Mit den Plädoyers des Staatsanwalts und der Vertreterin der Nebenklage ging gestern der Mordprozess am Landgericht Karlsruhe in die Schlussrunde. Der Verteidiger will am Montag plädieren, am Mittwoch, 13. März, soll das Urteil verkündet werden. l | Foto: dpa/Deck

Zeugen widersprechen sich

Wenig Erhellendes beim Oberderdinger Mordprozess

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Wieder so ein Prozesstag, der mehr Fragen aufwirft, als Klärung bringt: Beim nunmehr neunten Verhandlungstag im Oberderdinger Mordprozess weichen die Angaben von zwei Zeugen merklich ab von den Aussagen eines 19-jährigen Hauptbelastungszeugen. Der hatte im Prozess gegen den 24-jährigen Altenpfleger, der am Fronleichnamstag 2018 im Oberderdinger Altenpflegeheim Haus Edelberg ein Feuer gelegt haben soll, ein Reihe belastender Angaben gemacht. Unter anderem, dass ihm der Angeklagte gesagt habe, dass er es cool fände, einmal ein größeres Feuer zu löschen und dabei Menschen zu retten.
Überdies hätte der Angeklagte ihm ein Video gezeigt und behauptet, dass der Vermummte darin der Oberderdinger Feuerteufel sei. Und dass er von Brandstiftung ausgehe, weil er Spiritus gerochen habe.

Merkliche Abweichungen

Auf die Frage des Richters, warum er sich im Mordprozess erst nach dem Auftakt mit seiner Aussage an die Polizei gewandt habe, hatte der 19-Jährige seinerzeit geantwortet, dass ihn eine Arbeitskollegin dazu gedrängt habe. Die 56-jährige Krankenschwester war nun erneut als Zeugin vorgeladen, konnte sich aber bei der Befragung nicht daran erinnern, den 19-Jährigen aufgefordert zu haben, zur Polizei zu gehen. Auch inhaltlich erinnerte sie sich an kaum etwas von dem, was der Hauptbelastungszeuge ihr mitgeteilt haben will. Gedrängt habe sie ihn lediglich dazu, die Drohungen, die ein ehemaliger Mitarbeiter des Hauses Edelberg gegen die Einrichtung ausgestoßen hatte, zu protokollieren und der Heimleitung zu melden, nicht aber, zur Polizei zu gehen, erklärte die Krankenschwester. Das besagte Video habe sie nicht gesehen und dem Zeugen – anders als der behauptet hatte – auch nicht bei einer Hausarbeit der Schule geholfen.

„Jeder hat Desinfektionsmittel in der Tasche“

Aufschlussreich war allerdings die Nachfrage eines Richters, wo denn im Pflegeheim die Rollwagen mit den Desinfektionsmitteln abgestellt werden. Während der morgendlichen Pflegezeit stünden sie in den jeweiligen Fluren, danach in dem Raum, in dem die saubere Wäsche aufbewahrt werde, erklärte die Zeugin. Allerdings sollte jede Pflegekraft üblicherweise eine Flasche mit Handdesinfektionsmittel in der Kitteltasche bei sich tragen. Und nein, die Wäschekammer sei nicht abgeschlossen, antwortete die Zeugin auf Nachfrage des Verteidigers.

Nur vage Aussagen im Mordprozess

Ebenso vage blieb die Aussage der Ex-Freundin des 19-jährigen Hauptbelastungszeugen. Sie war zwar bei zwei Begegnungen dabei, als sie und ihr Ex-Freund den Angeklagten trafen. Wann das genau gewesen sei, daran erinnerte sie sich jedoch nicht mehr, nur dass schönes Wetter herrschte. Und was ihr Freund mit dem Angeklagten zu besprechen hatte – ebenfalls Fehlanzeige. „Kann sein, möglich, weiß ich nicht mehr“ – so die meisten Antworten. Auf Grund dieser zahlreichen Unstimmigkeiten will das Gericht ihren Exfreund noch einmal vorladen.

Brandsituation nachgestellt

Zum Beginn des Prozesstages war auch die Brandsachverständige des Landeskriminalamts noch einmal einbestellt worden. Die Richter hatten sie beauftragt, anhand von zwei Versuchen zu ermitteln, wie lange es mit und ohne Brandbeschleuniger dauert, bis der Feueralarm auslöst. Laut Protokoll hatte der Rauchmelder im Zimmer der 82-jährigen Heimbewohnerin, die bei dem Brand ums Leben kam, um 16:12:04 Uhr ein erstes so genanntes Wartungssignal abgegeben und 48 Sekunden später den Feueralarm ausgelöst. Der läuft bei der Feuerwehrleitstelle auf und setzt die Rettungskräfte in Marsch setzt.

Melder geht nach 20 Sekunden los

Für das Experiment hatte die Sachverständige in einem Brandhaus der Bundeswehr möglichst gleiche Raumbedingungen hergestellt. Beim Versuch, die Matratze lediglich mit einem Feuerzeug in Brand zu stecken, brauchte es mehrere Anläufe und mehr als zwei Minuten, um den Rauchmelder zu aktivieren. Bei Verwendung des Desinfektionsmittels Isopropanol ging der Melder nach 20 Sekunden los. Fazit der Sachverständigen im Mordprozess: Von der Brandlegung bis zum Alarm des Rauchmelders sind maximal fünf Minuten vergangen. Spätesten um 16.07 Uhr war somit am Unglückstage das Feuer im Oberderdinger Seniorenheim gelegt worden.

Service

Die Verhandlung vor dem Landgericht Karlsruhe wird am Freitag, 1. März, um neun Uhr fortgesetzt.