Professor Martin Schuster, Ärztlicher Direktor der Kliniken Bretten und Bruchsal hätte die Widerspruchslösung favorisiert. Seine Gründe erläutert er im BNN-Interview.
Professor Martin Schuster, Ärztlicher Direktor der Kliniken Bretten und Bruchsal hätte die Widerspruchslösung favorisiert. Seine Gründe erläutert er im BNN-Interview. | Foto: Gottfried Stoppel

BNN-Interview

Direktor der RKH-Kliniken Bretten und Bruchsal über Organspende: „Es geht allein um den Willen des Patienten“

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Er hat seinen Organspenderausweis schon so lange, dass er nicht mehr weiß, wie lange. Professor Martin Schuster (Foto: Stoppel) legt das bleiche Stück Pappe auf den Tisch. Ja, sagt der Ärztliche Direktor der RKH-Kliniken Bretten und Bruchsal, er favorisierte die Widerspruchslösung. „Sie hätte vieles erleichtert, auch für die Angehörigen.“

Professor Schuster leitet die Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin sowie Schmerztherapie standortübergreifend an der Rechberg-Klinik Bretten und der Fürst-Stirum-Klinik Bruchsal. Und er zeichnet dafür verantwortlich, dass neun Oberärzte Patienten identifizieren, die wegen Hirntodes für eine Organentnahme in Frage kämen. Der Hirntod ist Voraussetzung für eine Explantation. BNN-Redakteurin Irmeli Thienes sprach mit dem Mediziner.

Was halten Sie von der Entscheidungslösung?

Schuster: Sie wird keine große Veränderung bringen. Ich hielt es für zumutbar, widersprechen zu müssen, um nicht Organspender zu werden. In anderen Bereichen gibt der Staat ja auch Regeln vor und es wird nicht als Bevormundung aufgefasst, wie das in der Diskussion um die Widerspruchslösung oft aufkam. Zum Beispiel tritt bei der Ehescheidung, wo kein Ehevertrag geschlossen wurde, die Zugewinngemeinschaft als gesetzliche Folge ein. Meines Erachtens geht es aber vor allem um gesellschaftliche Solidarität.

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In einer Klinik wird einem Spender eine Niere entnommen. Der generellen Bereitschaft zur Organspende folgen hierzulande laut Fachleuten zu wenig Taten. Mit Spenderausweis hilft man aber neben mehreren Empfängern auch Angehörigen und Ärzten. Foto: Jan-Peter Kasper/dpa
In einer Klinik wird einem Spender eine Niere entnommen. Der generellen Bereitschaft zur Organspende folgen hierzulande laut Fachleuten zu wenig Taten. Mit Spenderausweis hilft man aber neben mehreren Empfängern auch Angehörigen und Ärzten. Foto: Jan-Peter Kasper/dpa

Das heißt, wer im Notfall eine Spende wünscht, sollte auch den Organspenderausweis bei sich tragen. Die Widerspruchslösung hätte eine ähnliche Gemeinschaft geschaffen. In anderen Ländern wird sie längst problemlos umgesetzt. Dass das hier nicht funktioniert, liegt, glaube ich, daran, dass wir in großer Todesvergessenheit leben. Die Menschen befassen sich ungern mit dem eigenen Sterben, allenfalls beim Testament. Und auch da vertrauen die meisten auf die gesetzliche Erbfolge. Ich glaube nicht, dass sich künftig mehr Menschen für einen Organspenderausweis nur deshalb entscheiden, da sie vermehrt Informationen erhalten. Beim geplanten Online-Register sehe ich das ähnlich. Warum soll dieses besser funktionieren als der Ausweis?

Um wie viele Organentnahmen geht es in Bruchsal und Bretten im Jahr?

Schuster: Im Jahr 2019 haben wir drei Hirntode mit folgender Organspende gehabt, zusammen in beiden Kliniken, und 2018 zwei. Dass das gering erscheint, liegt daran, dass Menschen mit schwerwiegenden Hirnverletzungen in der Regel in Neurologischen Kliniken behandelt werden. Auch bei einer akuten Hirnblutung verlegen wir Patienten in der Regel zu Spezialisten in sogenannte Maximalversorgungshäuser. Für die Brettener und Bruchsaler Region sind dies zum Beispiel das Klinikum Ludwigsburg oder das Städtische Klinikum Karlsruhe oder nahe Universitätskliniken.

Nur 0,25 Prozent erleiden einen Hirntod

Statistisch erleiden übrigens nur 0,25 Prozent aller Toten einen Hirntod. Allerdings sind alle Kliniken mit Akutversorgung, mit Intensivstationen gesetzlich verpflichtet, Patienten auf möglichen Hirntod hin zu untersuchen und darauf hin, ob die Person als Spender in Frage käme, sprich ob medizinische Gründe dagegen sprächen, Organe zu entnehmen. Dazu zählen zum Beispiel unkontrollierte Infektionen oder aktive Krebserkrankungen. Hinzu kommt die Frage, ob der Patient zugestimmt hat oder hätte.

Es gibt diffuse Ängste, dass man womöglich nicht ganz tot sei, so lange das Herz noch schlägt, trotz Hirntods. Können Sie diese Ängste zerstreuen?

Schuster: Absolut. Wurde der Hirntod festgestellt, hat der Patient keine Chance mehr, zu einem bewussten Leben zurück zu kehren – überhaupt keine mehr. Es geht nicht mehr darum, ob man vielleicht doch irgendwie weiter lebt. Das ist so weit weg von jeder Realität! Und ist das Hirn tot, kann der Patient nie mehr selbständig atmen, nichts mehr fühlen und er ist auf Dauer auch nicht lebensfähig. Es geht also nur noch darum, ob man mit Hirntod-Diagnostik stirbt oder ohne diese.

Sie sagten, der Organspenderausweis helfe auch den Angehörigen?

Schuster: Angehörige sind verständlicherweise überfordert, wenn sie vom Tod des Menschen sehr plötzlich erfahren. In der Regel sind irreversibel schwere Hirnschädigungen akuten Vorfällen geschuldet, Hirnblutungen, Kopfverletzungen oder einer Reanimation. Sie folgen gerade nicht einer langen Krankheit. Angehörige sind folglich nicht vorbereitet. Und dann sollen sie gleich über ein solch heikles Thema entscheiden.

Hier klafft eine Lücke zwischen der Hoffnung der Angehörigen und unserer Kenntnis, dass es keine Hoffnung mehr gibt bei Hirntod. Diese Lücke wissen wir heutzutage mit rücksichtsvollem, vertrauensbildenden Vorgehen zu schließen, um die Familie nicht nach wenigen Tagen, ohne vorherigen Kontakt, mit der Frage nach der Organentnahme zu konfrontieren. Aber es bleibt schwer.

Ja, zumal das Herz noch schlägt.

Schuster: Ja, das muss es, auch wenn es für die Familie schwer überein zu bekommen ist. Das Herz kann noch eine Weile schlagen, obwohl der Hirntod festgestellt wurde. Schlägt es nicht mehr, sind die Organe bald nicht mehr verwendbar. Einem Spender entnehmen wir in der Regel mehrere Organe, am häufigsten Nieren und Lebern, aber auch Herz, Lungen oder Hornhäute.

Im Übrigen kann eine Leber auch gesplittet werden, sodass zwei Wartenden geholfen wird. Man kann auf dem Spenderausweis festhalten, dass man nur einzelne Organe geben möchte. Das habe ich aber noch nie erlebt in meinen über 20 Jahren als Arzt. Ein Ausweis erleichtert also vieles. Dank verbrieften Patientenwillens sind die Angehörigen nicht allein gelassen mit einer schweren Entscheidung in ihrer Trauer und uns hilft er, über das weitere Vorgehen zu sprechen.

Wer ein Organ nehmen
würde, sollte den Ausweis haben

Wohlgemerkt: Es geht allein um den Willen des Patienten, nicht darum, was Angehörige wünschen oder was wir Mediziner wünschen. Mediziner sind keine Exegeten, keine Auslegenden, sondern folgen nur dem Willen des Patienten. Das verstehen die meisten Angehörigen auch, selbst wenn sie für sich wünschen würden, ihr geliebter Mensch würde weiterleben. Dennoch würden die meisten doch sagen, dass ein Leben ohne Teilhabe daran kein Leben mehr wäre. Und für mich als Mediziner ist es logisch, verständlich und nahe liegend, mit den eigenen Organen anderen zu helfen, zumal die Wartelisten derart lang sind. Am Ende sterben wir schließlich alle und unsere Organe gehen ansonsten in die Erde oder in die Urne.

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Manchmal zwingen geringe Spenderzahlen gar zur Verwendung marginaler Organe?

Schuster: Ja. Aber die Frage, überleben mit marginalem Organ, also einem, das nicht hundertprozentig allen Qualitätskriterien entspricht, oder zu sterben beantwortet sich in der Situation der quasi letzten Minute oft schnell. Am Ende sterben wir alle und unsere Organe gehen ansonsten in die Erde oder in die Urne.

Zwei Ärzte müssen den Hirntod feststellen?

Schuster: Ja und keiner von ihnen darf an der Transplantatation beteiligt sein. Das soll vor allem in Transplantationskliniken verhindern, dass eigene Interessen ins Spiel kommen. Diese Ärzte sind erfahrene, speziell geschulte Intensivmediziner, Neurologen oder Neurochirurgen. Und sie müssen ein ausdifferenziertes Protokoll an Prüfungserfordernissen abarbeiten bei der Hirntod-Diagnostik.

Seit es Transplantationsbeauftragte gibt, im Land seit rund 15 Jahren, werden mehr Hirntote auf ihr Spenderpotenzial untersucht, die uns zuvor womöglich entgangen sind. Personal und Mittel, aber auch Berichts- und andere Pflichten wurden heraufgesetzt. Zum Jahresende müssen wir der DSO, Deutsche Stiftung Organtransplantation, alle Fälle und ihre Dokumentation darlegen und begründen, warum andere nicht gemeldet wurden.

Es sterben schlicht zu viele der allein in Deutschland über 9.500 wartenden Empfänger. In Bretten und Bruchsal sind die Anästhesiologen Hansjörg Wegener und Steffen Kühn die Transplantations-Beauftragten. Sie stellen 24/7 sicher, dass alle darauf achten, Hirntode als solche zu entdecken und zu melden. Und Transplanteure stehen beim Empfänger für passende Organe gerade.

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Es kann also vorkommen, dass für das Herz eines Menschen ein Transplantations-Team aus Berlin kommt, für die Lunge eines aus Hannover und für die Leber eines aus Heidelberg, oft mit dem Jet zum nächsten Flughafen und dann per Fahrzeug. Die Transplantation findet aber nicht bei uns statt, sondern stets in der Klinik des Transplantations-Teams. Bei uns werden nur die Organe entnommen.