Zwei Tarnhosen mit nahezu identischem Muster hatte Verteidiger Bastian Meyer zur Verhandlung mitgebracht und stellte damit die Aussage des Textilgutachters in Frage. | Foto: Ebert

Oberderdinger Mordprozess

Verteidiger bringt Einschätzung des Gutachters zum Wanken

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„Diese Hosenbeine waren am Tatort“, hatte der Gutachter noch vor zwei Wochen bei der Verhandlung am Landgericht Karlsruhe erklärt. Und auch bei seinem zweiten Auftritt beim Mordprozess um die Brandstiftung im Oberderdinger Haus Edelberg am Fronleichnamstag 2018 blieb Thomas Ritter, Sachverständiger für Textilfragen beim Landeskriminalamt, bei seiner Einschätzung. Verteidiger Bastian Meyer gelang es am nunmehr achten Verhandlungstag jedoch, diese Schlussfolgerung zumindest mit einem Fragezeichen zu versehen.

Hosenbein beim Mordprozess im Fokus

Die beiden abgeschnittenen Hosenbeine, um die es ging, waren im Sommer 2018 bei einer Hausdurchsuchung in der Wohnung des Angeklagten gefunden worden. Sie wiesen auf den ersten Blick Ähnlichkeiten mit der Hose auf, die der Brandstifter einer Gartenscheune Anfang April 2018 getragen hat. Eine aufgestellte Wildkamera hatte den vermummten Täter, der einen Kanister in der rechten Hand hielt, in der besagten Nacht aufgenommen.
Staatsanwalt Martin Henzler geht davon aus, dass der Brandstifter bei der Gartenhütte und einem weiteren Brand in der Oberderdinger Feldflur der gleiche Täter ist, der am 31. Mai das Feuer im Oberderdinger Altenpflegeheim Haus Edelberg gelegt hat. Dabei war eine 82-jährige hilflose Heimbewohnerin ums Leben gekommen.

Gutachter postuliert Übereinstimmung

Der Textilgutachter hatte nun den Auftrag zu untersuchen, ob die Hosenbeine identisch sind mit denen, die der vermummte Brandstifter getragen hat. Weil beim ersten Termin einige Frage offenblieben, wurde der Gutachter ein zweites mal aus Stuttgart geladen. Er lieferte einen maßstäblichen Vergleich der besagten Hosenbeine und deren Stoffmuster nach. Die Übereinstimmung sei augenfällig. „Das rastet in meinen Augen förmlich ein“, erklärte der Textilexperte. Er konnte nun auch klar sagen, welches das rechte und welches das linke Hosenbein war.

Nahezu identische Hosen präsentiert

Der Verteidiger wollte zunächst wissen, wie individuell ein Kleidungsstück ausfallen kann, dessen Farbe und Musterung sich aus den vorgegebenen Schnittmustern bei der Produktion ergeben. „Bei 270 Jacken einer Produktion für die Bundeswehr gab es keine zwei gleichen“, erklärte der Gutachter. Dabei verwies er auf eine entsprechende Untersuchung. Allenfalls verschiebe sich das Muster um ein oder zwei Zentimeter.
„Wie kommt es dann aber, dass ich in einem Army-Shop unter 30 Tarnhosen zwei mit dem exakt identischen Muster gefunden habe“, hielt ihm der Verteidiger entgegen und breitete seine Beweisstücke auf dem Richtertisch aus. Zumindest auf den ersten Blick schienen die Muster identisch zu sein, was zumindest laut Hochrechnung des Sachverständigen äußerst unwahrscheinlich sein sollte. Der Verteidiger untermauerte damit seine These, dass am Tatort durchaus eine andere Hose als die seines Mandanten von der Kamera eingefangen worden sein könnte.

Gutachter relativiert Aussage

Der Sachverständige formulierte sein Schlussfolgerung nun etwas vorsichtiger. Die beiden vorgelegten Tarnhosen bezeichnete er als sehr ähnlich, aber nicht gleich. Er sei auch nach wie vor sicher, dass es sich bei den abgeschnittenen Beinen und der Hose auf dem nächtlichen Bild der Überwachungskamera um modellgleiche Hosenbeine handle. Der Vergleich habe zudem erbracht, dass es keine Merkmale gebe, die sich widersprechen. Eindeutig fiel dagegen der Vergleich der Hosenbeine mit der abgeschnittenen Tarnhose eines der Zeugen aus, der auf einer Wiese abgelichtet worden war. „Das sind zwei völlig unterschiedliche Hosen“, erklärte der Gutachter. Zum einen sei die Grundfarbe eine völlig andere, zum anderen passten Muster und Strukturen nicht zusammen.

Nächster Verhandlungstermin

Die Verhandlung wird am Montag, 25. Februar, um 9 Uhr vor dem Landgericht Karlsruhe fortgesetzt. Dann sollen zunächst zwei Zeugen gehört werden, bevor die Brandsachverständige das Ergebnis eines gewünschten Experiments vorstellt.