Bei ihren Hausbesuchen ist die gelernte Altenpflegerin Martina Winkendick für viele ihrer Kundinnen und Kunden die wichtigste Ansprechpartnerin. Neben den pflegerischen Aufgaben sind ihr auch das Zuhören und das Gespräch wichtig.
Bei ihren Hausbesuchen ist die gelernte Altenpflegerin Martina Winkendick für viele ihrer Kundinnen und Kunden die wichtigste Ansprechpartnerin. Neben den pflegerischen Aufgaben sind ihr auch das Zuhören und das Gespräch wichtig. | Foto: Pröll

Rund um Bretten

Tabletten und Orangenmarmelade: Unterwegs mit einer ambulanten Altenpflegerin

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Martina Winkendick ist ambulante Altenpflegerin. Sie kümmert sich also um Senioren, die pflegebedürftig sind, aber noch zu Hause leben. Dabei verbringt sie täglich viel Zeit im Auto. Unsere Mitarbeiterin hat sie auf ihrer Tour begleitet.

Von unserer Mitarbeiterin Franziska Pröll

Mit einem Waschlappen reibt Martina Winkendick über den Oberkörper des alten Mannes. Immer wieder schüttelt der Husten seinen Brustkorb. Die Pflegerin lässt sich davon nicht beirren. Sie fährt mit ihren kreisenden Bewegungen fort und erkundigt sich nach dem Befinden des Mannes, der vor ihr im Bett liegt. Die Pflegerin bringt das Offensichtliche zur Sprache: Dem Senior geht es nicht gut. Seine Haut ist blass, der Oberkörper so mager, dass sich die Rippen deutlich darunter abzeichnen.

Nach der Körperpflege wird Winkendick der Schwägerin des Mannes dessen rechtes Knie und Unterschenkel zeigen. Beides hat sich bläulich verfärbt, weil es schlecht durchblutet wird. „Das ist ein Zeichen“, sagt Winkendick. Wofür, das sagt sie nicht. Die Angehörigen wissen ohnehin Bescheid. Sie ahnen schon länger, dass Ludwig Gärtner (Name geändert) nicht mehr lange leben wird.

Die Ausbildung begann sie vor 35 Jahren in Pforzheim

Martina Winkendick kennt nicht nur die richtige Dosierung der Medikamenten ihrer Klienten. Sie weiß auch, wie sie medizinische Auskünfte gegenüber Familienangehörigen am besten dosiert. Wo das Sichtbare für sich spricht, wo weitere Worte nur Schmerz verursachen würden, schweigt die Pflegerin. Das hat ihr Berufsleben sie gelehrt. Seit 35 Jahren ist sie Altenpflegerin.

Damals begann sie in Pforzheim ihre Ausbildung. Später wechselte sie ins katholische Altenheim nach Bretten, seit 18 Jahren arbeitet sie als ambulante Altenpflegerin im Betrieb von Armin Schulz.

Sieben Stunden mit dem Auto unterwegs

Winkendick versorgt also pflegebedürftige Menschen, die zu Hause leben. Etwa so viel Zeit wie sie sich um die Menschen kümmert, verbringt Winkendick im Auto. In der Regel fährt sie täglich dieselbe Tour, die sie durch mehrere Dörfer im Umkreis von Bretten führt. Rund sieben Stunden ist Winkendick unterwegs, anschließend erledigt sie Papierkram im Büro.

Zu 21 Pflegebedürftigen fährt Martina Wickendick an diesem Tag und hat jeweils sehr unterschiedliche Aufgaben.
Zu 21 Pflegebedürftigen fährt Martina Wickendick an diesem Tag und hat jeweils sehr unterschiedliche Aufgaben. | Foto: Pröll

Zum Beispiel schreibt sie Übergaben für ihre Kollegen. Zu Ludwig Gärtner wird sie notieren: „Deutlich verschlechterter Allgemeinzustand, zyanotische Verfärbungen am Knie, Hausarzt informiert.“ Die Pflegerin, die abends nach ihm schaut, kann sich so auf den Patienten einstellen.

Die Frühschicht beginnt um 6 Uhr

Martina Winkendick macht die Frühschicht, die um sechs Uhr beginnt. In den ersten 15 Minuten, der sogenannten Rüstzeit, checkt sie die Übergabe der Kolleginnen, packt Tablettenschachteln in einen Korb und holt Schlüssel aus einem der Schränke an der Wand. Viele Klienten haben dem Pflegedienst eine Kopie ihres Haustürschlüssels überlassen. So bleibt es der Pflegerin erspart, frühmorgens sturmklingeln zu müssen und die Kunden dadurch zu erschrecken.

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Die erste Klientin, eine ältere Frau mit Kurzhaarschnitt, liegt noch im Bett, als Winkendick ins Wohnzimmer tritt. „Guten Morgen“, ruft die Pflegerin. Die Frau öffnet ihre Augen. Winkendick dreht sie mit einem Hüftgriff schnell zur Bettkante hin und drückt sie an den Schultern nach oben. Auf den Rollator gestützt, geht die Frau ins Badezimmer. Dort erwartet sie die „Große Toilette“, das heißt: auskleiden, duschen, abtrocknen, eincremen, anziehen.

68 Angestellte im ambulanten Pflegedienst

Wer diese Leistung erhält, entscheidet der Medizinische Dienst der Krankenkasse (MDK). Er bestimmt, wie pflegebedürftig ein Mensch ist und welchen Pflegegrad er bekommt. Speziell ausgebildete Pflegefachkräfte oder Ärzte kommen dafür vorbei und überprüfen die Selbstständigkeit einer Person.

Manchmal bin ich die einzige Person, auf die ein Klient an einem Tag trifft.

Laut der aktuellen Erhebung des Statistischen Landesamtes waren im Dezember 2017 in Baden-Württemberg 398.612 Menschen pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes. Davon wurden 226.987 zu Hause ausschließlich durch Angehörige und weitere 75.303 durch ambulante Pflegedienste versorgt.

Wenige Handgriffe sind für die routinierte Pflegerin nötig, um die eng anliegenden Kompressionsstrümpfe anzuziehen.
Wenige Handgriffe sind für die routinierte Pflegerin nötig, um die eng anliegenden Kompressionsstrümpfe anzuziehen. | Foto: Pröll

Zum Beispiel durch den Pflegedienst von Armin Schulz, der 68 Angestellte hat. Über deren Unterstützung ist besonders froh, wer allein lebt. „Manchmal bin ich die einzige Person, auf die ein Klient an einem Tag trifft“, berichtet Martina Winkendick.

Viele Klientinnen sind Witwen

Bei ihrer Tour sind das meist verwitwete Seniorinnen. Ein paar von ihnen haben ein Porträt ihres verstorbenen Mannes über dem Sofa oder Bett aufgehängt. Eine Frau mit weißen Haaren etwa, die noch ganz verschlafen aussieht, als Winkendick ihr Kompressionsstrümpfe anzieht. Vielen Angehörigen fällt dieser Handgriff schwer, Winkendick benötigt dafür ungefähr zwei Minuten. „Jahrelange Übung“, meint sie und grinst.

Und natürlich weiß die Pflegerin: Während sie mit den Menschen arbeitet, arbeitet sie immer auch gegen die Zeit. Wie lange sie für welche Leistung braucht, wird genau dokumentiert. Auf dem Smartphone ist „Medi Fox“ installiert, eine App, die Winkendick und ihre Kolleginnen nicht nur zu ihren Einsatzorten lotst, sondern auch misst, wie lange sie sich bei wem aufhalten.

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Die Art der Pflege unterscheidet sich von Mensch zu Mensch

Auch das muss sein: Zeit für ein liebevoll gerichtetes Frühstück.
Auch das muss sein: Zeit für ein liebevoll gerichtetes Frühstück. | Foto: Pröll

21 Kunden versorgt Winkendick an diesem Tag, auf sehr unterschiedliche Weise: Einigen zieht die Pflegerin nur schnell Kompressionsstrümpfe über, andere bekommen mehr Unterstützung. Für Luise Meier (Name geändert) bestreicht Winkendick das Frühstücksbrot mit Orangenmarmelade. Auf den Geschmack kam die Seniorin durch ihre Pflegerin: „Ich habe zu ihr gesagt: Wenn man nichts mehr probiert, dann wird man alt.“

Winkendick schneidet das Brot in mundgerechte Stücke. Sie nimmt sich gerne Zeit dafür. Denn sie ist überzeugt: „Die Leute sehen das.“ Als Meier aus dem Bad kommt, freut sie sich über den gedeckten Tisch: „Oh, das ist ja ein tolles Frühstück.“

Wenn mich das alles nicht berühren würde, wäre ich kein Mensch.

Sind ihre Kunden selbst zu alt oder zu krank, um etwas zurückzugeben, spürt Winkendick die Dankbarkeit der Angehörigen. Bruder und Schwägerin von Ludwig Gärtner bieten ihr ein Glas Wasser an und fragen mehrmals, ob sie noch etwas brauche. Kurz vor dem Gehen, Winkendick hat ihnen gerade die blauen Verfärbungen des bettlägerigen Mannes gezeigt, wird sie von der Schwägerin umarmt.

Tränen schießen der blonden Frau in die Augen, auch Winkendick wischt sich eine Träne weg. Menschen gehen zu lassen, das ist ein Teil ihres Berufs. Der schmerzhafteste, sagt Winkendick: „Wenn mich das alles nicht berühren würde, wäre ich kein Mensch.“