Ort der Begegnung: Bei solidarischem Eintopf gegen Spende haben sich am Montag auf dem Friedrichsplatz Menschen über Armut ausgetauscht. Caritas, AWO und Diakonie informierten über Ursachen und Hilfsmöglichkeiten. | Foto: Heintzen

„Armut ist weiblich“

Aktionstag in Bruchsal macht auf steigende Zahl armer Menschen aufmerksam

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Mit einem Aktionstag gegen Armut haben Caritas, Arbeiterwohlfahrt und Diakonie am Montag auf dem Bruchsaler Friedrichsplatz auf die steigende Zahl armer Menschen aufmerksam gemacht. Bei „solidarischem“ Eintopf gab es Infos zu Ursachen und Hilfen.

Der Friedrichsplatz hat sich am Montag in eine Open-Air-Gaststätte verwandelt: An mehreren Biertischgarnituren sitzen um die Mittagszeit Menschen und lassen sich „solidarischen“ Linseneintopf und knackig-rote Äpfel schmecken. Die Bewirtung gegen Spende je nach Geldbeutel ist eine Aktion der Diakonie des Landkreises, des Caritasverbands und der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Sie ist Teil der Aktionswoche „Der Mensch ist mehr als eine Zahl“, die die Liga der freien Wohlfahrtsverbände in Baden-Württemberg organisiert hat. „Um Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass es in unserem reichen Land eine steigende Anzahl armer Menschen gibt“, wie Sabina Stemann-Fuchs, Vorstandsvorsitzende des Caritasverbands betont.

Das nehme ich gerne in Anspruch, da spare ich ein Essen

Augenfällig ist eine Gruppe Männer, die einträchtig ihren Eintopf löffelt. Emil hat von einer Freundin erfahren, dass es das Angebot in der Fußgängerzone gibt. „Das nehme ich gerne in Anspruch, da spare ich ein Essen“, sagt der Hartz-IV-Empfänger. Neben ihm sitzt Zvoeko Barisic. Auch er freut sich über das Essen. Er nutzt auch den Tafelladen von Caritas, Deutschem Roten Kreuz und Diakonie gerne – „was sonst mit dem Hartz-IV-Geld, das ist ja eine Lachplatte“, sagt er.

Ein neues Gemüse-Kochbuch enthält Tipps für gesundes Essen

Am Stand des Tafelladens gibt es neben Infos und Äpfeln auch das neue Gemüse-Kochbuch (die BNN berichteten). „Viele Kunden der Tafel wissen nicht, was sie mit Gemüse machen sollen“, so Stemann-Fuchs. Stattdessen würden sie zu Fast Food greifen – das auf Dauer teurer und ungesünder ist. Das simple Kochbuch, das es gegen Spende im Tafelladen und ab kommender Woche im Buchhandel gibt, soll Lust aufs gesunde Kochen machen. Am Aktionstag ist es jedenfalls sehr gefragt: Innerhalb von gut einer Stunde hat die Hälfte des großen Stapels Abnehmer gefunden.

Frauen, die eine kleine Rente bekommen, werden Sie nicht als arm erkennen können

Während der Aktionswoche weist eine Plakataktion neben dem „Pavillon“ auf Risikogruppen für Armut hin: Unter anderem sind das Alleinerziehende, chronisch Kranke, Arbeits- und Wohnungslose. „Das Thema Altersarmut ist weiblich“, konstatiert Stemann-Fuchs. „Das ist nicht nur in Bruchsal festzustellen, sondern im gesamten Bundesgebiet.“ Ulrike Fettig-Durst glaubt, dass es bei diesen Menschen ein großes Schamgefühl gibt, sich die Armut einzugestehen. „Frauen, die eine kleine Rente bekommen, werden Sie auch optisch nicht als arm erkennen können. Die strengen sich sehr an, das nach außen nicht zu zeigen“, sagt die Dienststellenleiterin der Diakonie.

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Menschen reagieren oft zu spät und rutschen dann in Armut ab

Es könne jedoch auch anderen Menschen passieren, plötzlich in Armut abzurutschen. „Das Phänomen ist oft, dass Menschen zu spät reagieren“, erklärt AWO-Geschäftsführerin Elke Krämer. Fettig-Dursts Appell ist daher, dass sich die Leute frühzeitig an Beratungsmöglichkeiten wenden sollen. „Damit wir mit ihnen schauen, wo wir sie unterstützen können.“

Durch meine Spende können auch andere mitessen

Unterstützen wollen auch Sigrid Lomnitzer und Sabine Beck. Die beiden Rentnerinnen kommen seit zwei oder drei Jahren, wie Beck sagt, zu Veranstaltungen, bei denen solidarisches Essen angeboten wird. „Durch meine Spende können auch andere mitessen, die keine Spende geben können“, sagt Lomnitzer. „Es schmeckt auch immer“, lobt Beck.