Abseits der Gehwegmitte und damit nicht gut sichtbar fiel die Wahl des Standorts für die Verlegung der Stolpersteine in Flehingen aus. Künstler Gunter Dennig verlegte die Steine dennoch, um einen Eklat zu verhindern. | Foto: Waidelich

Abiturienten enttäuscht

Stolpersteine in Flehingen ins Abseits gerückt: Ausgrenzung von Opfern und beschämend für Nachfahren

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Stolpersteine sollen an Mitbürger erinnern, die dem Nazi-Terror zum Opfer gefallen sind. Sie werden üblicherweise gut sichtbar auf dem Gehweg vor den Wohnhäusern platziert, wo die Betroffenen zuletzt gelebt haben. In Flehingen hat man die Gedenksteine allerdings ins Abseits und damit aus dem Blickfeld gerückt.

Mit großen Hoffnungen und Erwartungen hatten sie sich für das Projekt „Stolpersteine“ engagiert. Doch bei der Verlegung in Flehingen folgte die große Ernüchterung: „Wir sind sehr enttäuscht darüber, wie die Sache gelaufen ist und was nun das Ergebnis ist“, sagt Patrick Opacic.

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Standort der Stolpersteine entwürdigend

Wir – das sind auch Caroline Eichenberg und Ian Deuerer und der ganze Leistungskurs Geschichte des Melanchthon-Gymnasiums (MGB). Auch einige Schüler des Edith-Stein-Gymnasiums gehören dazu. Sie alle hatten an diesem Projekt mitgewirkt, das Opfern des Nazi-Regimes ein würdiges Gedenken geben sollte.

Die Steine wurden verlegt, wo sie nicht auffallen.

Ian Deuerer

Was dann bei der Aktion herauskam, sei allerdings alles andere als würdig gewesen, monieren die Abiturienten. „Die Steine wurden – anders als es vorher abgesprochen war und wie es üblich ist – nicht auf der Gehwegmitte vor dem Wohnhaus, sondern abseits, fast auf dem Nachbargrundstück verlegt, wo sie nicht auffallen“, sagt Ian Deuerer.

Das sei entwürdigend und auch nicht im Interesse des noch lebenden Enkels David der jüdischen Familie Schlessinger. Der war eigens zu dieser Verlegung mit seiner Frau Pamela aus England angereist. „Wir waren auch alle ein wenig stolz darauf, dass wir mithelfen konnten, die Gedenksteine für diese Familie zu verlegen und so die Erinnerung wachzuhalten“, bekundet Caroline. Und dann kam es doch anders.

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Enkel des Ermordeten konsterniert

Auch David Schlessinger sei konsterniert gewesen, als die Verlegung in Flehingen über die Bühne ging. Er habe aber gute Miene zum bösen Spiel gemacht und sich seine Enttäuschung nicht anmerken lassen, berichten die Schüler. So erging es auch anderen, die dabei waren. Sie waren perplex und schwiegen, weil sie aus Respekt vor den Angehörigen keinen Eklat riskieren wollten.

Engagiert im Stolpersteinprojekt: (von links) Ian Deuerer (17) aus Jöhlingen, Caroline Eichenberg (17) aus Diedelsheim und Patrick Opacic (18) aus Bretten.
Engagiert im Stolpersteinprojekt: (von links) Ian Deuerer (17) aus Jöhlingen, Caroline Eichenberg (17) aus Diedelsheim und Patrick Opacic (18) aus Bretten. | Foto: Ebert

Vor zehn Jahren hatte es schon einmal den Versuch gegeben, die Stolpersteine in der Flehinger Bahnhofstraße zu verlegen. Doch die Hauseigentümer hatten sich geweigert, obgleich der Gehweg der Gemeinde gehört, und die Aktion damals verhindert. Die Steine wurden dann in einer Vitrine in der Flehinger Verwaltungsstelle ausgestellt.

Jetzt gab es mit dem Projekt des MGB einen neuen Anlauf. „Abgesprochen war mit Bürgermeister Nowitzki ein Termin mit den Hauseigentümern, dem Bauhof und uns als Organisatoren, um einen vernünftigen Platz zu finden“, berichtet Dirk Lundberg. Der Geschichtslehrer des MGB, hat das Projekt initiiert und begleitet es.

Doch diesen Termin habe es nie gegeben. Vielmehr habe der Bürgermeister die Sache hinter verschlossenen Türen mit der Familie ausgehandelt. „Wir haben über dieses Gespräch und sein Ergebnis nichts erfahren “, kritisiert Patrick Opacic. Man sei vielmehr vor vollendete Tatsachen gestellt worden.

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Gemeinde verteidigt Vorgehen

Von Bürgermeister Thomas Nowitzki war gestern keine Stellungnahme zu bekommen. Er sei im Urlaub, teilte das Rathaus auf Nachfrage mit. „Den Anstoß, erneut mit der Flehinger Familie über die Stolpersteinverlegung vor ihrem Haus zu sprechen, gab die Anfrage des Geschichtsleistungskurses des Melanchthon-Gymnasiums“, informiert die Oberderdinger Pressereferentin Barbara Lohner. Die dann erfolgte Platzierung der Steine sei der mit den Anwohnern ausgehandelte Kompromiss gewesen. „Der Bürgermeister war der Meinung, dass man die Leute mitnehmen müsse und nicht über ihre Köpfe hinweg entscheiden sollte“, bekundete Lohner.

Unsere Generation muss dafür sorgen, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Caroline Eichenberg

14 Monate lang hatten die Abiturienten mit viel Herzblut an diesem Thema gearbeitet, das bei ihnen einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. „Wir tragen keine Verantwortung für die Vergangenheit, sehr wohl aber für die Zukunft“, lautet ein Fazit von Patrick Opacic.

Caroline Eichenberg ergänzt: „Unsere Generation muss dafür sorgen, dass sich so etwas nicht wiederholt“, erklärt sie und hat dabei durchaus auch aktuelle politische Strömungen im Blick. Ein Satz hat sich bei ihr bei der Beschäftigung mit dem Thema tief eingeprägt: „Wer die Augen vor der Vergangenheit verschließt, wird blind für die Zukunft“.

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