er Jahre einen Stadtbahnanbindung bekam, wird es heute für die Gemeinde jedoch nicht ausfallen. Seinerzeit hatte der Bund 85 Prozent der Kosten übernommen, die Kommunen und der Landkreis teilten sich den Rest. Sulzfeld bekam ihren Stadtbahnhalt zum Schnäppchenpreis von 1,5 Millionen Euro.

Kommentar: Visonär
Straßen desolat und überfüllt, Brücken und Kanäle marode, Bahntrassen sanierungsbedürftig und überlastet: Die Infrastruktur in unserem Land wurde in den vergangenen Jahrzehnten mit Erfolg kaputtgespart. Es wird Zeit, dass sich hier etwas tut. Die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken ist in diesem Zusammenhang eine sinnvolle Initiative der Landesregierung. Gute Chancen, eine Renaissance zu erleben, hat dabei die Zabergäubahn. Die war schließlich noch bis Mitte der 1990er Jahre in Betrieb.
Und damit steht auch ein alter und nie ganz beerdigter Wunsch der Nachbargemeinden plötzlich wieder auf der Tagesordnung. Nämlich diese Bahntrasse bis Bretten weiter zu führen. Beim Bau der Stadtbahn vor 20 Jahren waren Oberderdingen, Kürnbach, Großvillars und Knittlingen leer ausgegangen. Der Öffentliche Nahverkehr muss seither mit Busverbindungen aufrecht erhalten werden – eigentlich kein Zukunftsmodell für wachsende Regionen und ihre Bürger.
Der Vorstoß des Oberderdinger Bürgermeisters hat das Thema wieder ins Bewusstsein gerückt. Die Überlastung der Durchgangsstraßen in Bretten und Umgebung, die ausgereizten Kapazitäten auf den vorhandenen Bahntrassen und die in wenigen Monaten anstehende Vollsperrung der Schnellbahntrasse Mannheim-Stuttgart lassen dringenden Handlungsbedarf erkennen. Die Klimakrise verstärkt als Hintergrundkulisse die Notwendigkeit, klimafreundliche Mobilitätsformen viel stärker zu fördern.
Die Idee mag zunächst illusorisch klingen. Doch ohne politische Weitsicht und mutige Visionen säßen wir heute noch in der Pferdekutsche. Es ist ja eine Ironie der Geschichte, dass just die Begründung, mit der man vor 90 Jahren den Bahntrassenbau eingestellt hatte, heute der eigentliche Grund für dessen Wiederaufnahme ist: der überhandnehmende Straßenverkehr. Insofern ist es eine gute Sache, die Möglichkeiten und Chancen sorgfältig zu prüfen.