Lesestoff hat sie genug, doch wie lange Ulrike Müller die Brettener Buchhandlung Kolibri noch offen halten kann, war am Dienstag noch unklar.
Lesestoff hat sie genug, doch wie lange Ulrike Müller die Brettener Buchhandlung Kolibri noch offen halten kann, war am Dienstag noch unklar. | Foto: Ebert

Ladenschließung

Viele Brettener Geschäfte bangen um ihre Zukunft

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Die Anordnung der Bundesregierung und der Länder, die meisten Verkaufsstellen des Einzelhandels zu schließen, trifft auch die Brettener Geschäftswelt. „Das ist schon ein Riesenproblem, für die Arbeitgeber, die ja die Löhne weiter bezahlen müssen, ohne Umsätze zu haben“, erklärt Marion Klemm.

Die Vorsitzende der Vereinigung Brettener Unternehmer (VBU) geht davon aus, dass der Einzelhandel in den nächsten Wochen und Monaten sehr zu kämpfen haben wird. „Wer eine gute Eigenkapitalquote hat, wird die Ladenschließung  länger verkraften, bei den anderen kann es schnell eng werden“, bekundet sie auf Nachfrage.

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Das aktuelle Krisenmanagement der Bundesregierung findet Klemm dennoch gut, auch wenn sie ansonsten deren Arbeit durchaus kritisch sieht. Positiv bewertet sie die Überlegungen aus Berlin, das Insolvenzrecht dahingehend zu ändern, dass bis September kein Unternehmen, das in Zahlungsschwierigkeiten kommt, einen Insolvenzantrag stellen muss. „Bislang musste man das innerhalb von drei Wochen machen, sonst drohte eine Anzeige wegen Insolvenzverschleppung“, berichtet Klemm. Dies sei nun auf absehbare Zeit aufgehoben. Doch viele Fragen blieben: Etwa, wie es mit den Warenströmen ins Ausland weitergehe und wie sich der DAX weiterentwickelt und dergleichen mehr.

Klemm ist dennoch zuversichtlich, dass sich die Lage vielleicht schon in zwei Monaten wieder normalisiert. Die VBU-Mitglieder seien offenkundig über die Medien gut über die Lage informiert. Unternehmensspezifische Rückfragen zum Umgang mit der Corona-Krise habe es bei ihr bislang jedenfalls noch keine gegeben.

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Unsicherheit bezüglich Schließung

Unsicherheit herrschte am Dienstag beim örtlichen Buchhandel vor: „Wir haben noch keine konkreten Informationen, wie wir verfahren sollen“, sagt Ulrike Müller. Man warte deshalb noch ab, ob und ab wann die Anordnung der Schließung für den Buchhandel gelte, erklärt die Inhaberin der Brettener Buchhandlung Kolibri. Viele Eltern hätten für ihre Kinder, die ja ab sofort zuhause sind, Lernmaterial bestellt.

„Falls wir schließen müssen, wird auf jeden Fall immer jemand vor Ort sein, was heute bestellt wird, kann am Tag darauf geliefert werden“, führt Müller weiter aus. Denn alle drei Großhändler belieferten die Geschäfte auch weiterhin. Der Buchhandlung Kolibri kommt jetzt zugute, dass sie schon immer einen Lieferservice hat. Mitarbeiterinnen bringen bestellte Waren zu den Kunden nach Hause.

„Das werden wir in den nächsten Wochen dann eben verstärkt machen, statt einer Mitarbeiterin bringen dann eben zwei oder drei die bestellte Literatur zu den Lesefreunden“, so die Buchladenchefin. Ein Angebot, das allerdings nur für Bretten und die Stadtteile gelte. Für kurze Zeit könne man so einen Engpass überbrücken, für drei Monate werde es aber wohl nicht funktionieren. Doch Ulrike Müller will trotz allem optimistisch sein: „Wir schauen, was kommt und sondieren die Möglichkeiten“, sagt sie. Zu diesen Möglichkeiten gehört neben dem Lieferservice auch das Thema Kurzarbeit. Denn in der Kolibri-Buchhandlung sind zehn Mitarbeiterinnen beschäftigt, gestaffelt von Teilzeit bis Vollzeit.

Die Kundennachfrage am Dienstag ist – vielleicht angesichts der befürchteten Schließung – ungebrochen. Wenn nicht sogar stärker als sonst: Literatur-Hamsterkäufe sozusagen für die trüben Corona-Tage. „Der Lesestoff geht in Bretten jedenfalls nicht aus“, versichert Literaturfreundin Müller: Die Regale seien bestückt mit den wunderbarsten Neuerscheinungen des Bücherfrühlings.

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Kreative Idee zur Überbrückung

Richard Brüssel hat derweil bereits am Montag Besuch vom Ordnungsamt bekommen. „Man hat uns mitgeteilt, dass wir unser Fitness-Center ab morgen dicht machen müssen“, erklärt der Inhaber und Geschäftsführer des Studios. Die Schließung bringt ihn eine prekäre Situation, denn die Fixkosten bleiben, wenn die Monatsbeiträge ausbleiben. „Einen Monat könnten wir so überstehen, bei zwei Monaten wird es eng und bei drei Monaten müssten wir den Laden schließen“, sagt Brüssel, der sechs Angestellte und weitere freie Trainer bezahlen muss. In einer Krisensitzung mit dem Team hat man sich deshalb einen Weg ausgedacht, der das Überleben des Fitmessstudios sichern könnte.

Mit einer kreativen Idee will Richard Brüssel die angeordnete Schließung seines Fitness-Centers überstehen.
Mit einer kreativen Idee will Richard Brüssel die angeordnete Schließung seines Fitness-Centers überstehen. | Foto: Ebert

Rein rechtlich hätten die Mitglieder die Möglichkeit, ihre Verträge für ein oder mehrere Monate stillzulegen. „Wir machen ihnen das Angebot, den Vertrag jetzt aber erst einmal für den April weiterlaufen zu lassen und verlängern den Vertrag dann kostenfrei um einen Monat“, bekundet Brüssel. Statt eines Freimonats könne der Kunde auch ein Wellnessangebot annehmen, das ansonsten zwei Monatsbeiträge kosten würde. Auf diesem Weg könnte man die bevorstehende kritische Phase vielleicht unbeschadet überstehen, so das Kalkül.

Auch die Parfümerie Stephan hat ihr Geschäft in der Brettener Fußgängerzone ab dem heutigen Mittwoch zunächst bis zum Monatsende geschlossen. Für die Mitarbeiterinnen bedeute dies Kurzarbeit, war von der Chefin des Hauses zu erfahren.

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