Ein Schwarm von Bergfinken, mit ein paar eingesprenkelten Distelfinken. Die Bergfinken sind typische Wintergäste aus dem Norden Europas und verschwinden spätestens im Vorfrühling wieder aus der Region. | Foto: Franz Lechner

Vogelschwärme im Landkreis

Wintergäste auf Nahrungssuche

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Jeden Winter besuchen riesige Vogelschwärme die Rheinebene, nicht nur aus dem Ausland, sondern häufig auch aus den hohen Lagen des Schwarzwalds und aus anderen Regionen. Anderswo sind die Winter meist so streng, dass viele Gewässer monatelang zufrieren.

Grau und verregnet, mit einem Himmel, der sich wie ein Leichentuch über das Land legt – so sieht der Winter in der Region häufig aus. Genau so, wie es viele gefiederte Gäste mögen. Während der zweibeinige Landkreis-Bewohner die graue Winterlandschaft nämlich häufig mit Grausen betrachtet, landen genau in dieser Landschaft jeden Winter tausende begeisterte Besucher aus dem Norden und dem Osten Europas: Vögel auf der Suche nach Nahrung. „Im Norden und Osten Europas sind die Winter meist so streng, dass viele Gewässer monatelang zufrieren. Hohe Schneelagen führen dort zusätzlich zu Nahrungsengpässen“, erklärt der für das Naturschutzgebiet Wagbach-Niederung zuständige Biologe und Vogelfachmann Ulrich Mahler. Darum sei der Landkreis für so viele Vögel gerade jetzt attraktiv. Und sie kommen nicht nur aus dem Ausland, sondern häufig auch aus den hohen Lagen des Schwarzwalds und auch aus anderen Regionen Deutschlands in die Rheinebene.

Mehr Vögel als im Sommer

„In einem relativ kalten Winter ist in Deutschland häufig fast nur noch die Rheinebene und teilweise auch das benachbarte Hügelland schnee- und eisfrei“, weiß der Vorsitzende des Vereins für Vogel- und Naturschutz Dettenheim (VVND), Hermann Geyer. Deshalb findet man in den Wintermonaten neben vielen echten „Ausländern“, also Vogelarten, die man tatsächlich nur in der kalten Jahreszeit hier antrifft, auch viele „auswärtige“ Vögel, also Rotkehlchen, Amseln, Drosseln, Schwanzmeisen, Dompfaffe und viele andere Arten, die hier zwar den Winter verbringen, aber spätestens mit Beginn der Paarungszeit wieder in ihre Brutgebiete zurückkehren. „Im Winter sind in der Region daher manchmal mehr Vögel unterwegs als im Sommer“, berichtet Geyer. Vor allem in den Jahren, in denen die so genannten Invasionsarten aus dem Norden Europas in die Region kommen.

Saatgänse (hier bei Linkenheim) brüten zwar auch in der Region, die meisten überwintern aber nur hier. Manche Äcker sind um diese Jahreszeit geradezu übersät mit ihnen. | Foto: Franz Lechner

Riesige Schwärme

 

Alle paar Jahre, wenn der Sommer im Norden und Osten Europas so verregnet war, dass Beeren und Samen in Norwegen, Schweden, Finnland oder Teilen Russlands Mangelware werden, wandern Bergfinken, Seidenschwänze, Birken- und Erlenzeisige, Wacholder- und Rotdrosseln und andere Vogelarten auf Nahrungssuche in riesigen Schwärmen nach Mitteleuropa. Hunderttausende Individuen zählen solche Schwärme manchmal. Den Menschen im Mittelalter galten sie als Vorboten einer nahenden Katastrophe.
„In diesem Jahr sind bei uns im südlichen Landkreis bis jetzt noch relativ wenige dieser Vogelarten zu sehen, aber das wird sich im Laufe der nächsten Wochen wahrscheinlich noch ändern“, berichtet der Naturschutzbeauftragte der Karlsruher Nabu-Gruppe, Klaus Lechner.

Region als Zufluchtsort

Anders sieht es im nördlichen Landkreis im Naturschutzgebiet Wagbachniederung aus. „Bei uns sind bereits zahlreiche Erlen- und Birkenzeisige unterwegs“, so Ulrich Mahler. Während die Zahl dieser überwinternden Singvogelarten von Jahr zu Jahr stark schwankt, besuchen viele verschiedene Wasservogelarten mehr oder weniger regelmäßig die Region um Karlsruhe. Dutzende verschiedene Arten nutzen die Region als winterlichen Zufluchtsort.

Artenreiche Rheinauen

„Besonders artenreich sind jetzt die Rheinauen bei Rastatt“, weiß Klaus Lechner. Vor allem Shellenten und Gänsesäger seien derzeit wieder auf dem Rhein zwischen Karlsruhe und Rastatt zu sehen, aber auch Singschwäne oder Prachttaucher könne man im südlichen Landkreis oder bei Rastatt immer wieder beobachten, erzählt der Hobby-Ornithologe. Aber auch im nördlichen Landkreis Karlsruhe ist die Vielfalt derzeit groß.
„In der Wagbachniederung beziehungsweise auf vielen Baggerseen sind derzeit Krick-, Schnatter- und Löffelenten, aber auch die ersten Meeresenten – also beispielsweise Samtenten – unterwegs, und verschiedene Gänsearten tummeln sich auf den traditionellen Überwinterungsplätzen in der Rheinebene“, berichtet der Biologe Ulrich Mahler.

Franz Lechner