Zwei, die sich trauen: Ayse und Eray Özdemir wollen im Juli in Kroatien Urlaub machen. Franziska Lahm erklärt ihnen, was dort nächsten Monat unter Corona-Bedingungen aller Voraussicht nach gehen könnte. Es ist die einzige Reisebuchung, die sie am Samstag hat. | Foto: Kopf

Corona-Regeln verunsichern

Unzählige Fragen begleiten die neu erwachende Reiselust nach Corona

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Der Reiseverkehr nimmt zu. Obwohl Corona noch manche Restriktion mit sich bringt und die Bundesregierung mit ihrer jüngsten Entscheidung auch nicht gerade Hoffnung macht, ist zeitweise sogar richtig was los bei den Reisebüros der Region. Dabei stört es nicht, dass mancher Reisevermittler gar nicht erst die Türen aufschließt. Wer jetzt in die Ferne schweift, ist online unterwegs – zumeist jedenfalls, auch bei Reisebüros.

Es gibt also kein Licht am Himmel der von der Viren-Pandemie schwer getroffenen Branche? Peter Wagner von Eberhardt-Reisen jedenfalls sieht es nicht. Dass jetzt angesichts von 160 Ländern, für die weiterhin Reisewarnungen gelten, ein Run einsetzen könnte für ein paar Urlaubstage im Herbst, glaubt er schon gar nicht. Sein Geschäft bleibt zu am Samstag.

Nicht selber stornieren, sondern abwarten bis der Veranstalter absagt.

Heidi Samsony vom Pforzheimer Reisebüro

Nicht jeder Kollege tut es ihm gleich. Beim Pforzheimer Reisebüro muss die Kundschaft am Samstagvormittag zum Teil sogar warten, bis einer der drei Mitarbeiter frei ist. „Wir sind in Kurzarbeit. Wir haben viel zu tun“, sagt denn auch Heidi Samsony. Es geht dabei allerdings weniger um die Aussicht auf den nächsten Urlaub als um die Frage, wie bekomme ich mein Geld zurück.

„Aber das dauert, auch bei der Lufthansa können wir nichts machen, bis klar ist, wie sich das Unternehmen ausrichtet“, sagt die Fachfrau und hat einen wichtigen Tipp: „Nicht selber stornieren, sondern abwarten bis der Veranstalter absagt.“

Nicht jeder will das wissen, der jetzt ins Ladengeschäft kommt. „Wer kein Internet hat, erkundigt sich auch schon mal wann der nächste Flixbus ins Ausland fährt“, erzählt Samsony.

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Die Leute sind auf der Pirsch

Wolfgang Lübeck vom Tui-Reisebüro in Bretten

Wie groß die Reiselust inzwischen ist, können die Anbieter bei ihren Online-Angeboten nachvollziehen. Wolfgang Lübeck zum Beispiel beobachtet ebenso wie Peter Wagner, „dass die Leute auf der Pirsch sind“. Das führe nicht gerade zu Buchungen, sagt der Inhaber eines Tui-Reisebüros in Bretten. Aber die Kundschaft ist zumindest wieder da.

Urlaub in Sicht: Wolfgang Lübeck hat jetzt auch wieder Kundschaft im Reisebüro, die tatsächlich an mögliche Ferienziele denkt. Buchungen bleiben aber noch die Ausnahme. | Foto: Rebel

Einen Beleg dafür, dass sich jenseits von Stornierungen zumindest ein kleinwenig etwas bewegt beim Geschäft mit dem Fernweh, liefern auch zwei Reiseanbieter aus Pforzheim, denen nach eigenen Angaben schlicht die Zeit fehlt für ein Gespräch über das, was geht. Wo Kurzarbeit regiert, haben Inhaber alle Hände voll zu tun, heißt es hier wie dort am Telefon.

Grünes Licht vom Auswärtigen Amt beantwortet keine Fragen

Inhaltlich ist das ein mühsames Geschäft. Denn auch bei den europäischen Ländern, für die das Auswärtige Amt am Mittwoch grünes Licht gegeben hat, interessieren die Leute schier unzählige Fragen, bevor sie dem Drang in die Ferne oder zumindest nach Sonne, Strand und Spaß, wahlweise Kunst, Kultur und Kulinarik nachgeben.

Gibt es Maskenpflicht und wenn ja, wo und wann? Sind Strände frei zugänglich? Kann ich essen gehen, wie ich will, oder nur auf Anmeldung? Gibt es Büffet oder wird am Tisch auf Tellern serviert? Und vor allem, wie komme ich heim, wenn coronamäßig wieder alles von vorne los geht?

Die Kunden wollen weg, aber nicht mit Mundschutz am Strand liegen

Wolfgang Lübeck vom Tui-Reisebüro in Bretten

„Versuchskaninchen sind gefragt“, bringt Lübeck die vielschichtige Unsicherheit auf den Punkt. Wenn die ersten Erfahrungen aus Italien, Frankreich und Spanien vorliegen, wird es leichter, glaubt er. „Die Kunden wollen weg, aber nicht mit Mundschutz am Strand liegen.“

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Neue Ziele im Programm der Busreise-Touristiker

Große Ausnahmen bei alledem sind das Reiseland Deutschland, gefolgt von Südtirol und Österreich. Und hier knüpfen Wagner und andere Anbieter von Busreisen an. Seine erste Tagesfahrt nach drei Monaten Corona-Krise, die auch als Individualreise gebucht werden kann, führt am Mittwoch nach Freinsheim in der Pfalz. Das kenne kein Mensch, sei aber „unheimlich toll“.

Wir sind ausgeschwärmt und haben auf viele schöne Dinge eine ganz andere Sichtweise bekommen.

Peter Wagner von Eberhardt-Reisen in Pforzheim

Dass es der Ort überhaupt ins Programm von Eberhardt-Reisen geschafft hat, ist wie vieles dieser Tage nicht ohne Corona denkbar. „Wir sind ausgeschwärmt und haben auf viele schöne Dinge eine ganz andere Sichtweise bekommen.“ Wagner und sein Team geben mit ihrer Zielsetzung auch eine Antwort auf das viel beklagte Zuviel, Zuweit, Zuanstrengend. Zavelstein mit seinem Korbbänkle und dem Trostwortbaum sei ebenfalls so ein Kleinod auf der Reisekarte, das die 22. Fahrt nach München locker ersetzen kann.

Kein Verständnis für Kampfpreise

Kein Verständnis hat der Pforzheimer Reisekaufmann dafür, dass seine Branche mit Kampfpreisen auf die Not reagiert, die die Pandemie mit sich bringt. „Der Ansatz, mit billig in die Normalität zurück zu wollen, wird ein großes Problem“, sagt Wagner. Gesundes Wirtschaften bedeute, dass für eine geleistete Arbeit auch bezahlt wird.

Wolfgang Lübeck in Bretten sieht sich ebenfalls mit Preissenkungen konfrontiert. „Auch das lässt viele abwarten“, räumt er ein. Je nach Reiseziel rät er selbst dazu. Zum Beispiel sei in Mallorca alles andere als klar, welche 300 der 1.400 Hotels zur Verfügung stehen, wenn es im Juli wieder los geht.