Cybermobbing ist eines der großen Probleme an Schulen. Seine Folgen sind schwerwiegend, so Experten.
Cybermobbing ist eines der großen Probleme an Schulen. Seine Folgen sind schwerwiegend, so Experten. | Foto: dpa

Mehr Verhaltensauffälligkeiten

Warum ein Brettener Schulleiter immer öfter die Polizei ruft

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Er hat als Rektor schon einige Male die Polizei gerufen, sagt Wolfgang Mees, Geschäftsführender Schulleiter in Bretten. Oft aus strategischen Gründen. Er leitet die Schillerschule Bretten, eine Grund- und Werkrealschule. Und er ist besorgt über die Zunahme an „Baustellen“, die manches Lehrerkollegium neben dem normalen Schulstoff zu bewältigen habe. Mit diesen Sorgen ist er indessen nicht allein.

Andreas Rapp ist Leiter des Referats Schulpsychologische Dienste beim ZSL (Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung). Er formuliert: „Lehrkräfte teilen uns vermehrt mit, dass es heute größerer Anstrengung bedarf, den Unterricht zu halten gegen die gegebene Anzahl an Störungen.“

Mit Kriegstrauma in der Klasse

Respektlosigkeit oder Cyber-Mobbing als verschiedene Grade von Grenzüberschreitungen, Sprachbarrieren oder traumatisierte Kinder, die Ängste aus Kriegsgebieten mitbringen und viel Einfühlungsvermögen brauchen – diese Beispiele nennt Wolfgang Mees unter vielen. Ein lernwilliges, fleißiges Mädchen reagiere unvermittelt extrem verängstigt, sobald eine Sirene ertöne.

In unseren Schulen schlägt auch die Weltpolitik auf.

Wolfgang Mees, Geschäftsführender Schulleiter in Bretten

Fordert ein Vater von Mees, seine Tochter zwischen Jungen wegzusetzen, erläutere er, dass in Deutschland Koedukation herrsche und warum sie positiv für den Umgang mit dem anderen Geschlecht ist. Mees: „Bei uns in den Schulen schlägt auch die Weltpolitik auf.“

 

Wolfgang Mees ist Geschäftsführender Schulleiter in Bretten. E sorgt sich um Kinder und Jugendliche.
Wolfgang Mees ist Geschäftsführender Schulleiter in Bretten. Er sorgt sich um Kinder und Jugendliche. | Foto: Dederichs

Er ist seit 40 Jahren im Dienst. Ein großes Problem sei das Cyber-Mobbing. Wo Schüler in WhatsApp-Gruppen andere beleidigen, beschimpfen, regelrecht fertig machen, „da leiden die Gemobbten schwer“.

Im digitalen Kanal sieht man den Schmerz nicht.

Dass die Täter den Schmerz des Gegenüber nicht sähen, das Leid nicht mit erleben, das senke die Hemmschwelle. „Stünde man sich gegenüber, käme einem das nicht über die Lippen, was da oft verschickt wird,“ sagt er.

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Gegen Cyber-Mobbing hilft kein heimischer Schutzraum

Solche Lästerblasen – sie sind ihm auch aus anderen Schulen bekannt – macht er manchmal zum Klassenthema, ohne Namensnennung, betont er. Es komme vor, dass er neben der Polizei schon mal die Eltern hinzu rufe. „Je nach Schwere handelt es sich um Straftaten. Und die Eltern gucken dann genauer hin, werden aufmerksamer. Mit der Polizei setzt man ein deutliches Signal, das sagt: Grenze erreicht!“

Wer glaubt, dass heute Mobbing heißt, was man früher Hänseln nannte, verkenne Tragweite und Folgenschwere, ist klicksafe zu entnehmen, einer Hilfs-App für Cyber-Mobbing. Das Hänseln fand in überschaubarem Personenkreis statt und war örtlich auf Schulhof oder Heimweg begrenzt.

Das Opfer konnte dem also in den heimischen Schutzraum entkommen. Cyber-Mobbing zieht weit größere Kreise und ist weit länger gegenwärtig. Es verfolgt die Betroffenen bis heim, so klicksafe. Die App bietet auch praktische Hilfen und Kurse.

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Schulsozialarbeiter unterstützen die Lehrkräfte

Mangelndes Verantwortungsbewusstsein sei ein weiteres Problem, so Mees. Kürzlich schickte er einen Schüler zu einem Geschäft zurück, in dem der Junge etwas gestohlen hatte. „Wir ziehen bei solchen und ähnlichen Vorfällen stets Schulsozialarbeiter hinzu.“ Der Junge sollte sich sofort entschuldigen gehen. Umgehend auf Fehlverhalten zu reagieren, sei immens wichtig für nachhaltige Erfolge.

Das bestätigt Bernhard Brenner, Leiter des Polizeireviers Bretten. Er hat ein Beispiel dafür, wie es nicht laufen sollte: Ein Jugendlicher habe über Internetforen einen Dunkelhäutigen rassistisch verunglimpft und dafür auch Hakenkreuze verwendet. Auf die polizeiliche Vorladung kam aber nicht der Junge zum Revier. „Die Eltern schickten einen Anwalt.“

2019 mehr Polizeieinsätze auf dem Schulhof

Verantwortung tragen zu lernen, funktioniere so nicht, meint der Polizeibeamte. Straftaten generell – vom Diebstahl über Körperverletzungen bis zu Drogendelikten – erforderten auf den Schulhöfen in Bretten 2015 noch 31 Polizeieinsätze. Für 2019 sind über 50 Einsätze prognostiziert, vorbehaltlich der Veröffentlichung exakter Zahlen des Innenministeriums.

Nicht jedem Fehlverhalten liegt eine psychische Auffälligkeit zugrunde. Aber andauerndes Überschreiten von Grenzen hat Folgen, schafft Leid. Was an Schulen täglich spürbar ist, schlägt sich so auch bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KVV) Baden-Württemberg nieder. Sie teilt mit, dass bei Psychotherapeuten für Kinder- und Jugendliche 2010 noch 52.400 Fallzahlen registriert wurden. 2018 waren es 78.000 – eine Steigerung um mehr als 50 Prozent.

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Kassenärzte: Fallzahlen haben sich deutlich erhöht

Auch bei Psychiatern ist die Fallzahl laut KVV um 7,8 Prozent im gleichen Zeitraum gestiegen. Allerdings würden manche Sonderverträge bei Therapeuten nicht über die KVV abgerechnet. Auch enthalten die Zahlen der Psychiater nicht die der Institutsambulanzen für Kinder und Jugendliche.

Die KVV aber: „Die Fallzahlen haben sich deutlich erhöht“, auch wenn der Anstieg dadurch mit entstehen könne, dass Eltern häufiger als früher mit ihrem Kind zum Therapeuten gehen oder Kinderärzte dies zudem häufiger empfehlen. Laut KVV kämen auch traumatisierte Flüchtlingskinder hinzu.

Wir stellen eine erhöhte Sensibilität fest seitens Schülerinnen, Eltern und Lehrenden.Vieles wird nicht mehr bagatellisiert.

Andreas Rapp (Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung)

Ähnlich auch Andreas Rapp vom Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung: „Wir stellen eine erhöhte Sensibilität fest seitens Schülerinnen, Eltern und Lehrenden. Vieles wird nicht mehr bagatellisiert, sondern mit Ansprechpartnern geteilt.“ Dadurch stiegen statistische Zahlen eventuell an.

Oft beginnen Probleme früher, so Mees. Manches Kind spreche kaum Deutsch, da es entweder zwar im Kindergarten angemeldet, aber zu selten dort sei oder gar nicht angemeldet werde. „Sie kommen in Vorbereitungsklassen an der Johann-Peter-Hebelschule.“ Dort lernen Grundschüler Deutsch, indem sie zugleich das hiesige Zusammenleben thematisierten.

In Jogginghosen zur Arbeit?

Bei älteren Schülern heißt das Angebot dann Demokratiebildung. Mees: „Oder auch Menschenbildung.“ Es beinhaltet Grundsätzliches zur Art und Weise des Zusammenlebens. Es beginnt bei angemessener Kleidung von Azubis. „Wir bringen ihnen bei, dass man nicht in Jogginghose den Arbeitgeber vertreten kann.“

Mees ergänzt um die schulischen Angebote seiner Schule: gemeinsames Kochen zu Ramadan oder das Miteinander mit Gesten zu feiern: „Ich mag dich“ zu bekunden, indem man Blumen verschenkt – das gehöre jetzt am Valentinstag beispielsweise dazu. Aber die ganze Vielfalt der schulischen Palette wäre ein eigenes Thema.