Eine Vielzahl an Fragen hatten die Oberderdinger Bürger, die zur Kandidatenvorstellung in die Aschingerhalle gekommen waren. | Foto: Rebel

Profi contra Neulinge

Oberderdinger Bürgermeisterkandidaten stellen sich vor

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„Demokratie heißt, die Wahl haben. Und Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit!“ Mit diesem Statement begrüßte Brigitte Harms-Jansen, Bürgermeister-Stellvertreterin und Vorsitzende des Gemeindewahlausschusses ein volles Haus.

Bis auf die Tribüne war die Aschingerhalle am Dienstagabend mit rund 1.000 Besuchern gut besetzt, die sich von der Vorstellung der Bürgermeisterkandidaten Entscheidungshilfe für die Wahl am Sonntag, 27. Januar, erhofften. Sie wurden nicht enttäuscht, denn der lange Abend bot vielerlei Eindrücke zur Meinungsbildung. Und auch manche spitze Stellungnahmen zum Schmunzeln.

Erfahrener Verwaltungsprofi contra Politneulinge – dies war ein erster Eindruck der ungleichen Vorstellung, bei der der Amtsinhaber naturgemäß mit Zahlen, Fakten und Erfolgen punkten konnte. Den Herausforderern blieb der Part zu sagen, was sie stört und was sie besser machen wollen. Aber auch die Person und Persönlichkeit der Bewerber steht im Fokus einer Bürgermeisterwahl. Unter diesem Aspekt saßen vier Bewerber auf dem Podium, die unterschiedlicher nicht sein können.

Bürgermeisterkandidaten könnten unterschiedlicher nicht sein

Sebastian Berdelmann brachte sich als Familienmensch und Teamplayer in Stellung, der als künftiger Verwaltungschef das Gespräch suchen und die Bürger in Entscheidungsprozesse mit einbinden möchte.
Basem Mriesh setzt auf Zuhören und Wertschätzung: „Hut ab vor dem, was sie leisten“, kommentierte er ein Statement der evangelischen Gemeindepastorin, die das Engagement der Kirchen skizzierte, einem Familienvater, der nach den Kita-Gebühren fragte, gratulierte er zur Geburt seiner Zwillinge.

Reinhard Schiek übernahm mit markigen Sprüchen und urigen Kommentaren den unterhaltsamen Part des Abends. Auf die Frage, was man sich denn unter einem selbstständigen Künstler vorzustellen habe, sagte er: „Ich habe kein Handy, keine Schulden und noch nie ein neues Auto gekauft und bin trotzdem reich“, gab der Lebenskünstler zur Antwort. Und lieber schaue er abends die Sterne an, als sich vom Fernsehen anlügen zu lassen.

Rede und Antwort mussten die vier Bewerber den rund 1000 Besuchern aus Oberderdingen, Flehingen und Großvillars nach den Einzelvorstellungen auf dem Podium stehen. | Foto: Rebel

Haften Bürger für Gemeindeschulden?

In der Fragerunde an die Bürgermeisterkandidaten ging es dann um die Schulden der Gemeinde. Ein Fragesteller wollte gar wissen, ob Bürger haftbar gemacht werden können, wenn die Gemeinde Konkurs gehe. Dies sei nicht möglich, erwiderte der Amtsinhaber, die Zinsbelastung in Oberderdingen läge unter zwei Prozent. Gleichwohl sei der Schuldenabbau ein wichtiges Ziel.

Heftige Vorwürfe gegen den Amtsinhaber kamen von der Flehinger Anti-Nowitzki-Fraktion. Sie warf dem Schultes ungleiche Behandlung bei der Vergabe von Kita-Plätzen und bei Baugenehmigungen vor, auch dass Anfragen unbeantwortet blieben. Ein besonderer Dorn im Auge war die Großvillarser Gestaltungssatzung, für die allerdings Ortsvorsteher Oskar Combe eine Lanze brach. Der Bürgermeister wies die Anwürfe zurück und mühte sich, Gründe und Hintergründe zu erläutern.

Fehlende Verwaltungserfahrung moniert

Eine zentrale Frage bezog sich auf die fehlende Verwaltungserfahrung der drei Herausforderer. Warum sollten wir ihnen überhaupt eine Chance geben, wollte ein Fragesteller von der Bürgermeisterkandidaten wissen. „Im Rathaus wird ja nur der Kopf ausgewechselt“, antwortete Schiek, das bewährte Verwaltungsteam bleibe im Amt.

Die Aufgabe als Bürgermeister traue er sich auf jeden Fall zu. „Um Bürgermeister zu sein, muss man nicht Politik studiert haben“, sagte Basem Mriesh. Er habe viel Erfahrung mit Personalführung und sehe kein Problem, eine Gemeindeverwaltung zu führen.

„Dafür bekommen sie nur Hasenställe“

Großen Respekt vor der Verantwortung äußerte indes Sebastian Berdelmann, doch zusammen mit dem erfahrenen Verwaltungsteam und den Bürgern wolle er sich der Herausforderung stellen. Einen breiten Raum nahm die Frage nach bezahlbarem Wohnraum ein.

Schiek schlug einfache Wohnungen vor, die 1.000 bis 1.500 Euro pro Quadratmeter kosten. „Dafür bekommen sie höchstens Hasenställe“, entgegnete Nowitzki und erinnerte an 95 Wohnungen, die die Kommunalbau seit 2008 gebaut hat.

Wenig Konkretes ergab dagegen die Frage nach Angeboten für die Jugend zwischen 18 und 21. Am besten man frage die Betroffenen selber, hieß es dazu.

Sebastian Berdelmann aus Großvillars | Foto: Rebel

„Kapitän des Rathausschiffs“

Sebastian Berdelmann, 38 Jahre alt, Kaufmann und stellvertretender Lagerleiter, will als „Mannschaftskapitän“ das Rathausschiff führen. Bei seiner Vorstellung hangelte er sich an den Buchstaben seines Nachnamens entlang – von B wie Bürgernähe bis N wie Nachwuchs, Neubaugebiete und Natur. Er will das Ehrenamt stärken, dem demografischen Wandel mit generationenübergreifenden Projekten begegnen, das Miteinander mit Runden Tischen fördern und sich für lebende Ortsteile engagieren. Berdelmann verspricht Neutralität, Loyalität, Unvoreingenommenheit und Transparenz: „Dafür stehe ich mit meinem Namen“.

Reinhard Schiek | Foto: Rebel

„Wir zerstören das Paradies“

Reinhard Schiek, 65 Jahre alt, Chirurgiemechaniker und nach eigenem Bekunden selbstständiger Künstler, ist mit der Gemeindepolitik nicht einverstanden und möchte einen Wechsel an der Rathausspitze. Er moniert, dass in Oberderdingen für Prestigeprojekte Millionen aus dem fenster geworfen und bei der Vergabe von Bauplätzen Wohlsituierte bevorzugt würden. „Wir leben im Paradies und sind dabei, es zu zerstören“, sagt Schiek, der verdichtete Bebauung mit schlichten Häusern im Ortskern, aber keine Neubaugebiete will. Den Wald will er als Bannwald erhalten, und auf dem Derdinger Horn kann er sich ein Windrad gut vorstellen.

Basem Mriesh aus Grafenhausen | Foto: Rebel

„Dienstleister und Freund“

Basem Mriesh gefällt die Offenheit und Herzlichkeit der Oberderdinger. Der 48-jährige Unternehmensberater will frischen Wind ins Rathaus bringen. Er verweist auf seine Berufserfahrung, Sozialkompetenz und die Fähigkeit, Teams zu führen. Aufgewachsen in einer zwölfköpfigen Familie, habe er gelernt, Alltagsaufgaben anzupacken und Kompromisse zu schließen. Als Bürgermeister versteht er sich als Dienstleister und Freund mit offenen Ohren für die Anliegen der Bürger sowie als verlässlicher Partner für Vereine, Kirchen und Unternehmen. Auch für den Tourismus und eine Seniorenbegegnungsstätte will er sich stark machen.

Thomas Nowitzki aus Oberderdingen | Foto: Rebel

Viel erreicht – viel vor“

Thomas Nowitzki verweist unter dem Motto „Viel erreicht – viel vor“ auf seine Arbeit der vergangenen 16 Jahre: Alle Schulen seien auf hohem Niveau, die Verkehrsthemen ordentlich gelöst, die Infrastruktur sei gut ausgebaut, ebenso die ärztliche Versorgung. „26 000 Bäume wurden in den vergangenen acht Jahren gepflanzt und 70 Millionen Euro im Konzern Gemeinde investiert“, bekundet der 62-jährige Amtsinhaber weiter. Verlässlichkeit, Bodenständigkeit und Schaffenskraft wirft er für sich in die Waagschale, das gute Miteinander mit Kirchen, Vereinen und Institutionen will er ebenso fortsetzen wie die gute Sacharbeit im Gemeinderat.