Was so einfach klingt, scheint schwierig: Unter Schwarzlicht offenbart sich an Klinik-Aktionstagen manchmal, wie wichtig eine ausreichende Menge an Desinfektionsmittel und das gründliche Einreiben damit sind.
Was so einfach klingt, scheint schwierig: Unter Schwarzlicht offenbart sich an Klinik-Aktionstagen manchmal, wie wichtig eine ausreichende Menge an Desinfektionsmittel und das gründliche Einreiben damit sind. | Foto: Stollenberg

Multiresistente Keime

„Saubere Hände sind das A und O“ – Hygienikerin über die neue Gefahr durch MRGN

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Der Alltag von Sabine Gfrörer ist bunt. Die Hygienikerin an den RKH-Kliniken leitet ein großes Team, sie leitet und organisiert unter anderem mikrobiologische Untersuchungen oder berät beim Einkauf von Hygieneartikeln, wie etwa Atemschutzmasken, für die neun Standorte der Klinikholding. Es ist nicht lang her, als MRSA die Schlagzeilen füllten, multiresistente Keime. Doch heute warnt Gfrörer vor MRGN, ebenfalls multiresistente Bakterien – allerdings eine weit größere Herausforderung, sagt sie.

MRSA steht für „Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus“. Das sind Bakterien, die für Kliniken eine ernste Gefahr darstellen. Deutschland stehe diesbezüglich im europäischen Vergleich laut Robert-Koch-Institut (RKI) inzwischen aber gut da.

Bisher keine schweren Infektionen mit MRGN an den Kliniken

Sabine Gfrörer ist auch für Bretten und Bruchsal zuständig. Die Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektions-Epidemiologie: „MRGN sind gramnegative Erreger. Und gegen MRGN helfen gar keine Antibiotika mehr.“ Das macht den Infektionsschutz extrem wichtig. Das RKI schrieb 2012 von manchmal „einschneidenden klinischen Konsequenzen mit fehlenden Therapiemöglichkeiten und hoher Mortalität“, also hoher Sterblichkeit.

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Sabine Gfrörer, Infektions-Epidemiologin an den RKH-Kliniken, informiert über MRGN, multiresistente Bakterien und die wichtigste Waffe dagegen: Hygiene.
Sabine Gfrörer, Infektions-Epidemiologin an den RKH-Kliniken, informiert über MRGN, multiresistente Bakterien und die wichtigste Waffe dagegen: Hygiene. | Foto: Stollenberg

„Glücklicherweise sind in den RKH-Kliniken bislang keine schweren Infektionen mit MRGN aufgetreten“, sagt Gfrörer. Aber MRGN-Fälle zeigten erneut, dass Resistenzgefahren gesellschaftlich unterschätzt werden. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA), sieht Probleme vor allem für Kliniken, aber: „MRGN-Bakterien besiedeln auch etwa fünf von 100 Gesunden der Allgemeinbevölkerung.“ MRGN-Fälle steigen stets dort, wo Antibiotika inflationär verwendet werden.

Mit zu niedriger Dosierung züchtet man Resistenzen

Sabine Gfrörer, Hygiene-Fachärztin an der RKH-Kliniken Holding

Patienten fordern zu früh Antibiotikum

Beispielsweise müssten Antibiotika nicht immer zwingend zu Ende genommen werden. Laut Gfrörer seien die korrekte Indikation und das richtige Antibiotikum in passender Dosierung das Wichtigste. „Mit zu niedriger Antibiotika-Dosierung über lange Zeit züchtet man sogar eher Resistenzen.“

Die Fachärztin erinnert: „Antibiotika haben Nebenwirkungen. Sie können die normale Darmflora komplett zerstören und ein so verursachter Durchfall kann sogar tödlich enden.“ Sie kritisiert, dass manche Patienten zu schnell Antibiotika fordern: „Antibiotika helfen gegen Virus-Infekte überhaupt nicht, nur gegen Bakterien.“ Eins der schärfsten Schwerter der Medizin drohe so stumpf zu werden.

Patienten aus Hochrisikoländern werden isoliert

Manche Staaten, auch in Europa, gelten als Hochrisikoländer, weil dort Antibiotika frei am Markt verfügbar sind. „Wird ein Patient aus einem Hochrisikoland bei uns eingeflogen, wird er isoliert bis die Ergebnisse der Screeningabstriche feststehen“, sagt Gfrörer.

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Zumindest in der Veterinärmedizin bewege sich etwas, sagt Gfrörer. Zahlen des Umweltbundesamts von 2018 bestätigen ihre Aussage. Die Abgabemengen von Antibiotika aus der Tiermedizin gingen von 1.706 Tonnen im Jahr 2011 auf 742 Tonnen 2016 zurück.

Dagegen haben laut Umweltbundesamt die von Ärzten, Kliniken und Apothekern verordneten Mengen von 426 Tonnen 2011 auf 427 Tonnen im Jahr 2016 zugenommen.

Manche Erreger überleben Wochen auf Oberflächen

Im Brettener und Bruchsaler Hygiene-Team arbeiten drei Hygienefachkräfte. Sie wissen in aller Tiefe über das Bescheid, was die Kleinen schon im Kindergarten lernen: Saubere Hände sind das A und O. Denn der Hauptübertragungsweg vieler Erreger führt über die Hände. Viele Bakterien halten sich wochenlang auf Oberflächen: Je länger, desto besser ihnen das Milieu behagt – also meist länger auf feuchten und wärmeren Flächen.

Schwarzlicht offenbart Mängel

Darum unterbricht auch das Klinik-Personal die Ansteckungskette per Händedesinfektion – wieder und wieder. Jährliche Pflichtfortbildungen frischen die Kenntnisse auf. Was einfach klingt, scheint schwierig. „In Daumenfalte und Nagelfalz werden bei Klinik-Aktionstagen unter Schwarzlicht oft noch Stellen entdeckt“, so Gfrörer. Sie mahnt darum ausreichend Desinfektionsmittel und gründliches Einreiben an – ganz maßgeblich auch auf Intensiv- oder Neugeborenen-Intenstivstation.

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Das Personal ist zur Händesinfektion auch vor und nach der Versorgung von Wunden gehalten. Ob Mund-Nasen-Schutz oder zudem Schutzkleidung angeordnet wird, hängt von Erreger und Übertragungsweg ab. Der Verbrauch von Desinfektionsmitteln auf den Stationen geht in Vergleichsdaten ein und, so Ellen Locher:

Klinik-Mitarbeiter auf Desinfektion ansprechen

Ellen Locher, an den RKH-Kliniken zuständig für klinisches Risikomanagement

Patienten sollten Mängel ansprechen

„Im Übrigen dürfen und sollen Patienten jeden Klinik-Mitarbeiter darauf ansprechen, wenn er die Hände nicht desinfiziert, bevor er sie berührt.“ Locher ist im Qualitätsmanagement zuständig fürs klinische Risikomanagement. Erfreulich entwickle sich die Bereitschaft zur Händedesinfektion bei Besuchern.

In Gfrörers Team gibt es Hygiene-Beauftragte sowohl unter Ärzten als auch unter Pflegekräften. Als Multiplikatoren sind sie in ihren Bereichen zuständig für entsprechende Maßnahmen und zugleich Bindeglieder zwischen Hygiene-Team und Praxis.

Antibiotikum muss zum Erreger, zum Patienten und zum Infektionsort im Körper passen

Sabine Gfrörer, Hygiene-Fachärztin an der RKH-Kliniken Holding

Im mikrobiologischen Labor werden die Erreger nachgewiesen und identifiziert. Sie werden auf ihre Empfänglichkeit für diverse Antibiotika getestet; stehen dann mehrere wirksame zur Wahl, entscheidet der Arzt, der im direkten Patientenkontakt steht, welches er zur Anwendung empfiehlt. „Denn“, so Gfrörer, „das Antibiotikum muss zum Erreger passen sowie zum Patienten und zum Infektionsort im Körper.“

Ärzte können diesbezüglich auch Rücksprache mit den Klinik-Apothekern Alexey Zaichik und Andreas Reimer in Bretten und Bruchsal halten.