Schnellfahrstrecke Mannheim-Stuttgart
EIn ICE auf der Schnellfahrstrecke zwischen Mannheim und Stuttgart. Bis in den Herbst müssen Züge auf eine andere Strecke ausweichen. | Foto: Uli Deck/dpa

Monatelang dicht

Zumutung und Meisterstück: Ein Pendler und die Projektleiterin über die Sperrung der Schnellfahr­strecke Mannheim-Stuttgart

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Für den einen wird die Baustelle auf der Schnellfahrstrecke zwischen Mannheim und Stuttgart eine Zumutung. Für die andere könnte sie ein Meisterstück werden. Michael Klawitter pendelt täglich auf der Strecke zur Arbeit, für deren Sanierung Anke England verantwortlich zeichnet. Wie gehen beide die nächsten Monate an?

Er trägt es mit Fassung: Der 49-jährige langjährige Bahnpendler Michael Klawitter aus Bruchsal wird auch diese 205 Tage Vollsperrung überleben.

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Der ITler aus dem Stuttgarter Wissenschaftsministerium hat sich seine Umleitungsstrecken und gestrichenen Züge längst angeschaut: „Schon im Normalbetrieb ist es oft kritisch.“ Er fürchtet übervolle Züge, längere Fahrzeiten auf eng getakteten Strecken und mangels gutem WLAN, auch wenig Chancen auf Arbeiten im Zug.

 


 

Gut, das war alles vor dem Coronavirus. Mittlerweile sind viele Züge geradezu gespenstisch leer. Viele Firmen und Behörden, deren Mitarbeiter zwischen den Metropolen Mannheim, Karlsruhe und Stuttgart pendeln, haben längst über Homeoffice nachgedacht.

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Die Verlängerung der Fahrtzeit? Schon eine Zumutung

„Man zittert schon jetzt jeden Tag, ob man seinen Zug bekommt“, berichtet Klawitter. „Dass saniert werden muss, ist klar.“ Dass die tägliche Fahrzeit sich über mehr als ein halbes Jahr aber dermaßen verlängert, ist für ihn schon eine Zumutung.

„Ich habe nicht die Alternative Auto, das ist in Stuttgart der nackte Wahnsinn, wo sollte ich das abstellen? Ich bin auf den Zug angewiesen.“ Zumal es auch eine Nach-Corona-Zeit geben wird, in der all die Befürchtungen wahr werden könnten.

Herrin über 300.000 Betonschwellen: Anke England koordiniert die Sanierung der Schnellfahrstrecke Mannheim – Stuttgart. | Foto: Heintzen

So ruhig es in den Zügen mittlerweile ist, so aufreibend geht es bei der Projektleiterin Anke England zu. Sie eilt von Telefonkonferenz zu Telefonkonferenz. Wenn am 11. April die riesigen Schienenumbauzüge ihren Dienst aufnehmen, ist die Hauptarbeit für sie und ihr sechsköpfiges Team fast erledigt.

Wir halten mit eiserner Hand an dem Plan fest.

Anke England, Projektleiterin der Baustelle

Seit 2015 ist England die Herrin über 300.000 Betonschwellen, 54 Weichen und den koordinierten Ablauf der 183-Millionen-Euro teuren Aktion. Baufirmen, Logistiker und Bauüberwacher hören auf ihr Kommando. „Wir halten mit eiserner Hand an dem Plan fest“, gibt sich England optimistisch. Seit Jahren ist die Maßnahme in die Fahrpläne Deutschlands eingetaktet.

Die Schwellen liegen schon bereit: Im Karlsruher Stadtteil Durlach hat die Bahn für die Baustelle ein riesiges Materallager angelegt. | Foto: Heintzen

Besuch im Karlsruher Schwellenlager am Güterbahnhof: Meterhoch ragen die aufgestapelten Betonschwellen in den Himmel.

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Im November wieder „volle Pulle“ Betrieb auf der Schnellfahrstrecke?

Einige Weichen werden in Karlsruhe vormontiert und dann per Zug hochkant an Ort und Stelle transportiert. „Die Logistik ist die größte Herausforderung“, erzählt England. Jede Weiche wird schon jetzt so gestapelt, dass sie zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle und in der richtigen Richtung verbaut werden kann.

Mannheim-Stuttgart ist für England sicher ihr Meisterstück. Die Wahl-Karlsruherin stammt aus Weimar, hat in Dresden studiert – Ingenieur-Ökonomie an der renommierten Hochschule für Verkehrswesen.

Der eigentliche Bau wirkt gegenüber der minutiösen Planung fast trivial: 200 Meter pro Tag wird sich der Umbauzug voranarbeiten. Fast vollautomatisch wird der Schotter gereinigt und werden die neuen Schwellen eingesetzt. Läuft alles nach Plan, können die Schnellzüge am 1. November wieder „volle Pulle“ über die Trasse fahren, erklärt England. Sie glaubt ganz fest daran.

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