Anstehen für Eiernudeln. Die Schlange war am Samstag auf dem Wochenmarkt in bruchsal länger als sonst, bestätigt die Marktbeschickerin.
Anstehen für Eiernudeln. Die Schlange war am Samstag auf dem Wochenmarkt in bruchsal länger als sonst, bestätigt die Marktbeschickerin. | Foto: Thienes

Unterwegs in Innenstädten

Verschwörungstheorien und Vernunft beim Stadtbummel in Bruchsal und Bretten

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Als Gesprächsthema ist es allgegenwärtig, das Virus. Und die Meinungen gehen auseinander. Ist es nun eine echte Gefahr oder ist in ein paar Wochen alles vergessen wie bei BSE oder Ehec? Obwohl die Einschränkungen sichtbar und spürbar sind, gedeiht so manche merkwürdige Theorie in den Bruchsaler und Brettener Innenstädten.

Trauben von Menschen stehen am Samstag bis gegen Mittag vor den Türen der Büchereien, in Bruchsal wie in Bretten und unterhalten sich über das Virus. Sie wollen Lektüre zurückgeben und sich mit neuem Lesestoff eindecken, so Anette Giesche, Leiterin der Stadtbibliothek Bretten.

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Auch sonst ist es alles andere als ruhig in beiden Städten – anders, als man nach den Ansprachen der Kanzlerin und des Gesundheitsministers hätte vermuten können, die aufriefen, Sozialkontakte zu reduzieren.

Haltbare Lebensmittel auf den Märkten gefragt

Auf dem Wochenmarkt in Bruchsal stehen viele Schlange für Eiernudeln vom Geflügelhof Eichinger. Mitarbeiterin Ida Benz bestätigt, die Schlange sei sonst nie so lang. Auf Frage hin stünden aber alle für frische Eier an. Äpfel und Kartoffeln gehen bei Andi Gerwecks Gemüse- und Obsthandel derzeit deutlich besser als sonst. „Haltbares eben“, sagt er.

 

Drei Stammgäste im Extrablatt kommen jeden Mittwoch und Samstag hierher. Peter Müss (76), Gerhard Hinz (61) und der gar 85-jährige Werner Gessler kennen sich seit Jahrzehnten, vom Sport in der ehemaligen Siemens Faustballergemeinschaft. Und sie wollen sich ihre Treffen nicht nehmen lassen, da sind sie sich einig – nun, so lange die Gastronomie geöffnet sei. Gedanken trieben sie schon um.

Umsatzrückgänge sind zu spüren

Ob die Gastronomie geschlossen werde, sei nicht die Frage, nur wann, ist sich Ramasan Ertürk sicher. Der Inhaber des Extrablatt glaubt, das lasse nicht lange auf sich warten. Umsatzrückgänge seien schon zu spüren. Nur abends laufe es noch gut. In den ruhigen Zeiten jetzt würden Aufgaben erledigt, zu denen man sonst selten komme, sagt er. Auch wenn er sich nicht auf die Zwangspause freue, versteht er deren Notwendigkeit.

Nie war das Kino so leer.

Jörg Dickgießer, Brettener Konzertfan

Ticketverkäufe für Events aller Art gehen laut Jenny Soueis von der Tourist-information Bruchsal naturgemäß aktuell merklich zurück. Ob Rückgabe gegen Erstattung erfolge oder der Termin verschoben werde, sei von Veranstalter zu Veranstalter verschieden. Die Kunden würden allerdings informiert, auch von der Touristinfo Bruchsal.

Alle Informationen gibt es auf bnn.de/coronavirus

Das letztes Konzert einer Lieblingsband

Am Freitag sei das Kino so leer gewesen wie nie, berichtet Jörg Dickgießer, der sich hier eine Konzertkarte für Juli besorgt. „Und ich habe das letzte Konzert von Stoppok gesehen, so ein Glück“, erzählt er vom Donnerstag in Remchingen. Denn danach hieß es, der Drummer fliege nach den USA zurück aus Angst, nicht mehr reinzukommen. „Und es gab eine Rolle Klopapier für jeden als Gag“, sagt Dickgießer.

 

In 30 Jahren nie die Schulen geschlossen

Karin Gremmelmaier, Lehrerin in Bretten

„Ich habe keine Angst“, sagt Karin Gremmelmeier. Sie sitzt mit Freundinnen gemütlich vor Zeljkos Kiosk am Markt in Bretten. Die Lehrerinnen müssen ab Dienstag den Unterricht von zuhause aus organisieren. „Tja, Theater wäre heute Abend in Pforzheim gewesen“, sagt sie. „Und in 30 Jahren, in denen ich unterrichte, haben sie noch nie die Schulen geschlossen.“ Sie sei sicher, dass das noch nicht das Ende der Fahnenstange sei. Ein bisschen mehr eingekauft hat sie darum auch schon.

Die Zeit für Verschwörungstheorien

Über gute Geschäfte freut sich Martina Stiny, Marktbeschickerin aus der Pfalz, die in Bretten den Wochenmarkt gerne besucht. Denn wo die Menschen nicht mehr so häufig ausgingen zum Essen und nicht mehr verreisen dürften, kauften sie derzeit sogar mehr bei ihr ein als sonst. „Ich glaube, das ist in ein paar Wochen alles vergessen. Das war so mit BSE und das war so mit Ehec“, meint sie. „Und wenn alle ihre Hände so gründlich waschen, wie ich, ist das so.“

Gabi Lutz will auch nicht recht an eine große Gefahr glauben und hat ihren Urlaub in Ischia noch nicht storniert. „Es ist doch die Frage, ob das nicht vielleicht ein Ablenkungsmanöver ist. Vielleicht ist im Hintergrund etwas im Gange, vielleicht hat es mit der Strahlung von 5 G zu tun oder mit einer neuen Finanzkrise?“ Sie zuckt ob solcher Verschwörungstheorien allerdings selbst mit den Schultern.

Ihre Begleiterin hat Ähnliches beizutragen: „Vor einigen Monaten hieß es, man soll Vorräte kaufen. Nie zuvor war das ein Thema und jetzt kommt plötzlich dieses Virus?“ Auch Karin Bechstein ist sich nicht sicher, „ob da alles mit rechten Dingen zugeht“. Sie macht sich auf den Heimweg. Der Markt ist ohnehin fast verlaufen.

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