Albert Reichenecker hat 20 Jahre lang Besucher durch das Gelände des Kernkraftwerks Philippsburg geführt. Die Menschen interessierten sich dabei sehr für die beiden Kühltürme, sagt der 77-Jährige. | Foto: Hora

„Da kommt Wehmut auf“

Abschied von den AKW-Türmen: So hat ein ehemaliger Mitarbeiter die Sprengung erlebt

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Für manche Menschen war der Abschied von den beiden Kühltürmen in Philippsburg emotionaler. Albert Reichenecker hat 20 Jahre lang Besucher über das Werksgelände geführt. Am Donnerstagmorgen sah sich der 77-Jährige die Sprengung an. Wir haben ihn begleitet.

Albert Reichenecker hat alle Menschen über das Philippsburger Kraftwerksgelände geführt, die das wollten. Experten aus anderen Kraftwerken, Interessierte, auch Greenpeace-Aktivisten. „Wenn jemand was wissen will, kriegt er es gesagt.“ Der 77-Jährige hat vor 19 Jahren seine letzte Führung auf dem Werksgelände an der Rheinschanzinsel gemacht. „Das ist abgehakt“, sagt er.

Als er gefragt wird, ob er sich die Sprengung der Kühltürme am Donnerstagmorgen ansehen möchte, sagt Reichenecker aber sofort zu. „So was erlebt man nur einmal.“

Da kommt Wehmut auf

5 Uhr morgens, Reichenecker steht mit seiner Spiegelreflex-Kamera auf einer Brücke in Philippsburg. Die Kühltürme in drei Kilometer Entfernung sind von hier gut sichtbar. 15 Beobachter sind schon da, weitere werden sich hinzugesellen.

Reichenecker hat wie so viele Menschen aus dem Umfeld des Kernkraftwerks auch nur eine Ahnung und keine Gewissheit, wann gesprengt werden soll. Donnerstagmorgen und nicht am Freitag – das sagen die meisten. „Es wäre der richtige Zeitpunkt – zum Schichtwechsel.“

Das Luftwarnsignal an Block 2 leuchtete in der Nacht noch, jetzt ist es aus. „Es ist schon logisch“, sagt Reichenecker. Drei Mal wird ein Signalhorn noch ertönen, dann geht es los mit der Sprengung.
Er atmet durch. „Da kommt Wehmut auf. Ich habe es sehr, sehr gerne gemacht.“

Aber ich heule nicht

20 Jahre lang erklärte er den Besuchern alles über das Atomkraftwerk, grob geschätzt kommt er auf über 3.800 Führungen. Das Besucherzentrum stand direkt neben den beiden Kühltürmen. „Im Winter hingen tonnenschwere Eisfahnen dran.“ Manchmal, wenn die Sonne hoch stand, sah der Dampf über den Türmen wie eine schwarze Rauchschwade aus. „Das war lustig. Die Leute dachten: Oh, die lassen wieder Dreck ab.“

Das Signalhorn aus dem entfernten Kraftwerk ertönt und ist auf der Brücke zu hören. Vögelgezwitscher ist im Hintergrund noch gut zu hören. „Ich glaube, der Knall nachher wird lauter“, sagt Reichenecker und lacht.

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Er zeigt ein Video auf seinem Smartphone. In der Animation schenken sich die beiden Kühltürme gegenseitig Kaffee ein und gehen dann zu Operngesang unter. Reichenecker kann darüber lachen – auch wenn die Sprengung nur noch wenige Minuten entfernt ist. „Das ist ein blödes Gefühl – aber ich heule nicht.“

Schlimmer war die Abschaltung der Blöcke

Schlimmer als die Sprengung sei die Abschaltung der Blöcke gewesen. „Damals hatte sich noch etwas bewegt. Jetzt stehen die Türme nur noch da.“

Das Signalhorn ertönt ein zweites Mal.

Mit seiner Kamera hielt Albert Reichenecker das letzte Mal ein Motiv der beiden Philippsburger Kühltürme fest. | Foto: Raviol

Reichenecker spricht von der Nacht, in der Greenpeace-Aktivisten das Werk besetzten, als er morgens zur Arbeit vom SEK begrüßt wurde. Er erzählt vom ersten Castor-Transport von Philippsburg nach Gorleben. Von dem Tag, an dem er im letzten Moment das Fernsehteam eines Satire-Magazins auf dem Gelände erkannte und wegschickte. „Wir hatten tolle Erlebnisse“, sagt er.

32.500-Tonnen-Kolosse waren anfällig für Wind

Viele drehen sich um die beiden Kühltürme. „Ich war mal in der Krone – das war schon was.“ Besonders interessierte Besucher wollten immer die Türme sehen. Reichenecker sagte nie nein, auch wenn die Tour dann eine Stunde länger ging. „Wir haben uns rein gehängt. Wenn Führungen waren, stand alles hinten an.“

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Dann erzählte er, dass die 32.500-Tonnen-Kolosse ohne die Windabrisskante bei starkem Wind umgeschmissen werden könnten. „Im Verhältnis gesehen haben die Wände nur ein Zehntel der Stärke einer Eierschale.“ Reichenecker hört sich so an, als würde er gerade noch eine Führung geben – auf der Brücke.

Aber er schüttelt den Kopf. Vor einer richtigen Führung müsste er sich schon nochmal ein bisschen einlesen.

Der erste Blick ohne die beiden Türme

Das dritte Signalhorn ist schon lange ertönt – doch es tut sich nichts. „Jetzt ärgern mich die Türme fast.“ Es soll schnell vorbei sein.

Dann stürzt der erste Turm stürzt, ein Grollen aus der Ferne, keine Minute später liegt auch der zweite, nur eine Staubwolke zieht auf. Was er fühlt? „Man muss den Tatsachen ins Auge schauen“, sagt Reichenecker.

Er macht ein Foto, schaut in Richtung des Werksgeländes. Das erste Mal nach 40 Jahren ist es ein Blick auf die Rheinschanzinsel ohne die beiden Kühltürme. „Ich bin nicht froh darum, aber es ist so. Jetzt ist es Geschichte.“