NICHT IMMER EINSATZBEREIT? Im Rettungsbezirk Karlsruhe bleiben derzeit noch regelmäßig Rettungswagen unbesetzt. Die Personalsituation soll sich schnellstmöglich ändern.
NICHT IMMER EINSATZBEREIT? Im Rettungsbezirk Karlsruhe bleiben derzeit noch regelmäßig Rettungswagen unbesetzt. Die Personalsituation soll sich schnellstmöglich ändern. | Foto: dpa

Ausfälle im Rettungsdienst

„Wir haben nicht ewig Geduld“

Die Personalnot im Rettungsdienstbezirk Karlsruhe scheint größer als bisher angenommen. Nachdem die Retter die Hilfsfristen – der Rettungsdienst soll möglichst nach zehn, spätestens aber nach 15 Minuten vor Ort sein – in den vergangenen Jahren aufgrund gestiegener Einsatzzahlen immer selt04ener einhalten konnten, hatte der Bereichsausschuss ein Gutachten anfertigen lassen und daraufhin die Erweiterung der sogenannten Vorhaltung beschlossen. Sprich: weitere Einsatzfahrzeuge stationiert und die Personalstunden aufgestockt. Außerdem wurden Notfallrettung und Krankentransporte strikt voneinander getrennt.

Situation prekärer als gedacht

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) – größter Dienst im Bezirk – hatte den BNN jüngst von den Schwierigkeiten bei der Personalsuche berichtet. Gründe seien das Delta, das durch die Umstellung von der zweijährigen Ausbildung zum Rettungsassistenten auf die dreijährige Notfallsanitäterausbildung entstanden sei, zu wenig Bewerber auf den Job des Rettungssanitäters und ein Schwung von Kollegen, der demnächst in Rente geht. Die Verantwortlichen berichteten davon, dass es vor allem dann „eng werden kann, wenn die Grippewellen im Herbst zuschlagen.“ Tatsächlich scheint die Situation aber deutlich prekärer zu sein – und das nicht allein beim Deutschen Roten Kreuz.

Wir sind dem Burnout nahe

Ein hauptamtlicher Mitarbeiter des DRK, der anonym bleiben will, sagt: „Bei uns fällt eine Vielzahl von Schichten aus.“ In Bruchsal beispielsweise sind je nach Schicht bis zu drei Fahrzeuge im Tagdienst. „Es kam bereits vor, dass keines davon fahren konnte“, so der Mitarbeiter. Dann muss der Rettungswagen einer anderen Wache zum Einsatz starten. Auch die Nachtschichten seien ein Problem: Dass das zweite Fahrzeug in Bruchsal fahre, käme nur äußerst selten vor. Und auch die Wachen in Oberderdingen und Menzingen seien nachts wiederholt nicht besetzt. Für die Mitarbeiter hat die Personalnot gravierende Folgen: „Wir sind alle dem Burnout nahe“, sagt der DRKler. Dass Pausen nicht eingehalten werden können oder Überstunden geschoben werden, weil keine Ablöse da ist, sei an der Tagesordnung.

Sechs bis sieben Fahrzeuge zu wenig

Jörg Biermann, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes bestätigt auf Nachfrage der BNN, dass das DRK derzeit noch Probleme mit der erweiterten Vorhaltung hat. Die Zahl der fehlenden Fahrzeuge beziffert er auf sechs bis sieben Fahrzeuge. „Je nach Krankenstand besetzen wir die zusätzlichen Schichten, aber streichen diese zuerst, um die ursprüngliche Vorhaltung zu sichern“, so Biermann.

Konkurrenz erhebt Vorwürfe

Andreas Wolf, Geschäftsführer des privaten Rettungsdienstes ProMedic sieht das anders: „Das DRK fällt inzwischen regelmäßig hinter den ursprünglichen Stand zurück und verstößt damit gegen das Rettungsdienstgesetz.“ Er bestätigt die Aussagen des DRK-Mitarbeiters: „Seit Monaten fallen diverse Schichten aus. Die gesetzliche Hilfsfrist wird hier nicht mal mehr im Ansatz eingehalten“
ProMedic selbst hat nach Angaben von Wolf keine Personalprobleme – was sicher auch mit der Größe des Betriebes zusammenhängt. ProMedic fährt mit zwei Fahrzeugen. Der DRK hat mit 80 Prozent des Gesamtbestandes im Bezirk wesentlich mehr Rettungs- und Notarztwagen zu besetzen. Doch das Argument, dass vor allem die Umstellung auf den Notfallsanitäter Schuld am Personalmangel sei, lässt Wolf nicht gelten. „Das Problem des DRK ist hausgemacht“, sagt er. „Die Verantwortlichen haben es verpasst, Einfluss auf das Land zu nehmen, als der Notfallsanitäter verhandelt wurde. Vielleicht hätte man den Rettungsassistent noch zwei Jahre weiterlaufen lassen können.“ Außerdem sieht er zum Beispiel die relativ schlechte Bezahlung, die 12-Stunden-Schichten oder die unattraktiven Stellenanzeigen des DRK als Problem.

Auch der Arbeiter-Samariter-Bund hat Probleme

Tatsache ist, dass das DRK die meisten Ausfälle aufweist. Doch auch bei den „Kleinen“ ist nicht immer Personal greifbar. Das belegen Schichtprotokolle, die den BNN vorliegen. Den Maltesern scheint es aber immerhin ähnlich „gut“ zu gehen wie ProMedic. Die Lage der zweitgrößten Organisation im Rettungsdienstbezirk, des Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) ist angespannt, nach Angaben der Organisation aber nicht so ernst wie beim Roten Kreuz.

Organisationen müssen Tarife aushandeln

Der Bereichsausschuss will sich die Statistiken auf einer Sitzung im nächsten Vierteljahr anschauen. „Dann müssen wir schauen, wieso haben die Kleinen genug Personal und wieso schafft es der größte Akteur nicht?, meint Knut Bühler, der das Landratsamt als Rechtsaufsichtsbehörde vertritt. „Klar ist aber auch: wir haben nicht ewig Geduld, wir sind gewillt, wieder akzeptable Zustände herzustellen.“ Auch er sieht in der relativ schlechten Bezahlung der Retter ein Problem. „Da liegt es an den Rettungsdiensten, entsprechende Tarife auszuhandeln. Die Krankenkassen müssen dann sehen, wie sie das bewerkstelligen“, so AOK-Geschäftsführer Harald Röcker.

 

Der Rettungsdienst in Baden-Württemberg fällt unter die Selbstverwaltung mit übergeschalteter Rechtsaufsicht. Das bedeutet, dass die Krankenkassen als Kosten- und die Rettungsdienste als Leistungsträger die Verwaltung des Betriebs selbst übernehmen und die Interessen aller Beteiligten austarieren. Im Rettungsdienstbezirk Karlsruhe sind das Deutsche Rote Kreuz (DRK), der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), der Malteser-Hilfsdienst und ProMedic im Rettungsdienst tätig. Ausführendes Organ der Selbstverwaltung ist der sogenannte Bereichsausschuss, in dem Vertreter der Kosten- als auch der Leistungsträger vertreten sind. Alternierende Präsidenten sind der Kreisverbandsvorsitzende Heribert Rech und Harald Röcker, Geschäftsführer der AOK Mittlerer Oberrhein.
Die Rechtsaufsichtsbehörde im Rettungsbezirk Karlsruhe ist das Landratsamt. Ihm ist es allerdings nicht gestattet, aktiv auf die Arbeit des Bereichsausschusses einzuwirken. Es kann lediglich feststellen, ob das Tun des Bereichsausschusses rechtmäßig ist oder nicht.
Dem Landratsamt überstehen das Regierungspräsidium als höhere Rechtsaufsichtsbehörde und das Landesinnenministerium als Obere Rechtsaufsichtsbehörde.