Legen gemeinsam Hand an: Fotokünstler Tom Rebel (links) und Brettens Oberbürgermeister Martin Wolff beim Aufziehen der Druckgrafik.

Marodes Gebäude wird verhüllt

Stadtkernsanierung per Fotokunst in Bretten

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So lässt sich Stadtkernsanierung auch betreiben: Man nehme ein Fotokunstwerk, drucke es auf eine riesige Plane und lasse dahinter ein unansehnliches Gebäude gleichsam verschwinden. Genau das passiert gerade in Bretten, wo ein Fassadenkletterer damit begonnen hat, das marode Landmesser-Gebäude an der Ecke Melanchthonstraße/Gottesackertor zu verhüllen. Schon jetzt kann sich das noch unvollendete Kunstwerk sehen lassen: Das marode Gebäude erfährt per Fotokunst eine ungeahnte Aufwertung, gerät gar zum Schmuckstück.

Fotokunst von Tom Rebel

„Die Idee für diese Verschönerung hatte die Familie Bräuning von der Erbengemeinschaft, der das Landmesser-Haus gehört“, berichtet Oberbürgermeister Martin Wolff. Von dem Gedanken war er sofort begeistert. Über die Umsetzung musste keiner der Beteiligten lange nachdenken, hatte doch der Brettener Fotokünstler Tom Rebel in den vergangenen Wochen die halbe Stadt mit überdimensionalen Kunstwerken geschmückt. Von der Anfrage bis zum fertigen Entwurf dauerte es deshalb keine Woche. Als zugrunde liegendes Motiv hat Rebel Kopfweiden gewählt – unbeschnitten, mit Schnee bedeckt, landschaftsprägend. Dass sie wie ein rotes Bambusgerüst vor blauem Himmel wirken, das das Dach wie auf Stelzen trägt, ist Kalkül, die farbliche Verfremdung ist Rebels Markenzeichen. Mit dem Ergebnis ist er zufrieden: „Die Farben sind toll geworden“, urteilt der Meister, der sein Werk erstmals in echt bestaunen kann.

Montage durch Industriekletterer

Für die Montage ist der Industriekletterer Christian Zakher mit seiner Frau Ulrike aus dem Allgäu angereist. Seit 20 Jahren montiert er Riesenposter an Gebäudefassaden, zumeist Werbung von Konzernen. Jetzt freut es ihn, dass er in Bretten Kunstwerke ins Stadtbild hängen darf. Auch die 25 Fotografiken von Tom Rebels Ausstellung „Dialog – Disput – Erneuerung“ hat er installiert.
Das Landmesser-Gebäude, in dem zuletzt ein Geschäft für Bücher, Papier und Schreibwaren untergebracht war, stellt eine besondere Herausforderung dar. Zum einen wegen des Giebels und der schrägen Winkel, zum anderen, weil es am Hang steht. Aus diesem Grund erfolgt die Montage des Transparents in zwei Abschnitten: Der großflächige Teil wurde gestern aufgezogen, das fehlende Giebelstück wird heute vermessen und nachgeliefert.

Fotokünstler und OB in den Seilen

Beim Aufziehen der Druckgrafik legt sowohl der Künstler, als auch das Stadtoberhaupt mit Hand an. Beide hängen kräftig in den Seilen um das Gewebe, das in einer Schiene läuft, an die richtige Stelle zu ziehen. Zug um Zug verhüllt das Kunstwerk das marode Mauerwerk. Bis zum Peter-und-Paul-Fest soll die komplette Hausfassade verschwunden sein.
„Das Haus hat eine lange Geschichte, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht“, informiert der OB, es sei eines der ersten Häuser außerhalb der Stadtmauer gewesen und zeitweilig auch als Gaststätte genutzt worden. Jetzt rücke das Gebäude wieder ins Blickfeld. „Vielleicht findet sich doch jemand, der es übernehmen und erhalten will“, hofft Martin Wolff.

Passanten begeistert

Erste Reaktionen blieben gestern nicht aus. Immer wieder bleiben Passanten stehen und freuen sich. „Wie toll, dass Du dieses hässliche Ding zuhängst“, sagt eine Dame zu Tom Rebel, der das Werk begutachtet, sich aber selbst nicht als Macher betrachtet. „Die Umsetzung hat die Stadt veranlasst und finanziert“, stellt er die Sache richtig. „Die Kosten für diese Fotokunst sind im Budget für das Stadtjubiläum enthalten“, mehr verrät Martin Wolff nicht.