Theresa Kraft in einem ihrer letzten Bundesliga-Spiele für den SV Böblingen | Foto: imago images

Theresa Kraft

Tischtennis-Spielerin aus Oberderdingen ist auch ein paar Klassen tiefer glücklich

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Wenn Theresa Kraft von ihrer Karriere erzählt, fällt es schwer, zu glauben, dass die Tischtennis-Spielerin aus Flehingen erst 24 Jahre alt ist. Da sind die Erfolge – Jugendeuropameisterin 2013 im Doppel, mit 18 das erste Spiel in der Bundesliga – aber eben auch die Rückschläge, die Enttäuschungen. Wofür andere eine ganze Karriere benötigen, durchlebte Kraft im Zeitraffer. Im Frühjahr 2019 hatte sie genug. Sie stieg aus.

Ihr letztes Spiel mit dem SV Böblingen machte sie am 24. März, ausgerechnet gegen ihren langjährigen Club, den TV Busenbach. Sie verlor beide Einzel mit 2:3. Es war genau das, was den Ausschlag gab. Der kleine Tick, der fehlte. „Ich wusste, dass ich mir und meiner Mannschaft nicht mehr gerecht werde“, begründet Kraft die Entscheidung, die so ziemlich alles auf den Kopf stellte, wofür die Flehingerin in der ganzen Zeit gearbeitet hatte.

Von der Bundesliga in die Landesklasse Württemberg

Fast ein Jahr später sitzt Theresa Kraft in der Halle des TTC 73 Oberderdingen und macht einen sehr aufgeräumten Eindruck. Beim Spielen ist sie fokussiert wie immer, auch wenn die Gegner jetzt andere sind. Ging es in der vergangenen Saison noch gegen die Top-Clubs aus Berlin und Kolbermoor mit Weltklasse-Spielerinnen wie Nina Mittelham und Svetlana Ganina, heißen die Kontrahenten heute TSF Ditzingen oder wie an diesem Samstag TV Markgröningen.

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Denn ganz konnte sich Kraft von ihrem Schläger natürlich nicht verabschieden. In Oberderdingen, wo sie sich viele Jahre auf ihre Bundesliga-Partien vorbereitete, spielt sie jetzt in der Landesklasse, Gruppe 2, des Tischtennisverbandes Württemberg-Hohenzollern bei den Männern mit.

„Das hat ein bisschen gedauert, bis ich überhaupt wusste, wie die Liga heißt“, sagt Kraft und lacht. Auch vieles andere war neu: Sie musste lernen, Spiele selbst zu zählen, Platten aufbauen, all das, was in ihrer Zeit als Junioren-Nationalspielerin und in der Bundesliga andere machten. Und noch etwas ist anders: „Das Mannschaftsgefühl ist wirklich super“, sagt Kraft. Die gemeinsamen Ausflüge, die Feste, all das was in einem Dorfverein völlig normal ist. Vielleicht war es auch das, was ihr in diesem Hamsterrad Profi-Tischtennis gefehlt hatte.

Kraft zählte zu den größten Talenten im Land

Schon mit sechs Jahren fing die Flehingerin an, Tischtennis zu spielen. Schnell war klar, dass sie talentierter ist als die Gleichaltrigen. Reihenweise gewann sie mit dem TTC Flehingen auch gegen Jungs – die Möglichkeiten bei ihrem Heimatverein waren schnell erschöpft.

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So ging es zum Regionalen Spitzensportzentrum in Busenbach, mit zwölf Jahren spielte Kraft bereits in der Badenliga bei den Frauen mit. Über die Oberliga ging es 2010 in die Zweite Liga, 2013 gelang dann der Aufstieg in die deutsche Eliteklasse. Im selben Jahr hatte sie als eines der größten Talente des Landes gemeinsam mit Mittelham den EM-Titel der Junioren im Doppel gewonnen.

Theresa Kraft im Februar 2014 bei den Deutschen Meisterschaften im hessischen Wetzlar. | Foto: Imago images

Doch in diesem Tempo ging es natürlich nicht weiter. Eine folgenreiche Entscheidung stand an. Wollte es Kraft als Profi probieren? Das hätte bedeutet, aus Flehingen wegzuziehen, die Grundausbildung bei der Bundeswehr zu machen, in Düsseldorf zu trainieren. Kurz: alles für das Tischtennis aufzugeben. Sie wollte nicht. „Dazu bin ich auch zu sehr Familienmensch“, sagt sie. Ihren Eltern habe sie sehr viel zu verdanken. Sie entschied sich für eine Ausbildung zur Jugend- und Heimerzieherin.

Manchmal kommt mir das hier vor wie ein zweites Leben

Dann kamen harmonische Probleme in der Mannschaft. „Der psychische Druck war sehr hoch“, erinnert sich die 24-Jährige. Für sie war er zu hoch, sie wechselte zum SV Böblingen, wo es zunächst sehr ordentlich lief. „Ich bin dort sehr gut aufgenommen worden, hatte eine gute Zeit und konnte mich spielerisch ohne Druck entfalten“, blickt sie zurück. Der schwere Rückschlag kam dann 2017. Thrombose im Bein.

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Ein halbes Jahr musste Kraft aussetzen, so richtig erholte sie sich davon aber nicht mehr. „Das viele Training, die langen Fahrten – ich musste einfach feststellen, dass ich nach der Verletzung nicht mehr die gewohnte Leistungsfähigkeit für die Bundesliga abrufen konnte“, sagt sie. Die Entscheidung, aufzuhören, sei eine sehr emotionale gewesen. All die Jahre des Trainings, der Entbehrung. Das Leben für den Sport. All das von einem Augenblick auf den nächsten aufzugeben …

Der Druck ist weg, der Ehrgeiz ist geblieben

Theresa Kraft zog es durch. Und sie lebt heute gut damit. „Es war trotzdem eine tolle Zeit, diese ganzen Lehrgänge und Turniere mit den Mannschaftskollegen“, sagt sie. Doch sie bereut nichts. In Oberderdingen sei sie sehr gut aufgenommen worden. „Manchmal kommt mir das hier vor wie ein zweites Leben, eine ganz andere Welt“, findet Kraft. 19 ihrer 20 Duelle hat die Flehingerin, die im Enzkreis in der Schulkindbetreuung arbeitet, in dieser Saison gewonnen.

Dabei werde sie schon ganz gut gefordert. „Den Gegnern ist der Ehrgeiz schon anzumerken, so gegen eine ehemalige Bundesligaspielerin und dann auch noch eine Frau“, sagt Kraft und lacht erneut. Ohnehin lacht die 24-Jährige viel. Der Druck ist weg, nur der Ehrgeiz ist geblieben. Ob es irgendwann ein Zurück gibt in die Bundesliga? „Ich schließe es nicht aus, aber im Moment mache ich mir keine Gedanken“, sagt Kraft. Als die eine Tür zuging, ist eben eine ganz neue aufgegangen, hinter die sie vor ein paar Jahren nie geschaut hätte.